Kolumne "Nichts Neues":Zugeblinzelt

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Nichts Neues
(Foto: SZ)

Wie lange guckt man jemandem zu, der aufs Meer guckt? Walter Murchs Filmschnitt.

Von Johanna Adorján

Kaum etwas ist so faszinierend, wie Menschen, die ihre Arbeit lieben, über sie reden zu hören. Vor allem Meister ihres Fachs - wie Walter Murch. Als Editor und Sounddesigner wirkte er an Filmen wie "Der Pate", "Apocalypse Now" oder der Verfilmung von Michael Ondaatjes Roman "Der englische Patient" mit. Ondaatje hat ein Buch mit ihm gemacht: "The Conversations" ("Die Kunst des Filmschnitts - Gespräche mit Walter Murch") - in dem Murch unglaublich eloquent und mitreißend vom Abenteuer des Filmeschaffens erzählt.

So glaubt er im Schnittraum herausgefunden zu haben, dass Menschen statistisch am häufigsten blinzeln, während sie einen nicht vokalisierten Konsonanten aussprechen. Also etwa auf einem s oder f. Für Murch bedeutet ein Blinzeln einen guten Moment zu schneiden. Denn was auch immer den Schauspieler exakt hier zum Blinzeln veranlasste, das verspüre auch der Zuschauer. Blickt in einem Film jemand schweigend aufs Meer, ist die Länge, in der dieser Blick gezeigt wird, übrigens nie willkürlich. Murch stellt sich im Schneideraum vor, was dem Charakter im Film an dieser Stelle durch den Kopf geht. Er denkt es sozusagen nach, und das Publikum tue dies ebenfalls. Und alle schwängen immer gleich, die Dauer werde immer von allen in exakt derselben Länge als richtig empfunden. Interessant, oder? Wie Menschen sich ineinander hineinversetzen können.

Eine andere Anekdote von Murch verdeutlicht den Wahnsinn, in den Filmschaffende verfallen können. Sie handelt, natürlich, von "Apocalypse Now". Für eine Szene schwebte Coppola ein irgendwie surrealer Grillen-Klang vor. Tonaufnahmen in der Natur lieferten nicht das gewünschte Ergebnis. Schließlich wurden ein paar Grillen gefangen, die Walter Murch einzeln in seinem Kellerstudio mit dem Mikrofon aufnahm, als wären sie Mariah Carey. Anschließend vervielfältigte er ihr Zirpen, legte Spur über Spur, bis er einen Chor aus tausend Grillentonspuren hatte, die alle auf derselben Tonhöhe zirpten. (Anderswo hat er einmal erzählt, dass die Grillen in seinem Studio überlebten. Noch Jahre später hätte es dort hinter irgendeiner Wand gezirpt, immer im unpassendsten Moment.)

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