Süddeutsche Zeitung

Joachim Kaiser zum 80.:Ohr, du Fröhliche

Musik-Maniac: Schriftsteller Martin Walser erklärt, wie er durch den SZ-Musikkritiker Joachim Kaiser an die Klassik herangeführt wurde. Der Versuch einer Annäherung zum 80. Geburtstag.

Den Kritiker Joachim Kaiser und den Schriftsteller Martin Walser verbindet eine Freundschaft, die bis in die fünfziger Jahre, in die frühen Zeiten der Gruppe 47 zurückreicht. Sie litt auch unter einigen eher verhaltenen Kritiken nicht. Phantasie und Erfindungswille des Schriftstellers, fand Jochim Kaiser, seien zuweilen größer, als dass man sie in einem formal geglückten Roman noch unterbringen könne. Ein Zerwürfnis aber, versichert Joachim Kaiser, habe es wegen solcher gelegentlichen Vorbehalte nie gegeben. Zusammengehalten wurde die Freundschaft auch durch die Damen, Susanne Kaiser und Käthe Walser, zwei Schwäbinnen.

Joachim Kaiser hat so über Musik geschrieben, dass der Satz, über Musik schreiben sei wie reden über gemaltes Essen (immerhin von Hans Pfitzner), nicht mehr gilt. Wenn ich über Musik schreiben muss, weil ich über Joachim Kaiser schreiben will, ist das anders. Da fliegt mich Schwere an.

Kierkegaard hat Don Giovanni in der Kopenhagener Oper mehr als zwanzigmal gehört. Gehört! Nicht gesehen. Er hat einen Platz gefunden, von dem aus nichts mehr gesehen werden musste. Als er dann über seine Mozart-Erfahrung schreibt, will er sich hüten, "in linguistischer Brunst die Impotenz der Sprache zu bekunden". Joachim Kaiser muss solche Skrupel nicht haben. Ich schon.

Musik ist unser aller Innigstes, die Sprache hat es schwer, ihr zu entsprechen. So schwer wie bei Träumen, wie bei allem Religiösen.

Ton eines Entdeckers

Ich bin durch angejahrten Takt darauf verwiesen, mich Joachim Kaiser, dem Schriftsteller zu nähern, nicht dem, dem ich in Jahrzehnten gelegentlich gegenübersaß, oder mit dem ich spazieren ging im unwegsamen Wald, Susanne war da dabei.

Der Ton, in dem Joachim Kaiser seine "Hörerfahrungen" präsentiert, ist der Ton eines Entdeckers. Ein Ton, der von der Fülle des Gehörten lebt, des Erfahrenen. Ein Columbus-Ton. Da liegt dieses prachtvolle Amerika, und ihr habt es nie entdeckt! So ein Ton. Beethoven nicht nur als ein Notenereignis, sondern als eine Hörerfahrung. Und am liebsten aus dem Konzertsaal. Die wirkliche Musik. Das hat etwas Kopernikanisches. Endlich ist das Wort "authentisch" am Platz. Joachim Kaiser konzediert den Notenforschern, dass sie wegen der "unfixierbaren, ungegenständlichen Flüchtigkeit" von "Hörerfahrungen" den Schreibtisch dem Konzertsaal vorziehen mögen.

So souverän bescheiden erklärt er, warum er uns trotzdem mit einer nicht so leicht fassbaren Fülle von Hörerfahrungen beschenkt. Anders als beschenkt kann ich mir nicht vorkommen, nachdem ich unter Joachim Kaisers Wegweisung von Artur Schnabel und Elly Ney bis Ivan Pogorelich zugehört habe. Ich landete auf meiner Joachim-Kaiser-Tour schließlich bei der 32. Beethoven-Sonate, der letzten, Opus 111. Dass es die letzte ist, geschrieben wenige Jahre vor dem Sterben, darf ich attraktiv finden. Dann noch Kaisers Verführungsgeste: Diese Sonate habe "etwas von einem Charakter-Test für Pianisten".

