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Joel und Ethan Coen:"Oscarnominierung? Fühlt sich seltsam an."

SZ: Dabei war Charles Portis einer der Väter des New Journalism, Ende der sechziger Jahre schrieb er eigentlich für Amerikas Blumenkinder.

Joel: Das ist wirklich unerwartet, wohl wahr. Aber interessant. Wobei - auch Tom Wolfe ist ja in seinem New Journalism von den Details besessen, wie die Leute reden, die Kultur der Zeit. Er kommentiert aber offener, satirischer.

Ethan: Charles Portis hat auch eine gewisse Komik in seinen Geschichten, aber trockener.

Joel: Trockener.

SZ: So trocken wie die Ironie der Coen-Brüder?

Ethan: Ich bin mir nicht sicher, ob wir in diesem Film überhaupt Ironie drin haben. Oder Komik.

Joel: Yeah. Unser Humor ist diesmal so trocken, dass er gar nicht vorhanden ist.

SZ: Derzeit müssen Sie sich an eine neue Rolle gewöhnen: Stammgäste bei den Oscars. Schon wieder zehn Nominierungen.

Joel: Ja. Fühlt sich seltsam an. (zu Ethan) Du bist letztes Jahr hingegangen, oder?

Ethan: Yeah.

Joel: Muss ich dann diesmal? So fühlt es sich ungefähr an: Wer muss diesmal hin? Ein sehr, sehr sonderbares Gefühl.

SZ: Ihr alter Buddy Roderick Jaynes, der den Film geschnitten hat, wurde nicht nominiert.

Ethan: Roderick wurde böse übergangen, yeah.

SZ: Er ist ein notorischer Stinkstiefel, der Sie gern als inkompetente und prätentiöse Stümper beschimpft. Was hält er von "True Grit"

Joel: Da bin ich mir jetzt nicht sicher, was er davon hält.

SZ: Hat er wenigstens das Gefühl, dass Sie als Filmemacher gewachsen sind in den letzten Jahren?

Ethan: Hehe. Nein, also dieses Gefühl hat er ganz bestimmt nicht.

SZ: Wie alt ist er denn jetzt?

Joel: Oh mein Gott, wie alt. Als wir mit ihm anfingen, war er um die achtzig. Er muss also schwer auf die hundert zugehen.

Ethan: Aber er arbeitet noch. Man darf nur sein Alter nicht erwähnen.

Joel: Zuletzt hat er meines Wissens den Film "Hot Tub Time Machine" geschnitten. Müsste man verifizieren.

SZ: Wird er die weltgrößte Kollektion mit Nacktfotos von Margaret Thatcher, die er besitzt, je veröffentlichen? Wir hätten da in Deutschland einen interessanten Verlag dafür, Taschen ...

Ethan: Oh yeah, Taschen. Diese riesigen Folianten... verkaufen die sich?

Joel: Müssen sie wohl! Ein gigantisches Coffeetable-Book mit Rodericks Thatcher-Fotos. Yeah, das wär's!

SZ: Leider existiert Jaynes nur in Ihrem Kopf - er ist das Pseudonym, das Sie in den Vorspann schreiben, wenn Sie Ihre Filme selbst schneiden. Einmal, bei "Fargo", wurde er aber wirklich für den Oscar nominiert - und sogar eingeladen.

Joel: Ja, wir hatten schon den Schauspieler Albert Finney überredet, der verkleidet in Jaynes' Identität schlüpfen wollte, um den Oscar entgegenzunehmen. Leider hat die Academy nicht mitgespielt und die Sache publik gemacht.

SZ: Warum haben Sie Finney nicht einfach heimlich eingeschmuggelt?

Ethan: Wissen Sie, wie oft man da seinen Ausweis zeigen muss, bevor man ins Kodak Theatre rein darf? Nein, das wäre leider nicht gegangen.

SZ: Ihr letzter Oscar, haben Sie erzählt, ist direkt in Ihre "Life is Strange"-Akte gewandert.

Ethan: Yeah.

SZ: Was wird noch in dieser Akte abgeheftet?

Joel: Da kommt nicht so oft was rein. Vielleicht, dass "True Grit" jetzt so ein riesiger Erfolg beim Publikum ist.

SZ: Und was ist mit den seltsamen Meldungen aus der Wirklichkeit? Wie der, die Sie seinerzeit zu "Fargo" inspiriert hat: "Mann in Connecticut wirft Frau in Gartenhäcksler"?

Joel: Solche Sachen kommen da nicht rein. Das würde zu voll.

Ethan: Das wären zu viele. Wir hätten das schon mit eigenen Augen sehen müssen. Wenigstens im Vorbeifahren.

Joel: Mindestens. Noch sicherer wäre die Aufnahme in die Akte, wenn Ethan selbst im Häcksler landen würde. Oder meinetwegen ich.