Joachim Kaiser über Loriot Ein Preuße, wie Gott ihn träumt

Und die Deutschen haben doch Humor: Loriot zerstört das Klischee der als witzlos verschrienen Nation. Nun erhält er für sein Schaffen den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München. Eine Laudatio.

Von Joachim Kaiser

Was die Lebensleistung meines alten, herzlich verehrten Freundes Vicco von Bülow, alias Loriot, betrifft, so dürfte es nur wenige geben, die sich in des Meisters Daten, Phasen und Pointen nicht mindestens so selbstverständlich auskennen, wie einst die Abiturienten bürgerlicher deutscher Gymnasien die Geliebten Goethes aufzuzählen imstande waren.

Vicco von Bülow alias Loriot: Stolzer Vater des Knollennasenmännchens.

(Foto: Foto: ddp)

Vicco von Bülows Karriere und sein Ruhm begannen in den zu Unrecht nur als Nierentisch-Epoche und spießige, halbfaschistische Wirtschaftswunder-Ära verketzerten fünfziger Jahren. Da setzte er sich als Zeichner durch, beim Stern und der Quick, unter Zuhilfenahme von Möpsen und Menschen. Der Diogenes Verlag bereitete seinen diesbezüglichen Sammelbänden allmählich Millionenerfolge. Loriot tat sich auch als Gebrauchsgrafiker hervor, verewigte in seinem Knollenmännchen ein höchst unfeierliches Selbstporträt.

1967 begann dann die erste Fernsehserie. Anfangs als Dokumentationssendung, später als freie Spiegelung des Welt-Ganzen. Was er da als Autor, Regisseur, Hauptdarsteller und begnadeter Imitator schuf, zeugte von genialischer Kunstfertigkeit und immenser Wandlungsfähigkeit. Bewunderungswürdig bei alledem: das stets nobel-anspruchsvolle Niveau. Sowie sein manchmal übermäßig selbstkritischer Instinkt dafür, im besten Augenblick mit einer Sache aufzuhören. Denn, was man zu gut kann, das wird einem unweigerlich zur Falle.

Witz-Währung der Nation

So gab es die Cartoons von 1967 bis 1972. Dann Schluss. Telecabinett. 1976 wieder etwas Neues: das grüne Sofa in Bremen. Die wunderbare Evelyn Hamann als kongenial disziplinierte Partnerin an seiner Seite. Texte und Sketche von doppelsinniger Lakonik. Sie wurden zur heiteren Witz-Währung der Nation. Bei allen nur denkbaren drolligen Missgeschicken sagten alle nur denkbaren Zeitgenossen vergnügt lächelnd zueinander: "Wie bei Loriot." Seine Allgegenwärtigkeit war gesamtdeutsch. Dass er in der damaligen DDR genauso sein Publikum hatte, erwies sich bei triumphalen Ausstellungen seiner Arbeiten sogar im Brandenburger Dom. Es strömten Tausende zur Eröffnung, als man seine Sachen 1985 in der Stadt zeigte, in welcher er 1923 geboren worden war.

Wiederum glaubte er viel zu rasch zu spüren, wann er aufhören müsse. Lieber nahm er es auf sich, die Riesenschar seiner Bewunderer an Entzugserscheinungen leiden zu lassen, als seine Einfalls-Frische durch Wiederholungsroutine zu gefährden. Nun wandte er seine Energie und Perfektions-Passion zwei mittlerweile oft wiederholten Filmen zu: "Ödipussi" und "Pappa ante portas".

Er dirigierte versehentlich, aber mit kompetenter Zeichengebung, auch die Berliner Philharmoniker, inszenierte in Stuttgart Flotows "Martha" und Webers "Freischütz". Hätte nur zu gern auch Wagners "Meistersinger" gemacht. Aber er kennt das Werk wohl zu gut, liebt es zu respektvoll, als dass man ihn bedenkenlos mit einer Inszenierung betrauen könnte.

Dass seine Sachen so unfehlbar wirken, quer durch die Gesellschaft, bei Rechten und Linken, Armen und Reichen, sollte man nicht nur als populären Millionenerfolg bestaunen. Sein Ruhm bezeugt nämlich auch etwas durchaus Positives, Ermutigendes, ja Politisches über den vielgelästerten deutschen Nationalcharakter. Da wurde jemand zum Medienstar der Nation, der nie auch nur andeutungsweise kokettierte mit grellen Dummheiten, grellen Nuditäten, blöden Witzeleien. Wir Deutschen machten unseren nobelsten und perfektesten, niemals affig-exzentrisch-wirkungsgeilen Humoristen zum beliebtesten Entertainer.

Sehnsucht und Erfüllung zugleich

Dabei haben wir doch, die Welt weiß es, überhaupt keinen Humor, kommen die Komödien unserer Schauspielhäuser tatsächlich eher aus Frankreich, England, Österreich. Legt bereits der Begriff "Boulevardtheater" nah, wie wenig heiteres Konversationsschauspiel germanisches Gewächs ist.

Natürlich lässt sich dieses Missverhältnis auf alle mögliche Weise begründen. Zur entwickelten und differenzierten Komik scheinen höfische Lebensart und Hauptstadtkultur zu gehören. Also Paris, also London, also auch das habsburgische Wien, wo in der Tat mehr wunderschöne Komödien entstanden - Raimund, Nestroy, Schnitzler, Bahr, Hofmannsthal -, als wir Reichsdeutschen aufweisen können mit der "Minna von Barnhelm", "Der zerbrochne Krug" und "Der Biberpelz" - , zumal man bei deren Komik wirklich nicht schallend lachen kann, weil diese deutschen Komödien verdammt nah an Tragischem vorbeischrammen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Loriots Wortwitz mit preußischen Offizieren gemein hat.

Loriot zum 80.

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