Süddeutsche Zeitung

Joan As Police Woman:"Geister können mir nichts mehr anhaben"

Lesezeit: 5 min

Auf ihrem neuen Album "The Classic" klingt die Wahl-New Yorkerin Joan Wasser alias Joan As Police Woman so soulig, optimistisch und beschwingt wie nie. Ein Gespräch über Licht- und Schattenseiten der Liebe, Nostalgie und Adoptiveltern.

Interview von Martin Pfnür

Aus der Vita von Joan Wasser könnte man ein Drehbuch basteln: Als Baby von ihren Eltern zur Adoption freigegeben, wächst sie in Norwalk, Connecticut auf, begeistert sich früh für die Violine und studiert später in Boston Musik - a llerdings nur, um sich bald von der Klassik ab- und mitsamt Violine dem Punk zuzuwenden.

Es folgen erste Platten mit der Indierock-Band "Dambuilders", ein Schicksalsschlag, Touren als Musikerin für Antony & The Johnsons, Rufus Wainwright und Lou Reed - und erst mit Mitte 30 eine Solokarriere unter dem Namen Joan As Police Woman.

Nun hat die 43-Jährige ihr fünftes Album "The Classic" veröffentlicht, auf dem sie sich ebenso versiert in Soulgefilden tummelt wie im Doo-Wop oder im Reggae - eine musikalische Probierfreude, die man auch als Zeichen einer neuen Entspanntheit werten darf.

SZ.de: Ms. Wasser, es heißt, Ihr neues Album sei das erste, das Sie als Single geschrieben und aufgenommen haben. Wie hat sich das denn auf "The Classic" ausgewirkt?

Joan Wasser: Ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung dieses Albums war der Umstand, dass ich zu dieser Zeit endlich einmal nicht meine ganze Energie in jemand anders fließen ließ, sondern in mich selbst. Und dann war da dieses großartige Gefühl von Freiheit, nach dem ich mich sehr gesehnt habe. Natürlich kann man sich auch in einer Beziehung frei fühlen - nur war das bei mir leider schon länger nicht mehr der Fall. Mehr Energie, mehr Freiheit, das sind wohl die Gründe, warum dieses Album weniger melancholisch und auch stilistisch offener als die anderen ausgefallen ist.

Dafür schwärmen und schwelgen Sie umso mehr. Etwa im Titelstück, in dem Sie den "ultimativen Lover" besingen. Haben Sie sich während der Aufnahmen etwa wieder verliebt?

Nein, nein, das kam erst danach! Es finden sich zwar viele Liebeslieder auf dem Album, sie beziehen sich aber nicht auf eine konkrete Person, eher auf eine Art Ideal, das ich hoffte, irgendwo da draußen zu finden - und jetzt möglicherweise gefunden habe.

Auf der anderen Seite gibt es auch wieder dunklere Stücke zu hören, die als Beziehungs-Reflexion angelegt sind. In "Good Together" wirkt das lyrische Ich emotional sehr verwirrt, regelrecht zerrissen.

Dieser Song handelt von der Phase ganz am Ende meiner letzten Beziehung. Diese Phase, wenn du weißt, dass es vorbei ist, dass es einfach nicht mehr funktioniert - und man trotzdem noch Liebe für die Person empfindet.

Beim Hören lässt sich dieser Zwiespalt gut mitverfolgen.

Ja, es ist schon komisch, wenn du an einem Tag denkst "Ein Glück, damit bin ich durch" und am nächsten "Oh, aber vielleicht könnten wir uns ja vielleicht doch noch mal treffen, und ...". Es macht dich wahnsinnig, weil du emotional hin und herspringst. Diesen Zustand wollte ich abbilden.

Im Refrain ermahnen Sie sich dann immer wieder: "I don´t want to be nostalgic for something that never was." Schon seltsam, dass wir in Beziehungsfragen immer wieder zur romantischen Verklärung neigen.

Grundsätzlich finde ich, dass es ein sehr schöner menschlicher Wesenszug ist, sich in diesen Fällen bevorzugt an die guten Zeiten zu erinnern, auch wenn man damit die weniger tollen Momente und Phasen ausklammert und sich weigert anzuerkennen, dass man als Paar einfach nicht kompatibel war.

Die Erinnerung schönt und selektiert, wo sie nur kann ...

Und das ist auch gut so! Wenn ich mir vorstelle, dass diese Gefühle, die ich hatte, als jemand starb, der mir sehr nah war, überdauern würden - grauenhaft! Es wäre uns wohl kaum möglich, unser Leben fortzuführen, wenn so etwas bleiben würde.

