Joachim Kaiser Leben zwischen Büchern und Noten

Joachim Kaiser im Jahr 2008 an seinem Steinway-Flügel in seinem Wohnzimmer, auf dem in Zukunft die Studenten der Musikhochschule spielen werden.

(Foto: Isolde Ohlbaum)

Bei einer Rede in der Musikhochschule München erzählt die Tochter des Journalisten und Kritikers Joachim Kaiser von einer Kindheit zwischen Literatur und Musik. Und wie schlimm es ist, wenn der Vater krank wird.

Erinnerungen von Henriette Kaiser

Am vergangenen Dienstag wurde in der Musikhochschule München die Übergabe des Nachlasses des am 11. Mai 2017 verstorbenen Feuilletonisten und Kritikers der Süddeutschen Zeitung Joachim Kaiser gefeiert, der am 18. Dezember 90 Jahre alt geworden wäre. Seine Kinder, die Autorin und Filmemacherin Henriette und der Sportjournalist Philipp Kaiser, hatten seine Bücher, Platten, Noten und seinen Flügel der Hochschule geschenkt.

An diesem Abend gab es Lesungen mit Texten von Joachim Kaiser. Der Pianist Markus Bellheim spielte Lieblingsstücke Kaisers. Seine Tochter Henriette erzählte die Geschichte der Bibliothek und des Flügels von ihrer frühen Kindheit bis zu den späten Jahren seiner Krankheit. Diesen Text drucken wir an dieser Stelle.

Die Erinnerungen an meinen Vater schwimmen in mir herum. Aus den Fluten ragt immer wieder seine Bibliothek hervor. Diese unüberschaubare Menge von Büchern, Platten, Klavierauszügen.

Bereits in den frühen Sechzigerjahren sprengte sie den Rahmen einer Zweizimmerwohnung. Krabbeln und Gehen lernte ich zwischen hochgestapelten Bücherbergen, die regelmäßig über mich hereinbrachen, wenn ich mich an ihnen festhielt.

Joachim Kaiser "Wir werden seinesgleichen nicht leicht wiedersehen" Video
Abschied von Joachim Kaiser

"Wir werden seinesgleichen nicht leicht wiedersehen"

Für Willibald Sauerländer war jede Unterhaltung mit Joachim Kaiser eine "glanzvolle Performance, Anne-Sophie Mutter wird "sein respektvolles Mahnen" vermissen. Grüße an den verstorbenen SZ-Kritiker von Zeitgenossen und Weggefährten.

Kurz darauf zogen wir in ein Reihenhaus. Besonders im Zimmer zur Straße hinaus zeigte sich, dass bei uns alles ein wenig anders war als bei den Nachbarn. Bei ihnen war dieses Zimmer ein heller, weitläufiger Raum. Bei uns eine düstere, vollgestopfte Klause. Eigentlich das Schlafzimmer meines Vaters. Das Bett war aber kaum ausfindig zu machen, sondern hinter und unter Büchern vergraben. Dazu standen zwischen den Büchern ein braunes Klavier und ein ebenfalls brauner Schreibtisch mit einer Schreibmaschine obendrauf. Der Schreibtisch war verlockend: abgenagte Bleistifte, Kugelschreiber, Hornbrillen, riesige Armbanduhren und eine Schreckschusspistole, mit der mein Vater uns retten wollte, falls ein Verbrecher das Haus betreten würde. Zum Glück musste die Probe nie aufs Exempel gestellt werden.

Der Umzug ist ein Spektakel

Dafür konnte man von einem Tag auf den anderen das Wohnzimmer kaum noch betreten, weil da plötzlich ein schwarzer Flügel eingeklemmt stand. Niemals habe ich meinen Vater glücklicher gesehen, als wenn er auf ihm herumdonnerte. Wir würden bald umziehen, hieß es. Nur eine Straße weiter, in ein großes Haus. Deshalb der Flügel. In weiser Voraussicht ahnte meine Mutter, dass ab Baubeginn über Jahre oder Jahrzehnte hinweg kein Geld mehr für den Lebenstraum meines Vaters übrig sein würde. Also sollte er ihn sich davor erfüllen.

In den frühen Siebzigerjahren fand der Umzug statt. Ein Spektakel. Die ganze Straße war mit Bücherkartons zugestellt, und als der Flügel aus dem schmalen Haus bugsiert wurde, hielt die gesamte Nachbarschaft den Atem an. Nur ein kleines Mädchen fragte seine Mutter: "Gibt es jetzt nachts keine Papagenomusik mehr?"

Die Musik, die Bücher, meine Eltern, mein Bruder und ich zogen in den strahlendweißen Betonbau. Nun konnte sich die Bibliothek mit dem Flügel im Zentrum entfalten und wir hatten trotzdem Freiraum. Voller Stolz führte mich mein Vater durch die Neuaufteilung. Es war nicht einfach, sich zu merken, welche Autoren er im Hauptarbeitszimmer alphabetisch angeordnet hatte und welche Autoren sich das Vorzimmer teilten. Dazu gab es noch Wandabschnitte für die Dramatiker, die Philosophen, für dies und das und für die zeitgenössischen Autoren. Die Schallplattenaufteilung war einfacher. Die Musik vor Bach war gesondert untergebracht, an der Hauptwand das Alphabet, die Musik ab dem 20. Jahrhundert, die wichtigen Interpreten.

Mein Bruder und ich hatten freien Zugriff auf alles, mit der flehentlichen Bitte, alles wieder exakt da zurückzustellen, wo wir es herausgezogen hatten. Das wollten wir gerne beherzigen. Aber manchmal missglückte es. So mürrisch mein Vater bei der Suche nach den Gegenständen dann war, so begeistert war er über das Interesse. Zärtlich führte er uns in alles ein, was er wusste, und war leidenschaftlich darauf bedacht, dass wir ihm nicht wie die Lemminge gehorchten, sondern unsere eigenen Vorlieben und Qualitätskriterien entwickelten.