"The Dead Don't Die" in Cannes Leider gibt es auch im Paralleluniversum Trump-Wähler

Bill Murray, Chloë Sevigny und Adam Driver spielen drei Polizisten, die es mit einer Zombieplage zu tun bekommen.

(Foto: dpa)
  • Jim Jarmusch eröffnet mit der Zombiekomödie "The Dead Don't Die" die Filmfestspiele von Cannes.
  • Die Handlung: Wegen Polar-Frackings ist die Erde aus ihrer Umlaufbahn getaumelt und von Zombies bevölkert.
  • Leider weiß man nicht, was genau Jarmusch mit seiner Mischung aus Zivilisationskritik und Horror sagen will.
Von Susan Vahabzadeh

Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Filmfestspielen von Cannes und der Berlinale, und der wird von den Orten bestimmt, an denen sie stattfinden. Berlin ist zu groß, als dass sich die Wirklichkeit aussperren ließe. Cannes aber wird vom Festival ganz und gar in Geiselhaft genommen, jedes Schaufenster und jede Kneipe begibt sich pünktlich zum Auftakt in den Festspielmodus.

Auf dem Weg nach Cannes mag man dutzendfach die Plakate des EU-Gegners François Asselineau sehen, auf denen ein "Frexit" gefordert wird; auf der Croisette aber wird nur für Filme geworben. Cannes glitzert in der Sonne und bleibt ein surrealer Ort. So gesehen ist die Eröffnung der 72. Filmfestspiele mit Jim Jarmuschs neuem Film "The Dead Don't Die" irgendwie passend, sein Verhältnis zur Realität ist, wie soll man sagen, gespalten. Sie darf kurz rein, aber häuslich einrichten darf sie sich dann nicht.

Der 66-jährige Amerikaner Jarmusch ("Night on Earth") gehört in Cannes zu den Stammgästen. Manchmal hat er einen Drall ins Surreale, dann macht er filmische Zerrspiegel dieser Welt. Sein Vampirfilm "Only Lovers Left Alive" von 2013 zum Beispiel, gedreht in den verlassenen Straßen von Detroit, funktionierte so.

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Der Titel lässt es ahnen, diesmal hat Jarmusch einen Zombiefilm gemacht. Im Mittelpunkt steht die Polizeistation des anfangs noch idyllischen kleinen Städtchens Centerville. Die Polizisten Cliff (Bill Murray) und Ronnie (Adam Driver) fahren über die menschenleeren Straßen und wundern sich, dass es noch hell ist.

Auch im Diner stellt man sich beklemmende Fragen, woran sich aber der bei allen verhasste Farmer Miller (Steve Buscemi) nicht beteiligt. Er rückt sein rotes Käppi zurecht, auf dem nicht etwa "Make America Great Again" steht, sondern "Keep America White Again", was noch weniger Sinn ergibt.

Bill Murray und Adam Driver sind natürlich immer gut, egal, was sie machen.

Bald werden die Zeitungen geliefert, die, äh, Licht in die Sache bringen. Der gestörte Tagesablauf, die flüchtenden Haustiere, das ist alles kein Problem von Centerville, es hat die ganze Welt erwischt. Wegen Polar-Frackings ist die Erde aus ihrer Umlaufbahn getaumelt. Ronnie hält das für erwartbar und gesichert; die Kollegin Mindy (Chloë Sevigny) kann es gar nicht glauben, denn überall im Radio und im Fernsehen wird erzählt, Polar-Fracking sei eine feine Sache, die der Erde gar nicht weiter schade und jede Menge tolle neue Jobs schaffe.

Gewisse Ähnlichkeiten mit dem Planeten Erde sind unübersehbar, am Ende aber vielleicht doch rein zufällig. Auf jeden Fall sind sie vorbei, als die Nacht endlich über Centerville hereinbricht. Da erheben sich die Toten aus den Gräbern und greifen die Lebenden an. Wenn sie nicht gerade Hunger haben und jemandem die Eingeweide herausreißen, wollen die Zombies das, was ihnen im Leben am liebsten war. Weswegen die Kinderleichen einen Comicheft-Laden stürmen und moderner gewandete Untote mit ihren Smartphones durch die Nacht torkeln auf der Suche nach einem Wlan-Signal, so, wie sie es im Leben auch gemacht haben.

Auftritt Tilda Swinton, überirdisch wie immer: Mrs. Zelda Winston ist der frisch zugereiste Fremdkörper von Centerville und hat gerade das örtliche Bestattungsinstitut übernommen.

Zombies lassen sie kalt. Denen macht sie mit einem gezielten Säbelhieb den Garaus, das passende Samuraischwert hat sie sowieso immer dabei.

"The Dead Don't Die" ist eine Horrorkomödie, in Maßen eklig, und die Besetzung ist ein Traum für sich. Tilda Swinton ist einfach cool, und das soll sie hier auch sein. Und Bill Murray und Adam Driver sind natürlich immer gut, egal, was sie machen. Hier müssen die beiden irgendwann Zombies en masse enthaupten. Dazwischen unterhalten sie sich manchmal übers Drehbuch und über den Countrysong, der dauernd im Radio läuft, "The Dead Don't Die". Das ist schon irgendwie ganz lustig in seiner milden Zivilisationskritik. Ja, milde: Die Geistervorstädte der sterbenden Großstadt Detroit halten uns jedenfalls einen originelleren Zerrspiegel vor als desorientierte Handyfanatiker, die längst einen Namen haben, Smombies. Und wenn der fiese Farmer Miller, der Trumpianer aus dem Paralleluniversum, seinen verschollenen Hund ruft, der Rumsfeld heißt - dann ist das bloß albern.

Das ist das Problem mit diesem Film. Die entfernte Verwandtschaft mit der Realität dieser Geschichte ist ein Witz, und so lustig ist die Realität derzeit gar nicht. In ihr nur noch eine Horrorkomödie zu sehen, zu der einem nichts mehr einfällt, das ist menschlich, aber auch irgendwie defätistisch. Und es ergibt halt einfach nicht viel Sinn. Was genau eigentlich will er uns mit den kleinen Seitenhieben auf das Hier und Jetzt sagen? Dass der Klimawandel die Toten aus den Gräbern jagen wird? Man kann es ja auch genau andersherum interpretieren. Wer die Apokalypse am Horizont schimmern sieht, kann auch gleich an Zombies glauben.

Vielleicht wäre der Film lustiger, würde er in seinen Bezügen ungefährer bleiben. So macht der Film den Eindruck, als habe sich Jim Jarmusch einen Reim darauf machen wollen, was gerade mit der Welt passiert, und herausgekommen ist ein Limerick.

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