Sie meinen Jeff Buckley (der Musiker Jeff Buckley, Sohn des Songwriters Tim Buckley, ertrank 1997 im Alter von 30 Jahren im Mississipi. Buckley war damals mit Joan Wasser liiert, Anm. d. Red.).

Ja.

Antony Hegarty, in dessen Begleitband Sie Violine spielten, bezeichnen Sie in dieser traurigen Angelegenheit als ihren "Retter".

Es ging mir damals wirklich sehr schlecht, und Antony hat mir sowohl persönlich als auch durch seine Musik sehr geholfen. Ich war damals jung und hatte keine Ahnung, wie ich mit dem, was passierte, umgehen sollte. Wenn Anthony singt, klingt es immer ein wenig, als würde er weinen - und ich wollte die ganze Zeit weinen. Es war heilend.

Haben Sie das Gefühl, diese Zeit verarbeitet zu haben?

Eigentlich schon. Sehr selten passiert es jedoch, dass ich die Straße heruntergehe und plötzlich fühlt es sich kurz an, als würde mich jemand mit Erinnerungen an Situationen, die ich komplett verdrängt habe, von hinten erstechen. Übel, solche Momente.

Um noch mal auf die Nostalgie zurückzukommen: "Good Together" lassen Sie ja in ein regelrechtes Soundinferno münden - es scheint, als ob Sie so mit der Nostalgie abschließen, sie mittels Feedbackgewitter und donnerndem Schlagzeug in Luft auflösen wollten.

Für mich ist es mehr eine Entkoppelung intensiver, unkontrollierbarer Emotionen und Zustände verschiedenster Art: Zorn, Frustration, Ekstase. All das, was am Ende dieser letzten Beziehung in mir vorging. Das waren Dinge, die während der Produktion des Albums immer noch in mir schlummerten und für die ich an dieser Stelle einen guten Platz fand. Manches lässt sich mit Musik einfach wesentlich besser ausdrücken als mit Worten.

Sie sind bereits als Baby adoptiert worden, weil ihre Eltern noch zu jung waren, um ein Kind aufzuziehen. Haben Ihre Adoptiveltern Sie frühzeitig darüber aufgeklärt?

Ja, glücklicherweise bin ich in einer großartigen Familie aufgewachsen, in der mir meine Adoptiveltern von Anfang die Wahrheit in dieser Angelegenheit gesagt haben.

Haben Sie ihre biologischen Eltern schon mal getroffen?

Ja, aber es fühlt sich nicht so an, als wären sie meine Eltern. Mehr wie die Leute, die mich eben "gemacht haben". Meine Mutter fühlt sich mehr wie eine Schwester, mein Vater mehr wie ein Onkel für mich an. Das kommt natürlich daher, dass ich nicht mit ihnen aufgewachsen bin. Sie sind mir nahe, aber sie sind eben nicht meine Eltern im familiären Sinn.

Zum Ende noch ein schweres Geschütz: Wie wichtig ist die Liebe - also jene im klassischen Sinne - heute?

Oh, Sie sprechen hier mit jemandem, der es liebt, verliebt zu sein, von daher ist meine Meinung vielleicht nicht so wirklich repräsentativ. Nun, das Leben ist sicherlich auch ohne großartig - besonders wenn man neugierig bleibt und enge Freundschaften unterhält. Was die angesprochene Liebe aber so besonders macht, ist dieses alles überstrahlende Gefühl der Verbundenheit. Als Mensch ist man sonst ja oft allein, etwa in der Öffentlichkeit: Jeder fingert an seinem Handy rum, keiner blickt einen wirklich an - es gibt eine Menge Momente, in denen man sich "unverbunden" fühlt.

Sie haben kürzlich angekündigt, dass man auf ihrer Tour eine "komplett neue, schwer verliebte Joan" erleben werde, die "nicht mehr von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird". Die Aussage hat also noch Bestand?

Absolut. Ich habe einen neuen Weg gefunden, mit meiner Vergangenheit umzugehen. Geister können mir nichts mehr anhaben, solange ich sie nicht lasse. Es wird nichts und niemand mehr zurückkommen und mich heimsuchen. Ich habe meinen Frieden mit mir gemacht.

Dann hoffe ich, dass Sie sich diesen Frieden bewahren.

Ja, das werde ich. Das ist doch das, was police women machen: den Frieden bewahren.

Joan As Police Woman ist derzeit auf Deutschland-Tour:

1. April, Düsseldorf, Zakk, 2. April, Bielefeld, Forum , 3. April, Frankfurt am Main, Mousonturm

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