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Fotograf Jim Rakete zur Kodak-Insolvenz:Fotos an Wänden sind die Boten einer anderen Zeit

Als in Amerika das Polaroid-System vorgestellt wurde, muss das ein harter Schlag für den riesigen Kodak-Konzern gewesen sein. Erstmals hatte ein neues System die Schnelligkeit von Kodak herausgefordert - ein Menetekel, wie sich zeigen sollte. Kodak antwortete, verspätet, mit einem eigenen System. Es blieb erfolglos.

Kodak files for bankruptcy protection

Kodak war ein stolzer Pionier in Film und Foto, weil die Filme aus der gelben Packung alle denkbaren Grenzen testeten. Es gab die empfindlichsten und die am höchsten auflösenden Filme. Man packte sie in den Kühlschrank, wenn man nach Hause kam; und die belichteten entwickelte man so schnell wie möglich.

(Foto: dpa)

Schon damals war zu erkennen, dass die Idee der Fotografie sich in ihr seltsames Gegenteil verkehren würde. Waren die Pioniere der Fotografie noch darauf aus, das eine, gültige Bild eines Moments zu machen (auf einen Termin nahm man gern nur zwei Platten mit), ging die Entwicklung in Richtung Serie. Die Ungeduld dem Ergebnis gegenüber nahm zu. Über Nacht hatten die Kameras Motoren oder Winder. An jeder Ecke gab es Fotolabors. Warten war unmodern.

Kein Anlass zu Zweifeln für Kodak. Das Geschäft mit den Filmen boomte. Kodak war mit den Astronauten auf dem Mond gewesen, hatte Mitte der 70er Jahre sogar eine eigene Digitalkamera entwickelt. Aber noch fast zwanzig Jahre lang waren die Ergebnisse, die man mit den Filmen erzielen konnte, auch technisch so viel besser, dass man nicht an einen Siegeszug des Digitalen glaubte. Erst als es japanische Kameras mit einem vergleichbaren Auflösungsvermögen gab, erwog man den Einstieg in die Technik. Da war es zu spät.

Parallel dazu hatte die digitale Bildbearbeitung Einzug gehalten in Agenturen, Redaktionen und Druckereien. Kaum ein Bild im öffentlichen Raum ist unbearbeitet - mit der Folge, dass wir fast jedes Image als Werbung interpretieren. Klassische Fotografie aber hatte immer einen Ausgangspunkt: das Negativ. Mit der Überschreitung dieser unscheinbaren Linie war ein Tabu gebrochen, das auch gedanklich ein Negativ obsolet zu machen schien. Wenn alles bearbeitet wird, warum dann nicht gleich einen Datensatz nehmen anstelle des Negativs? Seither ist das Fehlen eines Originals der Phantomschmerz der Fotografie.

Fünf Bilder gleichzeitig, Gesichter automatisch geglättet

Gewiss: Bilder sind stets manipuliert und geschönt worden, von den Porträts der Renaissance (in denen erstaunlich viele Photoshop-Ideen stecken), über die Bildfälschungen unter Stalin bis hin zu den harmlosen Retuschen von Porträts. Aber nie hatte es einen solchen Konsens der glatten Gesichter gegeben, die keiner mehr glaubt. Die heutige Digikamera macht gleich fünf Bilder, sucht selbst das beste davon heraus, glättet dabei automatisch die Gesichter. Am besten eingebaut ins Handy, bereit zum Verschicken.

Die Bilder kleben in keinem Familienalbum mehr, sie schmücken keine Wände. Einmal auf den Bildschirm gerufen, versinken sie auf Festplatten, werden zu Nebenprodukten der digitalen Geschwätzigkeit, zum Ausdruck von Bequemlichkeit. Wenn ein Riese wie Kodak in die Knie geht, lohnt es, auf das zu schauen, was verlorengeht, wie das die britische Künstlerin Tacita Dean in ihrem Buch "Floh" getan hat. Sie hat unzählige Bilder aus Alben auf Flohmärkten herausgesucht und aufbereitet; sie sind Boten einer anderen Zeit. Wird man das von den Billionen Handyfotos ebenfalls eines Tages sagen? Vielleicht. Wenn die Festplatten dann nicht Elektroschrott sind.

Vor fast fünf Jahren habe ich mich mit einer riesigen Plattenkamera noch einmal auf eine Erkundungsreise der deutschen Gesichter gemacht. Ich wollte mit den Mitteln der Vergangenheit die Charaktere von heute anschauen. Schon da gab es keine Schichtfilme mehr für diese Kamera. Nach der schlechten Nachricht aus Rochester will ich das nun noch einmal versuchen. Falls es noch Filme gibt.

Jim Rakete, 61, wurde vor allem durch seine Schwarzweißporträts von Musikern, Schauspielern und bildenden Künstlern bekannt.

© SZ vom 25.01.2012/rela/gr
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