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Jörg Lausters Buch "Der heilige Geist - eine Biographie":Der Hauch Gottes

Versöhnung des Glaubens an den allmächtigen Schöpfer mit dem neuzeitlichen Emanzipationsstreben: Marsilio Ficino (1433-1499) war einer der bedeutendsten Intellektuellen der Florentiner Renaissance.

(Foto: imago classic/imago stock&people)

Der Theologieprofessor Jörg Lauster hat eine Biografie des Heiligen Geistes geschrieben. Ist das mehr als ein guter Gag? Absolut!

Von Johann Hinrich Claussen

Manchmal gewinnt man den Eindruck, es gebe nur noch zwei literarische Gattungen: Roman und Biografie. So wie den unterschiedlichsten Erzählwerken das Etikett "Roman" aufgeklebt wird, so werden viele Sachbücher als "Biografie" vorgestellt. Für die Theologie hat der Amerikaner Jack Miles es vor 25 Jahren mit seiner erfolgreichen, aber wenig überzeugenden Lebensbeschreibung Gottes vorgemacht. Nun legt Jörg Lauster, Professor für systematische Theologie in München, eine Biografie des Heiligen Geistes vor. Bemerkenswert ist, dass es Ähnliches für die zweite Person der Trinität nicht zu vermelden gibt. Aus gutem Grund, denn die Leben-Jesu-Forschung hat schon vor mehr als einem Jahrhundert festgestellt, dass man über Jesus von Nazareth keine Biografie schreiben, sondern höchstens ein Lebens- und Erinnerungsbild zeichnen könne. Dennoch hat, jenseits aller Werbeeffekte, Lausters "biografischer" Zugang zum Heiligen Geist einen Sinn: Von vornherein unterscheidet er sich von einer Pneumatologie, also einer dogmatischen Lehre oder abstrakten Spekulation. Eine Geistes-Geschichte möchte der evangelische Theologe erzählen, in der die religiösen, kulturellen und politischen Erfahrungen mit dem Lebensprinzip des Christentums zum Thema werden.

Das Buch kommt zur rechten Zeit. Denn wenn nicht alles täuscht, eröffnet der Geist am ehesten noch Zeitgenossen einen Zugang zum Christentum. Ein steiler Gottesbegriff stößt sie ab, die Gestalt Jesu Christi ist ihnen fraglich geworden. Aber ein Wehen des Geistes hat man selbst schon einmal erlebt, oder man sehnt sich danach. Man stellt sich etwas Belebendes darunter vor, das von außen kommt und einen doch innerlich erfüllt, tröstet und inspiriert, Beziehungen stiftet und für unterschiedliche Deutungen offenbleibt.

Lauster greift die gegenwärtige Beliebtheit des Geistes auf, um sie gedanklich zu vertiefen und vor den weiten Horizont der Christentumsgeschichte zu stellen. Da er nicht nur ein gelehrter, sondern auch gebildeter Autor ist, der zugleich elegant, klar und verständlich zu schreiben versteht, ist sein historisches Gedankenpanorama eine Lesefreude, auch für Nicht-Theologen. Wer seine 2014 erschienene großartige Kulturgeschichte des Christentums "Die Verzauberung der Welt" genossen hat, wird nun auch nicht enttäuscht werden.

Ein mächtiger Impuls, der sich nicht in unbestimmter Spiritualität erschöpft

Im Grunde ist Lausters Geist-Geschichte eine Fortsetzung und Vertiefung seiner Kulturgeschichte. Denn er versucht, den Geist als die innere Kraft der Christentumsgeschichte vorzustellen. Dazu untersucht er als evangelischer Theologe natürlich zunächst die biblischen Zeugnisse über den "Hauch" Gottes, der vor der Schöpfung über den Wassern schwebte, die Begeisterung der Propheten, das Charisma Jesu und die Geist-Theologie des Paulus. Geist erscheint dabei als ein mächtiger Impuls, der sich nicht in einer unbestimmten, individuellen Spiritualität erschöpft, sondern in der Geschichte Gestalt annimmt.

Aus seinem Wirken entstehen im Verlauf des antiken Christentums der Kanon, das Amt, die Lehre und die Sakramente. Darin zeigt sich das Wirklichwerden des Geistes, jedoch auch seine Verdinglichung und Entfremdung in der kirchlichen Institution. Hätte Lauster allerdings nicht nur die biblischen Texte, sondern auch die neueren Erkenntnisse der Archäologie herangezogen, wäre dieser Abschnitt weniger hegelianisch-zielgerichtet ausgefallen. Denn die gelebte Religiosität der frühen Christen war uneindeutiger, als es geschrieben steht. Davon abgesehen bleibt Lausters Grundthese einleuchtend, dass sich das frühe Christentum, gerade weil es an einen Gott glaubte, der "Geist ist", eine soziale Gestalt gegeben hat.