Hörerfahrungen in Worten

Glückhaftes Ergebnis: Du hättest nicht geglaubt, dass du so viel hören kannst, wenn Joachim Kaiser dich, indem er erzählt, was er bei fünfzehn oder zwanzig Pianisten gehört hat, in eine Sonate hineinführt. Mir ist es dann bald vorgekommen, als wolle Beethoven in dem ersten Satz zeigen, dass er das Thema, mit dem er beginnt, das er dann oft von der rechten in die linke und wieder zurück in die rechte Hand wirft, als wolle er zeigen, dass er es nicht los wird. Dann kämpft man halt mit. Dank Joachim Kaiser.

Der kann beides gleich gut: die notennahe Erörterung und die Sprache für den Ausdruck seiner Hörerfahrung. Schon wenn Joachim Kaiser in Bayern 4 am Samstag über Schubert sprach, war das ein Herausgenommenwerden aus dem Samstag und ein Hineingenommenwerden in die Musik. Da kam Radio endlich zu sich selbst.

Ihn zu lesen ist natürlich noch schöner, wenn man ihn gehört hat. Seine Dramaturgie des Aus- und Einatmens ist ja berühmt. Er atmet, wir wissen es alle, mit der Seele. Darum kann er über Musik schreiben, dass man das Geschriebene als Erzählung lesen kann. Ein Klavierkonzert von Brahms, Arthur Rubinstein spielt, Joachim Kaiser erzählt, dass Rubinstein "die Hölle der Oktaventriller, also die Unglückssymbole dieses Klavierdramas" nicht dämpft. Das Seitenthema, das sich (natürlich!) "ans Larghetto der 2. Symphonie von Beethoven anlehnt"(!), nimmt Rubinstein, sagt Kaiser, "nicht in dickem Forte, sondern in jenem sanft vergrübelten Piano, das dem dicken Brahmsschen Klaviersatz so schwer zu entreißen ist".

Jetzt kann man natürlich die Rubinstein-CD auflegen. Aber man kann auch Joachim Kaiser weiterlesen. Wie er seine Hörerfahrung erzählt, wird zur eigenen Vorstellungserfahrung. Es kann sich das Gefühl bilden: dieser Vermittler ist schon das Vermittelte selbst. Da lässt er doch Rubinstein "aus den Triolen der Schlussgruppe...ein einsames Brahmssches Verdämmern herausholen, das weltenfern ist vom glücklichen Schumannschen Träumen". "Das wird zum verschwebenden entmaterialisierten Volkslied." Jetzt stellt sich das Gefühl ein, dabei gewesen zu sein.

Lesen Sie auf Seite 2, was Joachim Kaisers Hörerfahrungen bei seinen Lesern auslösen.

Ohr, du Fröhliche

Wer über Joachim Kaiser etwas sagen will, der muss lernen, sich zu beherrschen. Das muss er von Joachim Kaiser lernen, der durch keine Begeisterung - und die beflügelt ihn durch alle Jahrzehnte hindurch - den Boden unter den Füßen verliert; auch wenn er abhebt oder sich, wie er es selber sagt, "ins Nuancenselige" verliert. Das ist das Kaisersche Stilparadox. Die glühende Sachlichkeit. "Am Klavier", sagt er, "ist gewissermaßen der Anschlag der Mensch."

Es ist ein erfahrungsgesättigtes Funkeln, dieses Schreiben über aufgeführte Musik. Und es wird immer zur Seelenhandlung. Zum Glück schreibt er auch das Schreiben mit. Wenn er "wahnwitzige Pianissimo-Oktaven" zu beschreiben hat, dann wissen wir von ihm, dass es "mehr Arten des Pianissimo gibt als Adjektive, sie zu benennen".

Ist es da wieder: das gemalte Essen? Ich versuche es lieber mit einer Raumvorstellung: die Musik reicht - das lässt Joachim Kaiser erleben - weiter hinein in uns als das, was die Sprache transportiert. Also reicht sie weiter hinein als die Sprache. Versuche einmal einem, der Christian Gerhaher nie gehört hat, das Gerhahersche Pianissimo im Schumannschen "Ich hab' im Traum geweinet..." zu erklären. Ein Pianissimo, das überhaupt nicht durch Leiser-sein zum Pianissimo wird, sondern durch seine Traurigkeit.

