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Neuer Film von Jim Jarmusch:Nacht der lebenden Zoten

Mit den Erwartungen zu weit aus dem Fenster gelehnt? Adam Driver als Officer Ronald Peterson in "The Dead Don't Die".

(Foto: AP)

"The Dead Don't Die" ist eine Zombiekomödie mit Superstar-Aufgebot. Das klingt zuerst zu skurril, um wahr zu sein - ist dann aber doch etwas enttäuschend.

Schon nach der bloßen Ankündigung, aber spätestens nach dem Trailer von Jim Jarmuschs neuem Film konnten viele Fans ihr Glück kaum fassen. Stimmte das wirklich? Alles an dem Projekt klang zu gut, um wahr zu sein. Ein Zombiefilm von Jim Jarmusch! Mit Adam Driver! Und Bill Murray! Und Steve Buscemi! Und Selena Gomez! Und Tilda Swinton! Und Iggy Pop! Und Tom Waits! Und Chloë Sevigny! Die Liste ließe sich fortführen. Das musste doch einfach großartig werden. Ein blutig-feuchter Traum. Was sollte da schon schiefgehen? Es schien unmöglich, diese Versuchsanordnung in den Sand zu setzen. Jahrhundertelang hatten Menschen vergeblich nach einem Gottesbeweis gesucht, aber wenn dieser Film keiner sein sollte, was dann?

Schließlich feierte "The Dead Don't Die" im Mai seine Weltpremiere als Eröffnungsfilm des Festivals von Cannes, und die ersten Rektionen waren, gelinde gesagt, enttäuscht. Aber jetzt auch nicht alle. Konnte man schwer sagen. Bei der Pressekonferenz wurden einige der Darsteller gefragt, ob sie Angst vor Zombies hätten, was sie brav diskutierten, bis auf Bill Murray, der leicht verknautscht kommentierte, er habe "Angst vor Cannes". Was war passiert?

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Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Beginnen wir am Anfang, ganz am Anfang des Filmes, als noch alle quicklebendig sind und im Vollbesitz ihrer Organe. Zwei Polizisten (Bill Murray und Adam Driver) fahren in den Wald, um einen Einsiedler (Tom Waits) zur Rede zu stellen, der dem örtlichen Farmer ein Huhn gestohlen haben soll. Der Einsiedler schießt auf sie, doch Chief Murray lässt ihn davonkommen, weil er ihn noch aus Schulzeiten kennt und weiß, dass der Einsiedler ein gutes Herz hat.

Fracking ist schuld an der Zombie-Apokalypse

Auf dem Rückweg bemerken die beiden Polizisten, dass es trotz fortgeschrittener Uhrzeit noch ungewöhnlich hell ist. Sie sind nicht die einzigen, denen das auffällt. Es wird nicht dunkel in ihrem Städtchen Centerville, um acht Uhr am Abend nicht, um neun nicht, um zehn nicht. Die Bewohner sind verwundert. Der Grund klärt sich bald: Durch Fracking an den Polen ("Völlig ungefährlich!", wird über den gesamten Film im Radio versichert) hat sich die Erdachse verschoben. Das bringt nicht nur Tages- und Nachtzeit aus dem Gleichgewicht, nein, es erweckt auch die Toten wieder zum Leben. Warum? Warum nicht! Die Zombieapokalypse ist da, und unsere Helden mittendrin.

Fast alle Bewohner Centervilles werden von Stars gespielt. Wir begegnen Steve Buscemi als Farmer mit einem "Make America white again"-Basecap. RZA vom Wu-Tang-Clan ist der Paketbote. Selena Gomez ein Teenie auf Durchreise. Die Welt von Centerville existiert im schmalen Graubereich zwischen Insiderwissen und der 4. Wand. Der Paketdienst von RZA heißt Wu-PS, die Beerdigungsfachfrau, die von Tilda Swinton gespielt wird, trägt im Film den Namen Zelda Winston. Und Iggy Pop verdingt sich als Kaffee-süchtiger Zombie.

Es wäre fahrlässig, mehr vom Plot zu verraten, denn, nun, es gibt nicht sehr viel Plot. Die Zombieapokalypse kommt und will aufgehalten werden. Den Charakteren ist zumindest teilweise klar, dass sie sich in einem Film befinden. Wenigstens Driver, der das Script gelesen hat und deswegen ständig vor sich hin brummt, dass das alles kein gutes Ende nehmen wird. Oder doch? In ewiger Wiederholung wird der Country-Song "The Dead Don't Die" von Sturgill Simpson in Autoradios gedudelt, auf CDs präsentiert und von unterschiedlichen Charakteren gelobt, ein ins Leere laufendes Product Placement.

