Joan Baez in München Göttinnendienst

78 und noch immer kein bisschen leise: Joan Baez auf ihrer Abschiedstournee 2019.

(Foto: Manuel de Almeida/EPA-EFE/REX/Shutterstock)

Joan Baez reißt in der Münchner Philharmonie auf ihrer Abschiedstour die Barrieren zwischen Vorgestern und Heute nieder. Wie könnte ein Konzert besser sein?

Konzertkritik von Kurt Kister

Um drei viertel zehn singt der ganze Gasteig. Es ist zwar nur das Leilalei-Lalalaleilalei aus "The Boxer" von Simon and Garfunkel, aber das hat jeder und jede der mehr als zweitausend Göttinnendienstbesucher drauf. Die Göttin steht in Jeans auf der Bühne und nachdem sie " but the fighter still remains" gesungen hat, kommt das Leilalei der Menge noch entschiedener.

Joan Baez, die Göttin, ist im Januar 78 Jahre alt geworden. Seit mehr als einem Jahr ist sie auf Abschiedstournee vor stets ausverkauften Häusern. Die Leute kommen sicher auch, um sie (noch mal) singen zu hören. In erster Linie aber kommen sie, weil Joan Baez die sonst undurchdringlichen Barrieren zwischen dem Vorgestern und dem Heute für ein paar Minuten, vielleicht sogar ein ganzes Konzert lang, niederreißen kann. Gegen Ende ihres Auftritts im Gasteig singt sie "Imagine" von John Lennon. Es gibt immer wieder Zeilenapplaus, besonders laut ist er bei der Aufforderung, man solle sich vorstellen, es gäbe keine Religionen mehr. Braucht man auch nicht, vor allem nicht an diesem Abend, der Konzert und Kirchenbesuch zugleich ist.

Baez' Aktivismus ist heute noch so glaubhaft wie 1969

Nüchtern betrachtet kann Joan Baez nicht mehr so singen, wie sie das früher konnte. Ihr Sopran, der einst sogar Dylans Nuschelpoesie in ungeahnte Höhen gebracht hat, ist stumpfer geworden, aber nicht unrein. Baez hat eine noble, reife Stimme mit großer Ausdruckskraft. Wer viel Baez gehört hat, der hört in diesem Konzert manchmal ein Duett in seinem eigenen Kopf: Das hell strahlende "Farewell, Angelina" von 1965 und das dunklere, wehmütige "Farewell, Angelina" von 2019. Die Angelina von heute geht noch mehr ins Herz, auch weil das Farewell mehr als 50 Jahre später eine andere Bedeutung hat.

Profil Joan Baez
Profil

Joan Baez

Eine fast heilige Johanna und stets politische Sängerin auf Abschiedstournee   Von Kurt Kister

Baez war immer eine singende Politaktivistin und, anders als Willie Nelson oder auch ihr part time lover Bob Dylan, nicht nur eine politisch aktive Sängerin. Daher rührt auch, dass es immer noch glaubhaft klingt, wenn sie über den getöteten Arbeiterführer Joe Hill singt, auch wenn sie es eben nicht mehr in dem reinen Sopran tut wie 1969 in Woodstock.

Viele im Publikum haben Baez 30 oder 50 Jahre lang gehört

Aber wer, wenn nicht dieses Publikum, wüsste nicht, was man im Alter verliert und was man dazugewinnt. "Call me any name you like, I will never deny it" heißt es in "Farewell, Angelina", dem Dylan-Song, den Joan Baez auch heute noch so interpretiert, wie es niemand anders seit ihrem vierten Studioalbum 1965 getan hat.

Call me any name you like, nenn mich alt, aus der Zeit gefallen, egal. Ich werde es nicht abstreiten. Aber dafür singe ich "Me And Bobby McGee", "Catch The Wind" und "Donna, Donna". Genau das macht Joan Baez in ihrem Münchner Konzert. Ziemlich viele im Publikum haben Joan Baez dreißig oder fünfzig Jahre lang gehört, gesungen und wahrscheinlich auch verehrt. Die Verehrung hat mit Baez eindeutiger Haltung zu tun. Als sie "Deportee" ankündigt, einen Song von Woody Guthrie über mexikanische Migranten, die bei ihrer Abschiebung zu Tode kamen, sagt sie fast nebenbei: "Mein eigener Präsident ist krank und gefährlich." Hätte man diesen Satz gemeinsam mit ihr singen können, die Leute im Gasteig hätten es bestimmt getan. Wenn man auf ein Baez-Konzert geht, will man auch politisch sein, sogar da, wo es Joan Baez selbst, und sei es nur unbewusst, in jenem Moment nicht ist.

Ein anderer Song, den sie spielte, war "Another World", ursprünglich von Antony And the Johnsons. Es geht darin darum, dass wir eine andere Welt brauchen, weil die, die wir haben, nearly gone ist. Baez also sang davon, und als eine Zeile kam, dass man in dieser Welt auch die Bienen vermisse, klatschten etliche. Hätte ja sein können, dass die Göttin das bayerische Bienenvolksbegehren zu würdigen wusste.

Ganz subjektiv: Wie soll ein Konzert noch besser sein?

Das Programm, die Setlist, die Joan Baez für ihre Abschiedstournee ausgewählt hat, ist, wen wundert es, auch ein manchmal leicht ironischer Blick zurück auf fast 60 Jahre Bühnenpräsenz. Viel davon ist Best-of-Sixties-Folk, oft berührend, bewegend, melancholisch. Manches erinnert ein wenig an frühe Teestuben-Atmosphäre, etwa wenn sie "Sagt mir, wo die Blumen sind" auf Deutsch singt. (War damals auch auf der "Farewell, Angelina"-LP. Wir haben die wirklich, wirklich rauf und runter in der Teestube gehört.)

Das Blumen-Lied kann Joan Baez auswendig. Das einzige Mal, dass sie bei dem Konzert überhaupt ein Blatt auf einem Notenständer nutzt, ist ihre regionale Verbeugung, die sie bei jedem Konzert macht. In Paris sang sie zum Beispiel "Le Déserteur" nach einem Gedicht von Boris Vian, in Rom war es mal "Bella Ciao" und in München hört man "Der Mond ist aufgegangen" von Matthias Claudius - und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.

Ganz subjektiv: Wie soll ein Konzert noch besser sein? Joan Baez mit ihrem trommelnden Sohn Gabe auf der Bühne, und man hört zwei Stunden lang den Soundtrack des eigenen Lebens. Göttinnendienst halt.

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