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Zum Tod von Joel Schumacher:Sein und Design

FILE PHOTO: Director Schumacher waves as he poses during a photo call at the International Rome Film Festival; FILE PHOTO: Director Schumacher waves as he poses during a photo call at the International Rome Film Festival

Joel Schumacher studierte Modedesign in New York, arbeitete als Kostümbildner für Woody Allen und drehte Blockbuster wie "Batman und Robin".

(Foto: Alessandro Bianchi/Reuters)

Dass er vom Kostüm kam, hat man seinen Filmen immer angesehen: Joel Schumacher, der das Blockbusterkino der Neunzigerjahre prägte, ist im Alter von 80 Jahren gestorben.

An der Stelle, an der biedere Hollywoodstars gerne über irgendwelche schwachsinnigen Erweckungserlebnisse im Schultheater erzählen, wenn man sie nach ihrer Kindheit fragt, sagte Joel Schumacher: "Ich fing an zu trinken mit neun, fing an zu rauchen mit zehn, und mit elf begann ich, mich sexuell auszutoben."

Das Leben, das viele erst führen, nachdem sie berühmt werden, lebte er bereits vor seiner Karriere als einer der erfolgreichsten Hollywoodregisseure der Neunzigerjahre. Schumacher kam 1939 in New York zur Welt und erkor als Kind diese irre Stadt zu seinem Mentor: "Wenn man ein Einzelkind ist, der Vater tot und die Mutter sechs Tage und drei Nächte die Woche arbeitet, dann bist du frei. Damals konnte man mit dem Fahrrad noch über die 59th-Street-Bridge fahren, ich bin mit dem Rad überall hin ..."

Er ebnete den Weg für Demi Moore, Matthew McConaughey, und besonders: Julia Roberts

Nicht trotz, sondern wegen dieser sehr frühen Sturm-und-Drang-Phase bekam Schumacher später einen der begehrten Studienplätze in der Parsons School of Design. Er arbeitete einige Zeit in der Modeindustrie und kam so zum Job des Kostümdesigners beim Film, durch den er illustre Leute kennenlernte. Woody Allen zum Beispiel, der ihn 1973 mit dem costume design für "Sleeper" beauftragte, und für den er später auch "Interiors" ausstattete. Die beiden wurden Freunde zu der Zeit, als Allen sich von Diane Keaton getrennt hatte und auch Schumacher gerade Single war. Gemeinsam gingen sie auf viele Partys und standen sich beim Flirten nie im Weg, Allen hetero, Schumacher schwul.

Dass er sich auch als Regisseur mit Blockbuster-Budgets austoben durfte, ergab sich in den Achtzigerjahren. Damals etablierte er sich mit dem Inszenieren von Musikvideos - er drehte unter anderem für INXS und die Smashing Pumkins - und Teenagerfilmen wie "The Lost Boys". Das Genre erlaubte ihm, mit jungen Schauspielerinnen und Schauspielern zu arbeiten, deren Potenzial er sofort erkannte, und von denen ihm viele ihren späteren Ruhm verdanken. Schumacher ist der entscheidenden Förderer von Demi Moore, Colin Farrell, Matthew McConaughey, und besonders von: Julia Roberts. "Da kam dieses Mädchen in mein Haus, zerrissene Jeans, kein Make-up, barfuß, die Haare hochgesteckt. Sie war vielleicht 19 oder 20, aber mir war sofort klar: Wer diese Frau nicht sofort engagiert, hat im Filmgeschäft nichts zu suchen." 1990 drehte er mit ihr "Flatliners", kurz bevor "Pretty Woman" ins Kino kam. Der Thriller war sein Ticket in Hollywoods Oberklasse, es folgte "Falling Down", 1993, mit Michael Douglas.

Es waren Jahre in Hollywood, in denen man noch üppige Budgets für Originaldrehbücher bekam, als Regisseur sich austoben durfte und die Marktforscher noch nicht so viel Macht hatten. Es war aber auch eine Zeit der Transformation, als die Betonung in show business immer weniger auf show und immer mehr auf business lag, und die großen Studios längst von den Bankern an der Ostküste übernommen worden waren. Schumacher wurde ein erfolgreiches Kind dieser Blockbusterisierung. Er verfilmte John Grisham, "Der Klient" und "Die Jury", und er drehte "Batman Forever" und "Batman und Robin".

"Beim Filmemachen geht es nicht nur um Blowjobs und Sonnenbrillen"

Dass Schumacher vom Kostüm kam, hat man seinen Filmen immer angesehen. Auch wenn die Schlaumeier unter den Kritikern gerne anderes behauptet und ihn lange auf ihre Hassliste gesetzt haben: Das Operettenhafte von Blockbustern wie "Batman und Robin", 1997, passte auch perfekt zum Look der hedonistischen Neunzigerjahre, die letztlich doch ein sehr unterbeschäftigtes Jahrzehnt waren. Im Gegensatz zu den anderen Popcorngiganten des Actionkinos der Neunzigerjahre - Michael Bay zum Beispiel -, sah Schumacher auf seine Figuren nie mit Zynismus hinab. Vielleicht wurde er deshalb so leidenschaftlich verachtet von den Kritikern, weil seinen Werken die Selbstironie abging, die ihm immer ein viel zu billiges Werkzeug war, um die Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Trotz des Pomps und des Irrsinns - sein Batman-Kostüm hatte Brustwarzen! - nahm er die Sache mit dem Geschichtenerzählen sehr ernst. Er war auch längst nüchtern damals, denn gefeuert wollte er höchstens für einen schlechten Film werden, nicht aber, weil er morgens betrunken am Set auftauchte.

Die größenwahnsinnigen Budgets waren irgendwann weg, die Neunzigerjahre fast vorbei, Schumacher verlegte sich auf kleine, harte Thriller wie "8mm" mit Nicolas Cage und "Nicht auflegen!" mit Colin Farrell. Das waren die besseren Jobs, fand er später, Blockbuster machten einen doch nur irre. "Ich sage es an den Filmhochschulen immer wieder: Beim Filmemachen geht es nicht nur um Blowjobs und Sonnenbrillen für dich, jede Einstellung ist harte Arbeit."

Am Montag ist Joel Schumacher im Alter von 80 Jahren an einem Krebsleiden in New York gestorben.

© SZ vom 24.06.2020/tmh

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