Erfahrung lässt sich nicht manipulieren

Versuchen wir einmal, uns Joachim Kaisers Wort Hörerfahrung nahezubringen. Erfahrung ist ja dadurch ausgezeichnet, dass jeder seine Erfahrung macht, nur seine Erfahrung. Man kann sich Urteile eines anderen zu eigen machen, Urteile sind transportable Wortgüter. Auch Geschmack ist leicht verbreitbar. Urteile und Geschmack lassen sich propagieren, dafür kann man werben, Anhänger gewinnen.

Dass dir etwas zur Erfahrung wird, lässt sich nicht manipulieren. Erfahrung geht tiefer, dahin, wo ich ich bin. Also führt die Hörerfahrung mich zu mir selbst. Trotz der formulierten "unfixierbaren ungegenständlichen Flüchtigkeit" erleben wir uns durch Musik selber wie durch nichts sonst. Also spüren wir bei Joachim Kaisers Wort Hörerfahrung, wie uns die Seelentore aufgehen. Das tun sie, weil er andauernd seine Erfahrung anruft. Was uns dann im besten Fall zur Hörerfahrung wird, kann gar keine Imitation seiner Erfahrung sein. Zu eigenen Erfahrungen ist man nicht verführbar, wohl aber zu ermutigen.

Wenn wir uns altmodisch ausdrucksmunter geben wollen, hat Joachim Kaiser als seine Muse die Erfahrung. Die hatte weder früher noch später einen Musenrang. Wenn wir seine Fülle als Erfahrungsreichtum erleben, müssen wir ihn nicht mehr für einen Tummelplatz vieler Begabungen halten. Erfahrungen schaffen eine Verbindlichkeit zum Erfahrenden, wie sie durch Urteil oder Geschmack nicht entsteht.

Joachim Kaiser war halt am 31. Mai 1942 in Berlin dabei, als Alfred Cortot mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler Schumanns a-Moll-Konzert spielte: "Ich hörte es und werde es nie vergessen." Er hat seine Großen Pianisten in den Konzertsälen immer wieder gehört. Zum Beispiel: Beethovens Nr. 1 (1795), Opus 2. Ein Adagio, von "nicht nur Innigkeit schlechthin, sondern eine gleichsam geträumte Innigkeit, eine Erinnerungsinnigkeit".

Sinnlichkeit im Geistigen

Dass das nicht eine Metaphernparade ist, sondern Kenntnis durch Erfahrung, belegt Joachim Kaiser sofort mit dem Adagio, das der fünfzehnjährige Beethoven komponierte und aus dem er als Fünfundzwanzigjähriger zitiert. "Der Sonaten-Komponist holt in die Gegenwart, was er einst, fünfzehnjährig, geträumt hat." Und es wäre nicht Joachim Kaiser, der das schreibt, wenn dann nicht auch beschrieben würde, wie das klingt. "Daniel Barenboim findet einen ebenso simplen wie überraschenden Weg, die Erinnerungsqualität mitzuspielen." Und er beschreibt und belegt, wie Barenboim "die Dimension träumerisch jünglingshafter Versenkung" auf den Klaviertasten realisiert.

Von den vielen Pianisten, bei denen Joachim Kaiser Hörerfahrungen gesammelt hat, habe ich nur vier im Konzertsaal gehört: Julian von Karolyi, Maurizio Pollini, Alfred Brendel und Arturo Benedetti Michelangeli. Mehrmals nur Michelangeli. Karolyi wird von Joachim Kaiser auf die edelste, feinfühligste Art, wie Kaiser selber sagt, zum Opfer gebracht, um zu demonstrieren, dass Wladimir Horowitz die Chopinsche g-Moll-Ballade unübertrefflich zu spielen vermag. Das hat die Erfahrung jugendlicher Hingerissenheit von diesem Virtuosen - und es war ein Chopin-Abend - nicht tangiert.

Um so glücklicher war ich aber, dass Arturo Benedetti Michelangeli bezeugt wird, er habe "die Eisblumenzerbrechlichkeit später, erinnerungssüchtiger Chopin-Mazurken ins sozusagen zeitlose Museum großen Klavierspiels" heimgeholt. So schreibt der das hin. Aus der Fülle seiner fabelhaft operierenden Erfahrung. Aus ihr kommt ihm seine Vergegenwärtigungskraft. Seine Sinnlichkeit im Geistigen.

Das ist er überhaupt: die Sinnlichkeit im Geistigen. Sogar im Geistigsten. Und das ist doch die Musik. Er nennt, was ihm zur Verfügung steht, gelegentlich "die unaustilgbar Hoffnung spendende Fülle". Also alles mit Notenbeispielen Belegbare, aber auch alles, nachdem die "Sphäre des ästhetischen Urteils erreicht und die des Messbaren verlassen ist". Da beginnt Glaubwürdigkeit.

Erzieher höchsten Grades

Auch wenn er als Erzähler seiner Hörerfahrungen nur im Selbstgespräch wäre, was ich, trotz seiner seriösen Professoralität, für möglich halte, ich habe mich gemeint gefühlt von diesem Selbstgespräch. Dass er öfter den Konzertsaal der CD vorzieht, ermutigt seinen Leser, das Wort "authentisch" ins heimische Wohnzimmer zu importieren. Und da wird dann Joachim Kaiser zu einem Erzieher höchsten Grades. Erziehen ist doch ermutigen! Was denn sonst!

Und schon durfte und musste sich die Lebensgefährtin, das darf ja auch einmal die Angetraute sein, in das Opus 111, dieses Hochgebirge der Klavierkunst, hineintasten. Das Ergebnis: authentisch ist, wenn das Wort keine Interpretationsnorm, sondern den Erlebnisgrad meint, steigerungsfähig. Die CD kann authentisch sein, der Konzertsaal authentischer, am authentischsten das Wohnzimmer mit einem frisch gestimmten Steinway und einem Tochtermann, der die Zweiunddreißigste schon als Siebzehnjähriger studiert hat und sie jetzt, von seiner Schwiegermutter sekundiert, uns ins Innerste spielt.

Dass Beethoven gegen Schluss dieser Sonate von der rechten Hand verlangt, mit dem vierten und dem fünften Finger einen unaufhörlichen Triller zu spielen, während die drei anderen Finger dieser Hand sich der Melodie widmen, das wird in der Hausmusik - Kaiser verzeih's - zum "teamwork". Und es stellte sich der Eindruck her, als habe man einfach Joachim Kaisers Erzählung bei uns aufgeführt. Ich musste natürlich trotzdem daran denken, wie streng er sein kann, zum Beispiel im Jahr 1960 in Athen, die Griechin, die auch die Zweiunddreißigste spielte, die nannte er "technisch makellos", sonst aber "ahnungslos" .

Andererseits stelle ich mir gern vor, Joachim Kaiser meine in seinem erfahrungsreichen Selbstgespräch sogar, dass die Sonaten nur der begreift, der sie selber spielt. Die Sonaten seien Dramen, sagt er, sie seien "gewaltige Bühnenbilder für die Auftritte des musikalischen Weltgeistes". Das Wohnzimmer ist auf jeden Fall freudig erregt, wenn in ihm so etwas passiert.

Lesen Sie auf Seite 3, welche Verbindung Joachim Kaiser zu Richard Wagner hat.

Ohr, du Fröhliche

Es ist auch sympathisch, dass Joachim Kaiser seine eigene Fähigkeit, der Musik sprachlich zu entsprechen, nicht zum Maßstab für andere macht. Dass Thomas Mann in seinem Dr.-Faust-Roman das allseits gefeierte Cis der letzten Takte der Zweiunddreißigsten mit einem Text unterlegte, der seinem Musik-Ratgeber Theodor W. Adorno gewidmet war, nämlich so, dass zu den Tönen gedacht oder gesummt werden kann: "O du Himmelblau, Grüner Wiesengrund, Leb mir ewig wohl...", das feiert Joachim Kaiser als eine kulturelle Hochzeit.

Mich hat die auch von Joachim Kaiser gemeldete Reaktion Richard Wagners aus dem Jahr 1881 mindestens ebenso beeindruckt: "Vegetarianer!" habe Richard Wagner ausgerufen, als der 2. Satz verklungen war. Und gemeint hat er eindeutig, dass diese Sonate unwiderstehlich erzählt, wie weit man es bringen kann. Vom Kampf mit der deutlich schicksalhaften Themengewalt des ersten Satzes, c-es-h, bis zu einer Lösung, die nur noch Musik ist. Musikmusik. Soweit muss man es bringen. Durch eine Hörerfahrung wird jeder auf seine eigene Utopie verwiesen, und sei es der Vegetarianer! Das beeindruckt mich noch mehr als die durch Textskandierung zur Wehmütigkeit vereinfachte Musik. Womit wir bei Joachim Kaiser als Sternbild schon bei seinem zweiten Stern sind: Richard Wagner.

Auf der letzten Seite des Beethoven-Buches gewann Joachim Kaiser aus dem letzten Schlussakkord der 32. Sonate jenes c, mit dem die 1. Sonate im Jahr 1795 begonnen hatte, dazwischen gab es, gibt es, sagt Joachim Kaiser, "Geheimnisse und Gewissheiten". Für mich ist er ein attraktiver Autor, weil er sich weder in Geheimnissen noch in Gewissheiten verliert. Seine Muse Erfahrung bewahrt ihn davor.

Leben mit Wagner

Und weil Wagner ihn von 1951 an immer wieder einnahm, umgab, erhob und steigerte, deshalb erscheint Joachim Kaisers Bild sternbildhaft untrennbar verbunden mit Wagner. Es ist kein Ausdrucksmensch vorstellbar, mit dem Joachim Kaiser so verbunden gedacht werden kann wie mit Richard Wagner. Er ist offenbar durch seine Wagnererlebnisse auf sich selbst aufmerksam geworden wie durch nichts und niemanden sonst. Das ist eine Behauptung, der jeder Kaiserkenner und sogar er selbst widersprechen kann. Dann müsste ich sagen: Mir ist Joachim Kaiser durch nichts so deutlich geworden, wie durch die von ihm erzählten Erfahrungen mit Richard Wagner.

Leben mit Wagner, heißt dann auch dieses auskunftsreiche Buch. Mir hat imponieren müssen die in diesem Buch erlebbare Unverführbarkeit eines Menschen, den ein Empfindlichkeitsgenie zu nennen ich nicht zögere. So empfindlich, so erlebnisfähig, und so wenig verführbar.

Das ist kein Stilparadox mehr, sondern eins der Existenz. Ich hol aus seiner überreichen Wörterwelt, was er für Rudolf Serkin prägte, was aber ihn selber genau so fasst: "Grandiose Reizbarkeit". Deshalb ist er Richard Wagner so nah, den man eine weit über sein Jahrhundert hinaus ragende Reizgröße nennen darf. An ihm kann jeder sein zeitgenössisches Mütchen kühlen.

Vor allem die zum Tadellos-Sein gehörende Verdächtigungsbereitschaft dem Andersdenkenden gegenüber wird, sobald man sich zu Wagner verhält, gewöhnlich hemmungslos. Es gibt doch keinen, dessen Bild, schillerisch gesprochen, so von der Parteien Gunst und Hass verzerrt durch die Geschichte schwankt. Nur noch Nietzsches Bild ist vergleichbaren Unbilden ausgesetzt. Aber Nietzsche ruht in den Regalen. Wagner wird andauernd präsentiert. Und das hat mir Joachim Kaiser nahe gebracht, dass er nie hereingefallen ist auf die von der Moderne verfügte Wagner-Entrümpelung; auf die Stil kreieren wollende Fortschritts-Ideologie; auf das, was Joachim Kaiser gelegentlich, dem Enkel zugedacht, "Wieland-Starre" genannt hat.

Es geht nicht um Geschmacksfragen, sondern um Glaubwürdigkeit. Die beginnt, hat er in der Musikprosa gesagt, wenn man die Sphäre "des Messbaren verlassen hat". Den Stilisierern hat Joachim Kaiser in der Hoch-Zeit der Moderne zugerufen: "Der Schwan ging, rein rational, nie... Wer also sagt, denkt oder fühlt, den Schwan nicht mehr ertragen zu können, ...der kann in Wahrheit die Lohengrin-Oper nicht ertragen."

Aus ästhetischer Höflichkeit

Nirgends glaube ich Joachim Kaiser genauer empfunden zu haben als in solchen Wagner-Erlebnissen. Wie er den Schwan verteidigt, die Zumutung, das Märchen, das Geheimnis, die Provokation! "Eine Aufführung, die für den Schwan zu schlau zu sein meint, ist in Wahrheit zu kleinmütig fürs Märchen." Als die Moderne herrschte, hat er sozusagen laut geschrieben gegen diese in allen Äußerungsarten herrschen wollende Mode; wie alles Herrschende trat sie lieber militant als weise auf.

Joachim Kaiser hat genug Schwan-Ersatz-Figurationen erlebt. Die haben dann, sagt er, gelegentlich ausgesehen wie Karikaturen General de Gaulles. Jahrelang hat er mit Wieland Wagners Entrümpelungsübermut gerungen. Aus ästhetischer Höflichkeit vielleicht, hat er sich dem vehementen Entrümpler gegenüber allmählich eine Toleranzgeste abverlangt. Aber wenn er die Sphäre des Messbaren wieder verlassen hat, nimmt seine Anziehungskraft stürmisch zu.

Wie er Wagner-Figuren von ihrem angejahrten Ruf befreit. Beckmesser zum Beispiel: wie er in dieser Hohn-und-Spott-Figur nicht nur den Verlierer, sondern auch das Opfer entdeckt. "Opfer im mythologischen Sinn", sagt er. Man spüre förmlich, "wie die schmähliche Auslöschung des intellektuellen Widersachers hier sozusagen die gute Laune, die Stimmung, das Glück des Volkes steigert... Sein Fall steigert die allgemeine Zufriedenheit."

Das lesend, darf man das eigene Beckmesser-Gefühl noch einmal in den Spiegel schauen lassen, dass es sich geniere. Als seine Erfahrung mit den Wagner-Figuren überhaupt summiert er: "...das vermeintlich Eindeutige steigerte sich zum Unabsehbaren". Diese formulierte Liebe zum Uneindeutigen zieht mich an. In jedem Credo entdeckt er die Weisung zum Widerruf. Das ist es, was in mir im Lauf der Jahre sein Bild bildete.

Kein ernst zu nehmender Intellektueller arbeitet bewusst an dem Bild, mit dem er in der Öffentlichkeit erscheinen will. Dazu sind wir uns selbst zu undeutlich. Ich unterstelle diesem und jenem von mir Ungeliebten, er habe versucht, sich selbst ein Aussehen und Ansehen zu verleihen. Die so sich aufdrängende Deutlichkeit grenzte immer an die Parodie. Das Bild, das gewöhnlich zustande kommt, entsteht unwillkürlich, nach und nach, von Fall zu Fall, also eher von selbst als gewollt. Glaube ich.

Lesen Sie auf Seite 4 über Joachim Kaiser als Reisenden.

Ohr, du Fröhliche

1972, im Vorwort zur Neuauflage seines Buches "Große Pianisten in unserer Zeit", schrieb Joachim Kaiser, man könne Chopins Terzen-Etüden "eben nicht kommunistisch oder spätkapitalistisch interpretieren...man kann sie nicht politisch links oder rechts spielen, sondern nur mit linker oder rechter Hand". Das war 1972 mutig. Sich so zu äußern, hieß 1972 uneindeutig sein oder affirmativ oder sogar anti-aufklärerisch. Im Roman oder im Theaterstück durfte man das allenfalls noch sein. In der veröffentlichten Meinung musste man erklären, warum man nicht an der geforderten Weltverbesserung teilnehmen wollte.

Mir, der ich mich oft genug zu letzten Endes donquichotesken Weltverbesserungsgesten habe hinreißen lassen, ist dieser vor Zurückhaltung fein vibrierende Joachim Kaiser oft genug rätselhaft vorgekommen. Also noch einmal: Wie konnte ein so Erlebnisfähiger, so grandios Reizbarer, so wenig verführbar sein?

Es steht mir nicht zu, am hohen Nachthimmel unserer Denkwürdigkeiten Joachim Kaisers Platzanweiser zu sein. Aber in dieser Dimension kann man sagen, jemand sei näher bei Richard Wagner als bei Beethoven, ohne dass er deshalb von Beethoven weiter weg wäre als von Richard Wagner. So geht es eben zu im Geistigen. Jenseits des Messbaren. Eine der Voraussetzungen für die Geburt dieses Bildes aus dem Geist der Verehrung ist, dass ein Sternbild keine Fotografie präsentiert, überhaupt nichts Porträthaftes. Auch Beethoven und Wagner erscheinen im Kaiser-Sternbild nicht als solche, sondern als Verklärungen. Kaisersche Verklärungen. Vor dieser Sprache darf man sich verneigen. Wie sie das schafft, von Erklärung zu Verklärung zu werden! Beethoven und Wagner erklärend, verklärt er beide.

Reisender Kulturjournalist

In der Sternbildpartie, in der er in seiner persönlichsten Frequenz funkelt, ist er der Reisende, der Weltreisende. Als solcher wird er in seiner bewegenden Nüchternheit, in all seiner glühenden Sachlichkeit erlebbar.

Es gibt ein Buch von ihm "Imaginäre Gespräche", von Kant bis Ingeborg Bachmann; darin findet man ein Gespräch mit Alfred Kerr. Joachim Kaiser lässt sich zu Kerr sagen: "Es gibt wohl keinen Theaterkritiker, der auch nur annähernd so viele und so anschauliche Reisebücher geschrieben hat wie Sie." So viele, das kann sein, aber anschaulicher als Joachim Kaiser selbst hat keiner sich im Reisen und als Reisender ausgedrückt. Und wieder ist die Sinnlichkeit im Geistigen sein Stilparadox. Dieser Autor reist in fernste Länder mit einem kulturjournalistischen Auftrag, den er sich selbst gibt. Und es entsteht eine Art Naturforscher-Sachlichkeit. Die schließt weder Begeisterung noch Liebe aus.

Er kann von Weltszenen jeder Art begeistert, aber tendenzlos erzählen. Er will nirgends diese oder jene existierende Meinung über dieses Land, über jene Stadt, unterstützen. Er schließt sich deutlich an nichts meinungshaft Existierendes an. "Musikrätsel im postkulturrevolutionären China", so der Titel seiner China-Erfahrungen im Jahr 1985. Die Überschrift sagt doch alles.

Er ist so fleißig, kundig, interessiert, erlebnisbereit wie man nur sein kann. Heim bringt er dann eine Reiseprosa, in der Chinas Rätselhaftigkeit brillant funkelt. Wenn er zum Beispiel dem Wort "Viererbande" begegnet - und dieses Wort war damals in aller Munde -, merkt er an: "...immer diese parteiischen lakonischen, suggestiv wirkenden, Widerspruch fast unmöglich machenden Totschlageformeln, welche manche China-Bewunderer für so bewunderungswürdig "bildhaft" halten..."

Westwirklichkeit auf der Probe

Gelegentlich gesteht der Reisende: "Ich reise für mein Leben gern: aber aus Schwäche." Die stellt sich heraus als eine höchst wertvolle Schwäche. Seine Phantasie reiche nicht aus, sich ein Land vorzustellen, alle gelieferte Information verhelfe ihm nicht zu einem sinnvollen Satz, nicht einmal zu einem Vorurteil. Ich ahne, dass er mit diesem lockeren Parlando der Kritik der Urteilskraft seines Königsberger Landsmanns recht nahe kommt, der "die empirische Exposition...immer den Anfang machen" ließ. Aber Joachim Kaiser scheut sich auch nicht, ein einfacheres Motiv im Wappen zu führen: "Wer nie in die Welt fährt, nimmt dem Vaterlande zu viel übel." Mir gefällt natürlich das -e- am Hauptwort. Und dass es bei aller Beiläufigkeit ein eher mutiger Satz ist in unserer Zeit.

Schon um diesen Autor nicht ins Zwielicht fataler Gemütlichkeit geraten zu lassen - und nirgends gehört er weniger hin -, muss jetzt gesagt werden, dass ihn jede Art von Weltwirklichkeit immer ganz auf die Probe stellt. In China, Südamerika, Ägypten und eben auch einmal auf der Insel Rhodos.

Er wird konfrontiert, er konfrontiert uns mit der Ermordung aller Juden des Ghettos von Rhodos. Er erzählt, was unsere Soldaten, die er "Henker" nennt, dort getan haben. Ich habe nichts gelesen über das, was Deutsche im 2. Weltkrieg getan haben, was so furchtbar, so grauenhaft ist, wie das, was Joachim Kaiser da erzählt. Ich kann, was Joachim Kaiser festhält, nicht noch einmal festhalten. Es stellt sich wieder die Wirkung ein: Wir erleben es, als wären wir dabei gewesen. Im Konzertsaal bei Artur Rubinsteins Brahms-Konzert oder bei der Ermordung aller Juden des Ghettos von Rhodos. Zu lesen auf Seite 65 des Buches "Den Musen auf der Spur", München 1986.

Neugier ist seine Leidenschaft

Er berichtet, weil wir, wenn er es uns nicht erzählen würde, nichts von dem Erzählten wüssten. Das heißt, er erzählt, als wäre er der Erste, der über die Monumente Altägyptens und die Maße Griechenlands berichtet. Er darf sich des Entdeckerischen bei allem, was er formuliert, sicher sein. Er erzählt eine Hamlet-Aufführung im Old-Vic-Theater. Was er in dieser Aufführung erlebt und mit genau bleibender Begeisterung erzählt hat, darf er dann nennen "die Summe der Hamlet-Tradition eines Hamlet verehrenden Weltreiches".

Oder er, in Eleusis, allein auf dem Platz, von dem aus einmal die Eleusinischen Mysterien zugänglich gewesen sein könnten. Dann erzählt er uns den Ursprung der Mysterien so, wie wir ihn einfach noch nicht gehört haben. Entdeckerisch. Eine Begeisterung, die der Genauigkeit dient. Er ist neugierig wie vielleicht Darwin neugierig war. Er weiß so viel, dass er, wo er hinkommt, die hier wesentlichen Fragen stellen kann. Ihn zwingt der Amon-Tempel in Karnak, nah bei Theben "in die Knie". 134 Sandsteinsäulen "beängstigend dicht beisammen". Warum? Und er erfährt's . RamsesII. wollte damit ein Papyrusdickicht symbolisieren.

Warum ist Joachim Kaisers Neugier nie und nirgends trivial? Die Antwort ist erschütternd einfach: Er fragt und forscht nicht für andere, er fragt und forscht, weil es ihn selber interessiert. Weil es ihn etwas angeht. Er will etwas wissen, etwas erfahren, er selber. Jedesmal wenn seine Neugier wieder gestillt ist, atmen wir mit ihm auf. Diese Neugier ist eine ehrwürdige Leidenschaft. Was dadurch zur Sprache kommt, ist und bleibt unüberholbar richtig. Die Erfahrungsart gibt den Ausschlag, ohne dass das Erfahrene dadurch unwichtig würde. Wichtig wird es und bleibt es eben durch die Art, wie es erfahren wird. So ist das, wenn ein Autor am Werk ist.

Einen Menschen lange Zeit, eigentlich ein Leben lang wahrnehmen, ohne ihn zu beobachten, führt unwillkürlich zu einem Bild von diesem Menschen. Man fühlt sich dann nicht verantwortlich für dieses Bild. Es ist natürlich mehr als ein Bild. Es ist mindestens so sehr ein Roman wie ein Bild. Aber ein Bild ist es auch. Oder eben ein Sternbild. Eine Deutlichkeit, in der die Erklärung die Verklärung produziert.

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SZ vom 18.12.2008/jb
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