Joachim Fest gestorben Der Intellektuelle unter den Konservativen

Ausschluss aus der CDU, guter Freund von Ulrike Meinhof und Historiker mit ausgesprochener Weitsicht- Joachim Fests Lebenslauf bietet zahlreiche Überraschungen, die man einem Herausgeber der FAZ nicht zugetraut hätte.

Von Christopher Stolzenberg

Spätestens seit dem Film "Der Untergang" aus dem Jahr 2004 ist der Name Joachim Fest auch dem breiten Publikum ein Begriff. Seine Beschreibung der letzten Tage des Nazi-Regimes dienten als Vorlage für den Film von Bernd Eichinger. Die Verbindung von Geschichte und dem Medium Film ist zentral für das gesamte Wirken des Historikers und Journalisten Fest, dessen Karriere als damals jüngster Chefredakteur 1963 seinen ersten Höhepunkt erreichte.

"Mit wenigen machte es so viel Vergnügen zu streiten wie mit Ulrike Meinhof", erinnert sich Joachim Fest.

(Foto: Foto: AFP)

1973 brachte den Erfolg

Zuvor hatte Fest als Redakteur für politische und zeitgeschichtliche Fragen beim Berliner Sender RIAS gearbeitet. Mit 37 Jahren wurde er Chefredakteur der Abteilung "Zeitgeschehen" beim NDR. Die Verbindung zum Fernsehen sollte sich für den studierten Historiker, Germanisten und Soziologen als günstig erweisen. Zehn Jahre später, im Herbst 1973, sendete das Fernsehen parallel zum Erscheinen seiner Hitler-Biografie den ebenfalls von ihm erstellten Beitrag "Versuch eines Porträts" über den Dikator. Die Sendung erregte die Aufmerksamkeit der intellektuellen und publizistischen Elite der Bundesrepublik. Der Erfolg schien dem Buch und seinem Verfasser sicher.

Somit wurde das Jahr 1973 der wichtigste Meilenstein im Leben von Joachim Fest. Die Biographie "Hitler" war der Bestseller der Frankfurter Buchmesse und blieb, als eine der aufsehenerregendsten Neuerscheinungen des Jahres, monatelang in der öffentlichen Diskussion. Die Rezensenten stimmten darin überein, dass die brillante Formulierung "bei aller Subjektivität im Einzelnen keine Deutung in die historischen Fakten hineinlege, aber vieles aus ihnen heraushole".

Im selben Jahr zeichnete ihn die Bundesregierung für seine bisherigen Arbeiten mit dem Thomas-Dehler-Preis aus. Die mediale Auseinandersetzung mit dem Thema setzte Fest vier Jahre später auf der Berlinale mit dem umstrittenen Dokumentarfilm "Hitler - eine Karriere" fort, dessen Grundlage das prämierte Buch Fests war.

Ein Christdemokrat als enger Freund der RAF

In seiner Arbeit hat der geborene Berliner stets die Nähe zu allen Medien gesucht. Schon im Vorfeld seines Buches von 1973 diente er namhaften politischen Magazinen als kundiger Berater. Der Erfolg seines Buches wurde im selben Jahr durch einen weiteren persönlichen Höhepunkt im Leben des Joachim Fest gesteigert. Der einstige Christdemokrat trat als Leiter des Kulturteils in das Herausgebergremium der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein. Als politischer Feuilletonist und konservativer Intellektueller bezog er immer wieder Stellung zur Zeitgeschichte und war Mitte der 80er Jahre auch im "Historikerstreit" um die Bewertung der Nazi-Greueltaten engagiert.

Trotz der Bindung zur FAZ und seiner kurzfristigen Mandatszeit für die CDU in Berlin-Neukölln ließ sich Fest nicht von einer politischen Richtung vereinnahmen. Wegen seiner Kritik an der Hamburger Lokalpolitik wurde Fest noch in seiner Zeit beim NDR aus der CDU ausgeschlossen - was er aber nicht wirklich bedauerte: "Das politische Engagement war ein Irrweg, ich gehörte da nicht hin."

Stattdessen suchte er politische Auseinandersetzungen anderer Art: Ausgerechnet mit Ulrike Meinhof, der späteren RAF-Terroristin, verband ihn eine Freundschaft. "Mit wenigen machte es so viel Vergnügen zu streiten wie mit Ulrike Meinhof", erinnert sich Fest. "Jedes Mal, wenn wir uns irgendwo bei einer Party trafen, zogen wir uns in eine Ecke zurück und redeten über Politik."

Anderen Linken galt Fest "als einer, der sich zu sehr einfühlte in die Nazi-Größen, über die er so schillernd zu schreiben verstand", wie der Spiegel befand. Auch Historiker-Kollegen warfen Fest ungeachtet seines Erfolgs vor, Adolf Hitler zu einer "großen weltgeschichtlichen Persönlichkeit" stilisiert zu haben.

Speer-Biografie als Achillesferse des Erfolgs

Ungeachtet solcher Kritik feierte Joachim Fest auch in den 1990ern publizistische Erfolge. Zum 50. Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 legte Fest mit "Staatsstreich" eine "Erzählung und Analyse verbindende Darstellung" über den langen Weg zum 20. Juli 1944, dem Tag des Attentats auf Hitler, vor.

Fünf Jahre später wendete sich Fest einer anderen Figur des Nationalsozialismus zu und erntete dafür Tadel. Unter dem schlichten Titel "Speer. Eine Biographie" veröffentlichte er 1999 ein viel beachtetes Buch über Hitlers Chefarchitekten und Rüstungsminister. Fest, der Speer nach dessen Haftentlassung im Oktober 1966 bei der Niederschrift der Memoiren zur Hand ging, erkannte in dem unpolitischen Künstler und dessen "selbstgewählter Isolation des technischen Geistes" eine der "entscheidendsten Voraussetzungen für totale Dienstbarkeit", wie er in der Süddeutschen Zeitung ausführte.

Das Buch stellte sich als Fests Achillesferse des Erfolgs dar, denn Gegenwind kam vor allem von anderen Historikern entgegen. Als "unwidersprochen aneinandergereihte Lügen, Halb- und Unwahrheiten", kritisierte der Holocaustforscher Götz Aly die Arbeit. Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Wolfgang Benz, meinte, Fest habe "an der Erzeugung des Markenartikels Speer Ende der sechziger Jahre erheblichen Anteil".

Die deutsche Vergangenheit, sein Lebensthema

Die Ursachen und Folgen der Naziherrschaft, die Skepsis gegenüber Utopien und die Sorge um die Orientierungskrise der offenen Gesellschaft machte Fest zur Mitte seiner wissenschaftlichen und schreibenden Existenz. Die deutsche Gesellschaft und die Nation begleitete er historiographisch durch den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik.

Die deutsche Vergangenheit, die auch seine persönliche war, hat ihn zeitlebens nicht losgelassen. Die NS-Diktatur und ihre Folgen wurden sein "Lebensthema", wie er es in einem Interview nannte - jedoch aus wissenschaftlichem Interesse, wie der Historiker stets betonte, nicht wegen persönlicher Schuld. "Ich nicht - Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend" nannte Fest bezeichnenderweise seine gerade fertig gestellte Autobiografie, die nun posthum erscheinen wird.

Joachim Fest starb am Montag im Alter von 79 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne. Einer von ihnen, Alexander Fest, ist der Leiter des Rowohlt-Verlags.