Jörg Lauster: Der heilige Geist - Eine Biographie, C.H. Beck Verlag, München 2021. 431 Seiten, 30 Euro.

Seine ganze Meisterschaft entfaltet Lauster in den Abschnitten, die sich zwei herausragenden und zugleich beargwöhnten Gestalten des Mittelalters widmen: Er erhellt ihre fremden, dunklen Theologien und zieht von ihnen aus weite Linien bis in die Gegenwart. So hat Meister Eckhart eine Mystik begründet, die den Geist aus klerikalen Festlegungen befreit und der eine untergründige Wirkungsgeschichte bis zur Romantik, zu Robert Musil oder Václav Havel beschieden sein sollte. Und Joachim von Fiore hat ein utopisches Denken eröffnet, das dem Geist eine ungeheure politische Kraft zuweist und auf christliche Friedensbotschafter wie die Quäker oder Albert Schweitzer, aber auch auf Geschichtsdenker wie Hegel vorausverweist. Doch den eigentlichen Mittelpunkt dieses Buches bildet eine Gestalt, die hierzulande kaum bekannt ist und die man in einer protestantisch geprägten Theologiegeschichte nicht erwarten würde: Marsilio Ficino.

Ficinio, der von 1433 bis 1499 lebte, war einer der bedeutendsten Intellektuellen der Florentiner Renaissance. Dessen Erlösungslehre hat Lauster seine Doktorarbeit gewidmet. Nun stellt er ihn als den bedeutendsten Geist-Denker des Christentums vor, der die Grundlagen eines neuzeitlichen Glaubensverständnisses geschaffen habe. Indem er lehrte, den Menschen als Ebenbild Gottes zu sehen, das mit einer unendlichen Würde ausgestattet sei, habe er den Glauben an den allmächtigen Schöpfer mit dem neuzeitlichen Emanzipationsstreben versöhnt: "Frei ist der Mensch, weil er Ebenbild Gottes ist. Gottes Ebenbild ist er, weil Gottes Geist im Geist des Menschen wirkt."

Erst Ficino ermöglichte eine überkonfessionelle Theologie der Liebe

Ficinos zweite Leistung erkennt Lauster darin, dass er den paulinischen mit dem platonischen Liebesbegriff, Agape mit Eros, vermittelt habe, um so eine überkonfessionelle Theologie der Liebe zu ermöglichen. Darin erweise sich das Wirken des Geistes, dass der Mensch seine Mitmenschen, andere Geschöpfe, ja das Universum lieben könne. Hieran schließe die dritte Inspiration an, die Ficino zu verdanken sei: Er habe den Blick für Spuren des Heiligen Geistes in der menschlichen Kultur, vor allem in der Dichtung, eröffnet und damit die moderne Kulturtheologie begründet.

Viele Theologen sollten Ficino nachfolgen, meist unbewusst. Doch so hinreißend sich Lausters Loblied auf Ficino liest, mündet es doch in schwer zu beantwortenden Fragen und ernstem Selbstzweifel. Denn die Linie, die mit dem Humanisten aus Florenz begann, droht abzureißen. Die Kultur versteht sich säkular, und wo das Christentum stark ist, trägt es ein antiliberales Gepräge. Doch Lauster weigert sich, ökonomische Beschreibungsmodelle wie Wachstum oder Kundenschwund als ausschlaggebende Kriterien anzuerkennen. Trotz sinkender Nachfrage steht er weiterhin für eine liberale Kulturtheologie, ist aber ebenso in der Lage, deren Schwäche einzugestehen, wie die Stärken eines charismatischen oder traditionalen Christentums anzuerkennen. Deshalb setzt er auch nicht auf das kapitalistische Prinzip der Konkurrenz, sondern auf eine Ökumene, in der sich die unterschiedlichen Spiritualitäten wechselseitig inspirieren. Ob dies die Zukunft des Christentums ist? Der Geist bläst, wo und wann er will. Mal vermisst man sein Rauschen, mal hört man es wohl. Aber wieso und woher es kommt und wohin es fährt, das weiß niemand.

© SZ/crab
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