bedeckt München 20°

Klassikkolumne:Stümpernde Handwerker flicken die Welt

Mehrere neue Klassik-Alben widmen sich der Sinnlosigkeit unseres Daseins.

Von Reinhard J. Brembeck

Hamlet flucht. Die Welt sei aus dem Leim gegangen und ausgerechnet er, "verflucht, Verdruss!", müsse sie jetzt wieder wie ein stümpernder Heimwerker (Gott sei Dank, dass die Baumärkte derzeit geschlossen sind!) notdürftig zusammenflicken. Das Beispiel des neben Oblomow berühmtesten Nichtstuers der Literaturgeschichte lehrt uns Heutige, dass es keiner Seuche bedarf, um die Welt schaurig und mies zu finden. Hamlets "The world is out of joint" lässt den unbedarften Leser natürlich ganz unbewusst an Drogen denken und die damit drogenhaft betörende Wirkung von Musik. Das gilt auch und besonders für den hemmungslosen Konstruktivisten Johann Sebastian Bach. Und da die Zeiten schon mal aus den Fugen sind, spricht rein gar nichts dagegen, dessen Weihnachts-Oratorium jetzt mit einmonatiger Verspätung (oder elf Monate zu früh) zu hören. Zumal diese Musik, fern von Weihnachtsrummel und Tannenbäumen sehr viel stärker und befreiter wirkt. Haben nicht auch die Christbäume an ästhetischem Wert gewonnen, seit es kein Lametta mehr gibt? Wie dem auch sei, die Neueinspielung durch den Alte-Musik-Altmeister Jordi Savall, er wird im Sommer diesen Jahres und nur wenige Tage nach seinem gleichaltrigen Kollegen Riccardo Muti 80 Jahre alt, beeindruckt durch eine katholisch barocke Klangentfaltung (AliaVox).

Aber so viel Lebensbejahung gegen die miese Welt wie Bach bringt nicht jeder Musiker auf. Vor allem nicht die Sänger Georg Nigl (Alpha) und Philippe Jaroussky (Erato), die sich auf ihren aktuellen Alben der Vanitas verschrieben haben, der Sinnlosigkeit und Flüchtigkeit der real existierenden Welt. Der biblische Existenzialist Kohelet, der Urvater dieser Philosophie, spricht vom Windhauch, moderne Exegeten übersetzen den Kernsatz Kohelets mit "Alles ist sinnlos." Nun sind die Alben Nigls wie Jarousskys durchaus nicht sinnlos. Die Vanitas, die beide beschwören, ähnelt sehr dem Windhauch Kohelets: Ist doch jede Musik genauso schnell wie ein Windhauch vorbei, existiert die Süße des Gesangs doch nur in einem unmessbar kurzen Moment - und dann in der Erinnerung, die einem eine Stimme manchmal Jahrzehnte lang nicht vergessen lässt. Der Countertenor Jaroussky brilliert in Todessehnsüchten des Barock, der Bariton Nigl spannt den Bogen von Ludwig van Beethovens widerspenstiger "Ferner Geliebter" über Schubert-Lieder hin zu Traumstücken nach Texten des Barockdichters und Vanitas-Experten Andreas Gryphius. Die hat Wolfgang Rihm in Musik gesetzt und der ganz unprätentiöse Rihm-Experte Nigl singt sie mehr als nur gut. So jedenfalls ist die Sinnlosigkeit der Welt ziemlich leicht zu ertragen.

Medea dagegen, die große Liebende, Zauberin und nicht nur die Mörderin der eigenen Kinder, erträgt die Vanitas der Welt aber so gar nicht. Sie stört konkret, dass ihr innig geliebter Jason, für dessen Liebe sie wirklich alles und noch mehr getan hat, sie jetzt schnöde für ein nichtssagendes Prinzesschen verlässt. Weshalb Medea dem Jason das Liebste umbringt, die gemeinsamen Kinder. Der aus Böhmen stammende, vor allem in Deutschland tätige Georg Anton Benda, ein Frühklassiker, hat diese bittere Geschichte als packendes Melodram vertont, also für Sprechstimmen mit illustrierender und die Großgefühle zuliefernder Musik. Die Meisterschauspielerin Katharina Thalbach nutzt als Medea alle Mittel extrovertierter Schauspielkunst, ihre hochschäumenden Emotionen werden durch den Dirigenten Marcus Bösch noch weiter angeheizt, und zuletzt ist der Hörer gern bereit, Messer, Pistole oder Gift zum Kindermord zu reichen. Ob dann aber die Vanitas der Welt erträglicher wird? (Coviello)

Die Flucht aus den gängigen Formen der Kunstmusik, wie sie Benda in seinem Melodram vormacht, erleichtert es offensichtlich, die Vanitas der Welt zu ertragen. Eine seit der Wiener Klassik gern geübte Weltflucht führt direkt zur Volksmusik, deren rotzige Widerständigkeit sich nur ungern den erhabenen Zielen der Klassik fügt. Die besten Volksliedbearbeiter kriegen denn auch den Spagat zwischen unbehauen und raffiniert hin, zwischen Windhauch und Ewigkeit. So Luciano Berio in seinen grandiosen "Folk Songs", die flüchtige Momente der Schönheit durch Moderne-Einsprengsel in Zartheit und Brüchigkeit verzaubern. Der immer neugierige und stets Zaubereien vollbringende Dirigent Sylvain Cambreling und die überwältigende Sängerin Catriona Morison geben Berios Arrangements, aber auch Manuel de Falls Todesfantasie "El amor brujo" einen traumhaften Touch, Zartheit und Zukunftsfreude mit (Symphoniker Hamburg).

© SZ/mau
Zur SZ-Startseite
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des Copyrights frei zum Abdruck!!!!

Manon (Jules Massenet)
Premiere: 24.01.2021, 18.00 Uhr
Musikalische Leitung: Sébastien Rouland
Inszenierung: David Bösch

Oper "Manon Lescaut"
:Ohne Geld keine Liebe

Regisseur David Bösch und Dirigent Sébastien Rouland führen Jules Massenets "Manon Lescaut" an der Hamburger Staatsoper leichthändig in die gestreamte Corona-Realität. Elsa Dreisig brilliert in der Hauptrolle.

Von Reinhard J.Brembeck

Lesen Sie mehr zum Thema