"The Dead Don't Die" ist ein B-Movie mit einem Haufen A-List-Schauspielern und einer Menge Metawitzen. Wenn man sich einmal von der Erwartung losgesagt hat, der Neuerfindung des Genres beizuwohnen, ist der Film durchaus liebenswert. Zugleich hinterlässt er einen irritiert. Man hat den Eindruck, einem Witz beizuwohnen, der mit einem so todernsten Gesicht erzählt wird, dass man nicht weiß, ob man lachen darf oder nicht. Das ist nicht zuletzt die Leistung der Schauspieler - und eben des Regisseurs Jim Jarmusch. Das Starprinzip Hollywoods beruht seit jeher auf dem Wiedererkennen einer Ikone. Was genau ist das Besondere an der Art, wie Jarmusch in seinen Filmen bekannte Gesichter einsetzt? Für jedes Projekt holt er sich mittlerweile eine Riege von Personen mit einem speziellen popkulturellen Status, Indie-Ikonen sozusagen. Er hat das Prinzip perfektioniert, die Sphären des Pop und des Autorenfilms kurzzuschließen. Schließlich wurde er dafür berühmt, in Filmen wie "Coffee and Cigarettes" Musiker mit einem gewissen Ikonenstatus in seine Filme zu stellen. Künstler, die alternativen Glamour verbreiten, aber auch in einem Spannungsverhältnis zu seinem meist sehr langsamen Erzählen stehen, wodurch sie skurril wirken, aus der Welt gerissen.

Bei Jarmusch spazieren die Stars durch den Film wie absurde Heiligenbilder

In "The Dead Don't Die" überträgt sich dieser Effekt sogar auf die hauptberuflichen Schauspieler. Jeder wird in Jarmuschs Filmen zur Popfigur, jeder verschwindet in den besten Momenten dahinter. Hier zeigt sich der Unterschied zum klassischen Starprinzip. In dem müssen die Schauspieler sowohl möglichst theatralisch mit ihrer Rolle verschmelzen (siehe Oscar für Leonardo DiCaprios Leidensperformance in "The Revenant") als auch als berühmte Gesichter erkennbar bleiben. Bei Jarmusch spazieren sie eher als absurde Heiligenbilder durch den Film und werden genau deshalb frei, etwas ganz anderes zu repräsentieren.

Bill Murray, Chloë Sevigny und Adam Driver in "The Dead Don't Die".

(Foto: Abbot Genser / Focus Features)

In "The Dead Don't Die" läuft Jarmusch Gefahr, diese Technik allzu sehr zu ironisieren, wodurch der Film leicht ein eher selbstreferenzielles Popkulturschaulaufen mit Coolnessanspruch hätte werden können - wenn er damit nicht auf etwas Wahres verweisen würde. Wie die Industrie, die immer wieder berühmte Schauspieler in die immer gleichen Abläufe der bekannten Erfolgsschemata presst, verwandelt Jarmusch seine Hoftruppe in Zombies; seelenlose Wesen mit vertrauten, aber auch halbverschimmelten Gesichtern, die durch bekannte Plots stolpern. Das Ganze ist ein Witz über diese Art des Filmemachens, von dem Jarmusch sich nicht ausnimmt.

Nach dem Kinobesuch wird man also eventuell enttäuscht sein und sich fragen: Warum? Ich wollte diesen Film lieben, ich wollte ihn mit nach Hause nehmen und ehren in guten wie in schlechten Tagen, ihn meinen Eltern vorstellen, ich hatte schon den verdammten Ring gekauft, das Kinderzimmer gestrichen, und jetzt? Man wird traurig ins frisch blutfarben gestrichene Kinderzimmer gehen, einschlafen, und vielleicht am Morgen begreifen, dass nicht der Regisseur Jim Jarmusch einen betrogen hat, sondern die eigenen Erwartungen. Nicht weinen. Jim Jarmusch ist es sowieso egal.

The Dead Don't Die , USA 2019 - Regie, Buch: Jim Jarmusch. Kamera: Frederick Elmes. Mit: Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton, Steve Buscemi, Selena Gomez. Universal, 105 Minuten.

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