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Joachim Kaiser zum 80.:Ohr, du Fröhliche

Musik-Maniac: Schriftsteller Martin Walser erklärt, wie er durch den SZ-Musikkritiker Joachim Kaiser an die Klassik herangeführt wurde. Der Versuch einer Annäherung zum 80. Geburtstag.

Den Kritiker Joachim Kaiser und den Schriftsteller Martin Walser verbindet eine Freundschaft, die bis in die fünfziger Jahre, in die frühen Zeiten der Gruppe 47 zurückreicht. Sie litt auch unter einigen eher verhaltenen Kritiken nicht. Phantasie und Erfindungswille des Schriftstellers, fand Jochim Kaiser, seien zuweilen größer, als dass man sie in einem formal geglückten Roman noch unterbringen könne. Ein Zerwürfnis aber, versichert Joachim Kaiser, habe es wegen solcher gelegentlichen Vorbehalte nie gegeben. Zusammengehalten wurde die Freundschaft auch durch die Damen, Susanne Kaiser und Käthe Walser, zwei Schwäbinnen.

Immer noch neugierig und des Schreibens nicht müde: Joachim Kaiser feiert am Donnerstag seinen 80. Geburtstag.

(Foto: Foto: Regina Schmeken)

Joachim Kaiser hat so über Musik geschrieben, dass der Satz, über Musik schreiben sei wie reden über gemaltes Essen (immerhin von Hans Pfitzner), nicht mehr gilt. Wenn ich über Musik schreiben muss, weil ich über Joachim Kaiser schreiben will, ist das anders. Da fliegt mich Schwere an.

Kierkegaard hat Don Giovanni in der Kopenhagener Oper mehr als zwanzigmal gehört. Gehört! Nicht gesehen. Er hat einen Platz gefunden, von dem aus nichts mehr gesehen werden musste. Als er dann über seine Mozart-Erfahrung schreibt, will er sich hüten, "in linguistischer Brunst die Impotenz der Sprache zu bekunden". Joachim Kaiser muss solche Skrupel nicht haben. Ich schon.

Musik ist unser aller Innigstes, die Sprache hat es schwer, ihr zu entsprechen. So schwer wie bei Träumen, wie bei allem Religiösen.

Ton eines Entdeckers

Ich bin durch angejahrten Takt darauf verwiesen, mich Joachim Kaiser, dem Schriftsteller zu nähern, nicht dem, dem ich in Jahrzehnten gelegentlich gegenübersaß, oder mit dem ich spazieren ging im unwegsamen Wald, Susanne war da dabei.

Der Ton, in dem Joachim Kaiser seine "Hörerfahrungen" präsentiert, ist der Ton eines Entdeckers. Ein Ton, der von der Fülle des Gehörten lebt, des Erfahrenen. Ein Columbus-Ton. Da liegt dieses prachtvolle Amerika, und ihr habt es nie entdeckt! So ein Ton. Beethoven nicht nur als ein Notenereignis, sondern als eine Hörerfahrung. Und am liebsten aus dem Konzertsaal. Die wirkliche Musik. Das hat etwas Kopernikanisches. Endlich ist das Wort "authentisch" am Platz. Joachim Kaiser konzediert den Notenforschern, dass sie wegen der "unfixierbaren, ungegenständlichen Flüchtigkeit" von "Hörerfahrungen" den Schreibtisch dem Konzertsaal vorziehen mögen.

So souverän bescheiden erklärt er, warum er uns trotzdem mit einer nicht so leicht fassbaren Fülle von Hörerfahrungen beschenkt. Anders als beschenkt kann ich mir nicht vorkommen, nachdem ich unter Joachim Kaisers Wegweisung von Artur Schnabel und Elly Ney bis Ivan Pogorelich zugehört habe. Ich landete auf meiner Joachim-Kaiser-Tour schließlich bei der 32. Beethoven-Sonate, der letzten, Opus 111. Dass es die letzte ist, geschrieben wenige Jahre vor dem Sterben, darf ich attraktiv finden. Dann noch Kaisers Verführungsgeste: Diese Sonate habe "etwas von einem Charakter-Test für Pianisten".

Hörerfahrungen in Worten

Glückhaftes Ergebnis: Du hättest nicht geglaubt, dass du so viel hören kannst, wenn Joachim Kaiser dich, indem er erzählt, was er bei fünfzehn oder zwanzig Pianisten gehört hat, in eine Sonate hineinführt. Mir ist es dann bald vorgekommen, als wolle Beethoven in dem ersten Satz zeigen, dass er das Thema, mit dem er beginnt, das er dann oft von der rechten in die linke und wieder zurück in die rechte Hand wirft, als wolle er zeigen, dass er es nicht los wird. Dann kämpft man halt mit. Dank Joachim Kaiser.

Der kann beides gleich gut: die notennahe Erörterung und die Sprache für den Ausdruck seiner Hörerfahrung. Schon wenn Joachim Kaiser in Bayern 4 am Samstag über Schubert sprach, war das ein Herausgenommenwerden aus dem Samstag und ein Hineingenommenwerden in die Musik. Da kam Radio endlich zu sich selbst.

Ihn zu lesen ist natürlich noch schöner, wenn man ihn gehört hat. Seine Dramaturgie des Aus- und Einatmens ist ja berühmt. Er atmet, wir wissen es alle, mit der Seele. Darum kann er über Musik schreiben, dass man das Geschriebene als Erzählung lesen kann. Ein Klavierkonzert von Brahms, Arthur Rubinstein spielt, Joachim Kaiser erzählt, dass Rubinstein "die Hölle der Oktaventriller, also die Unglückssymbole dieses Klavierdramas" nicht dämpft. Das Seitenthema, das sich (natürlich!) "ans Larghetto der 2. Symphonie von Beethoven anlehnt"(!), nimmt Rubinstein, sagt Kaiser, "nicht in dickem Forte, sondern in jenem sanft vergrübelten Piano, das dem dicken Brahmsschen Klaviersatz so schwer zu entreißen ist".

Jetzt kann man natürlich die Rubinstein-CD auflegen. Aber man kann auch Joachim Kaiser weiterlesen. Wie er seine Hörerfahrung erzählt, wird zur eigenen Vorstellungserfahrung. Es kann sich das Gefühl bilden: dieser Vermittler ist schon das Vermittelte selbst. Da lässt er doch Rubinstein "aus den Triolen der Schlussgruppe...ein einsames Brahmssches Verdämmern herausholen, das weltenfern ist vom glücklichen Schumannschen Träumen". "Das wird zum verschwebenden entmaterialisierten Volkslied." Jetzt stellt sich das Gefühl ein, dabei gewesen zu sein.

Lesen Sie auf Seite 2, was Joachim Kaisers Hörerfahrungen bei seinen Lesern auslösen.