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Joachim B. Schmidts Island-Krimi:Eisbären unter Verdacht

In "Kalmann" wird der Dorfidiot in einen Vermisstenfall verwickelt.

Von Nicolas Freund

Joachim B. Schmidt: Kalmann. Roman. Diogenes, Zürich 2020. 352 Seiten, 22 Euro.

Schall und Wahn in Raufarhöfn: Auf der Ebene über dem Fischerdorf im Nordosten Islands wurde eine Blutlache entdeckt, ausgerechnet von dem Dorfidioten, Kalmann. Der rennt mit Cowboyhut, Sheriffstern und Pistole durch den Ort und macht sich wichtig, wenn er nicht seinen berüchtigten Gammelhai zubereitet oder von der schönen Nadja träumt. Kalmann kann alle Örtchen, Fjorde und Gletscher Islands aus dem Gedächtnis aufzeichnen, sonst hat er aber Schwierigkeiten, die Welt und seine Mitmenschen zu verstehen. Er denkt Sachen wie: "Ich glaube, wenn ich einen gezähmten Fuchs als Haustier gehabt hätte, hätte ich bei den Frauen bessere Chancen gehabt." Dieser Kalmann ist nun nicht nur zentrale Person in einem Vermisstenfall, der wahrscheinlich ein Mord ist, er ist auch der Erzähler dieses Romans.

Solche Erzähler haben eine lange literarische Tradition, Joachim B. Schmidt, der 2007 aus der Schweiz nach Island ausgewandert ist, macht daraus aber keinen komplizierten Fall. Kalmann vergleicht sich selbst mit Forrest Gump: "Das ist aus einem Film, in dem der Held behindert ist, aber schnell laufen und gut Pingpong spielen kann." Es liegt ja etwas Sympathisches und Entlarvendes in diesem naiven Blick auf die Welt, der auch der Literatur gar nicht so fremd ist, zur Mordaufklärung aber nur bedingt taugt. Kalmann verdächtigt nämlich zuerst einen Eisbären, an dem Verschwinden des Hotelchefs Róbert McKenzie schuld zu sein, dann die beiden litauischen Pärchen, die für den Verschwundenen gearbeitet haben. Klar, Eisbären können von Grönland nach Island rüberkommen und die Litauer sind ja für Drogenschmuggel bekannt. Oder ist es Zufall, dass ein paar Tage später ein Fass voller Marihuana angespült wird? In jedem Fall kommt die Bedrohung für Kalmann von außen.

Island wurde von der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren sehr hart getroffen und diese Auswirkungen sind noch immer zu spüren. Schmidt webt dieses und andere Themen, die gerade die Welt im Allgemeinen und Island im Besonderen beschäftigen, wie die kriminellen Machenschaften um Fischfangquoten, krude Internetgemeinschaften und die Angst vor Einwanderern, in seine Schelmengeschichte und das verzerrte Weltbild Kalmanns ein, was gerade in dieser Verfremdung manche Perspektive zurechtrückt. Nur weil ein Idiot etwas erzählt, heißt das ja noch lange nicht, dass es nichts zu bedeuten hat.

© SZ vom 29.10.2020
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