Kolumne "Nichts Neues":Es lebe die Einschränkung

Nichts Neues
(Foto: Penguin/Bearbeitung: SZ)

Die schlechtesten Superlative aller Zeiten: Dorothy Parker ist in Bestform und relativiert sich selbst.

Von Johanna Adorján

Dorothy Parker hielt Ernest Hemingway als Romanautor für überbewertet, aber als Verfasser von Kurzgeschichten schätzte sie ihn so sehr, dass sie beim Erscheinen seines Story-Bandes "Männer ohne Frauen" 1927 in ihrer Rezension im New Yorker schrieb, Hemingway sei für sie der größte lebende Verfasser von Kurzgeschichten. Sie wisse nicht, wo man einen besseren Band mit Kurzgeschichten finden könne.

Ein paar Monate später nahm sie in einem weiteren Artikel im New Yorker auf diese Rezension noch einmal Bezug. In der Zwischenzeit, erklärte sie ihren Lesern, habe sie Post von einem freundlichen Herrn bekommen, der sie an den vortrefflichen Kurzgeschichtenband eines anderen Autors erinnert habe, nämlich "Seven Men" von Max Beerbohm. Und dann sei ihr plötzlich auch noch Rudyard Kipling eingefallen, dessen Kurzgeschichten ebenfalls nicht zu verachten seien. Dies habe sie zu der Einsicht gebracht, dass es vermessen gewesen war, für Ernest Hemingways "Männer ohne Frauen" so übereilt und aufsässig zu Superlativen zu greifen. Sie sei damit durch, schreibt sie. In Zukunft wolle sie einen Superlativ nicht mal mehr mit einem Regenschirm anfassen.

Der beste skifahrende Autor mit Schnurrbart und Weltkriegserfahrung

Im Folgenden überlegt sie dann, wie sie ihr Lob auf Hemingway richtiger hätte formulieren sollen. Etwa: "Ernest Hemingway ist für mich der größte lebende amerikanische Verfasser von Kurzgeschichten." Oder: "...der größte lebende amerikanische Verfasser von Kurzgeschichten, der meistens in Paris lebt, in der Schweiz Ski fährt, im Weltkrieg für die italienische Armee arbeitete, um Medaillen und gegen Stiere kämpfte, der im Frühjahr nach New York kommt, in seinen frühen Dreißigern ist, einen schwarzen Schnurrbart hat und immer noch auf die zweihundert Francs wartet, die ich beim Bridge an ihn verloren habe." Oder aber, was vielleicht noch sicherer sei, ein geflüstertes: "Ernest Hemingway ist, für mich, ein guter Autor."

Und nun wolle sie sich von ihren Händen und Knien wieder erheben und die Wäsche für die Woche erledigen.

Die anderen Dorothy-Parker-Texte in diesem Sammelband sind auch alle so gut. Halt, nein - aber wirklich viele.

Weitere Folgen der Kolumne "Nichts Neues" finden Sie hier.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB