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Joachim Kaiser zum 80.:Ohr, du Fröhliche

Wer über Joachim Kaiser etwas sagen will, der muss lernen, sich zu beherrschen. Das muss er von Joachim Kaiser lernen, der durch keine Begeisterung - und die beflügelt ihn durch alle Jahrzehnte hindurch - den Boden unter den Füßen verliert; auch wenn er abhebt oder sich, wie er es selber sagt, "ins Nuancenselige" verliert. Das ist das Kaisersche Stilparadox. Die glühende Sachlichkeit. "Am Klavier", sagt er, "ist gewissermaßen der Anschlag der Mensch."

Es ist ein erfahrungsgesättigtes Funkeln, dieses Schreiben über aufgeführte Musik. Und es wird immer zur Seelenhandlung. Zum Glück schreibt er auch das Schreiben mit. Wenn er "wahnwitzige Pianissimo-Oktaven" zu beschreiben hat, dann wissen wir von ihm, dass es "mehr Arten des Pianissimo gibt als Adjektive, sie zu benennen".

Ist es da wieder: das gemalte Essen? Ich versuche es lieber mit einer Raumvorstellung: die Musik reicht - das lässt Joachim Kaiser erleben - weiter hinein in uns als das, was die Sprache transportiert. Also reicht sie weiter hinein als die Sprache. Versuche einmal einem, der Christian Gerhaher nie gehört hat, das Gerhahersche Pianissimo im Schumannschen "Ich hab' im Traum geweinet..." zu erklären. Ein Pianissimo, das überhaupt nicht durch Leiser-sein zum Pianissimo wird, sondern durch seine Traurigkeit.

Erfahrung lässt sich nicht manipulieren

Versuchen wir einmal, uns Joachim Kaisers Wort Hörerfahrung nahezubringen. Erfahrung ist ja dadurch ausgezeichnet, dass jeder seine Erfahrung macht, nur seine Erfahrung. Man kann sich Urteile eines anderen zu eigen machen, Urteile sind transportable Wortgüter. Auch Geschmack ist leicht verbreitbar. Urteile und Geschmack lassen sich propagieren, dafür kann man werben, Anhänger gewinnen.

Dass dir etwas zur Erfahrung wird, lässt sich nicht manipulieren. Erfahrung geht tiefer, dahin, wo ich ich bin. Also führt die Hörerfahrung mich zu mir selbst. Trotz der formulierten "unfixierbaren ungegenständlichen Flüchtigkeit" erleben wir uns durch Musik selber wie durch nichts sonst. Also spüren wir bei Joachim Kaisers Wort Hörerfahrung, wie uns die Seelentore aufgehen. Das tun sie, weil er andauernd seine Erfahrung anruft. Was uns dann im besten Fall zur Hörerfahrung wird, kann gar keine Imitation seiner Erfahrung sein. Zu eigenen Erfahrungen ist man nicht verführbar, wohl aber zu ermutigen.

Wenn wir uns altmodisch ausdrucksmunter geben wollen, hat Joachim Kaiser als seine Muse die Erfahrung. Die hatte weder früher noch später einen Musenrang. Wenn wir seine Fülle als Erfahrungsreichtum erleben, müssen wir ihn nicht mehr für einen Tummelplatz vieler Begabungen halten. Erfahrungen schaffen eine Verbindlichkeit zum Erfahrenden, wie sie durch Urteil oder Geschmack nicht entsteht.

Joachim Kaiser war halt am 31. Mai 1942 in Berlin dabei, als Alfred Cortot mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler Schumanns a-Moll-Konzert spielte: "Ich hörte es und werde es nie vergessen." Er hat seine Großen Pianisten in den Konzertsälen immer wieder gehört. Zum Beispiel: Beethovens Nr. 1 (1795), Opus 2. Ein Adagio, von "nicht nur Innigkeit schlechthin, sondern eine gleichsam geträumte Innigkeit, eine Erinnerungsinnigkeit".

Sinnlichkeit im Geistigen

Dass das nicht eine Metaphernparade ist, sondern Kenntnis durch Erfahrung, belegt Joachim Kaiser sofort mit dem Adagio, das der fünfzehnjährige Beethoven komponierte und aus dem er als Fünfundzwanzigjähriger zitiert. "Der Sonaten-Komponist holt in die Gegenwart, was er einst, fünfzehnjährig, geträumt hat." Und es wäre nicht Joachim Kaiser, der das schreibt, wenn dann nicht auch beschrieben würde, wie das klingt. "Daniel Barenboim findet einen ebenso simplen wie überraschenden Weg, die Erinnerungsqualität mitzuspielen." Und er beschreibt und belegt, wie Barenboim "die Dimension träumerisch jünglingshafter Versenkung" auf den Klaviertasten realisiert.

Von den vielen Pianisten, bei denen Joachim Kaiser Hörerfahrungen gesammelt hat, habe ich nur vier im Konzertsaal gehört: Julian von Karolyi, Maurizio Pollini, Alfred Brendel und Arturo Benedetti Michelangeli. Mehrmals nur Michelangeli. Karolyi wird von Joachim Kaiser auf die edelste, feinfühligste Art, wie Kaiser selber sagt, zum Opfer gebracht, um zu demonstrieren, dass Wladimir Horowitz die Chopinsche g-Moll-Ballade unübertrefflich zu spielen vermag. Das hat die Erfahrung jugendlicher Hingerissenheit von diesem Virtuosen - und es war ein Chopin-Abend - nicht tangiert.

Um so glücklicher war ich aber, dass Arturo Benedetti Michelangeli bezeugt wird, er habe "die Eisblumenzerbrechlichkeit später, erinnerungssüchtiger Chopin-Mazurken ins sozusagen zeitlose Museum großen Klavierspiels" heimgeholt. So schreibt der das hin. Aus der Fülle seiner fabelhaft operierenden Erfahrung. Aus ihr kommt ihm seine Vergegenwärtigungskraft. Seine Sinnlichkeit im Geistigen.

Das ist er überhaupt: die Sinnlichkeit im Geistigen. Sogar im Geistigsten. Und das ist doch die Musik. Er nennt, was ihm zur Verfügung steht, gelegentlich "die unaustilgbar Hoffnung spendende Fülle". Also alles mit Notenbeispielen Belegbare, aber auch alles, nachdem die "Sphäre des ästhetischen Urteils erreicht und die des Messbaren verlassen ist". Da beginnt Glaubwürdigkeit.

Erzieher höchsten Grades

Auch wenn er als Erzähler seiner Hörerfahrungen nur im Selbstgespräch wäre, was ich, trotz seiner seriösen Professoralität, für möglich halte, ich habe mich gemeint gefühlt von diesem Selbstgespräch. Dass er öfter den Konzertsaal der CD vorzieht, ermutigt seinen Leser, das Wort "authentisch" ins heimische Wohnzimmer zu importieren. Und da wird dann Joachim Kaiser zu einem Erzieher höchsten Grades. Erziehen ist doch ermutigen! Was denn sonst!

Und schon durfte und musste sich die Lebensgefährtin, das darf ja auch einmal die Angetraute sein, in das Opus 111, dieses Hochgebirge der Klavierkunst, hineintasten. Das Ergebnis: authentisch ist, wenn das Wort keine Interpretationsnorm, sondern den Erlebnisgrad meint, steigerungsfähig. Die CD kann authentisch sein, der Konzertsaal authentischer, am authentischsten das Wohnzimmer mit einem frisch gestimmten Steinway und einem Tochtermann, der die Zweiunddreißigste schon als Siebzehnjähriger studiert hat und sie jetzt, von seiner Schwiegermutter sekundiert, uns ins Innerste spielt.

Dass Beethoven gegen Schluss dieser Sonate von der rechten Hand verlangt, mit dem vierten und dem fünften Finger einen unaufhörlichen Triller zu spielen, während die drei anderen Finger dieser Hand sich der Melodie widmen, das wird in der Hausmusik - Kaiser verzeih's - zum "teamwork". Und es stellte sich der Eindruck her, als habe man einfach Joachim Kaisers Erzählung bei uns aufgeführt. Ich musste natürlich trotzdem daran denken, wie streng er sein kann, zum Beispiel im Jahr 1960 in Athen, die Griechin, die auch die Zweiunddreißigste spielte, die nannte er "technisch makellos", sonst aber "ahnungslos" .

Andererseits stelle ich mir gern vor, Joachim Kaiser meine in seinem erfahrungsreichen Selbstgespräch sogar, dass die Sonaten nur der begreift, der sie selber spielt. Die Sonaten seien Dramen, sagt er, sie seien "gewaltige Bühnenbilder für die Auftritte des musikalischen Weltgeistes". Das Wohnzimmer ist auf jeden Fall freudig erregt, wenn in ihm so etwas passiert.

Lesen Sie auf Seite 3, welche Verbindung Joachim Kaiser zu Richard Wagner hat.