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Jiddische Literatur:Weggehen oder bleiben?

Susanne Klingensteins Neuübersetzung von Scholem J. Abramowitschs Erzählung "Die Reisen Benjamins des Dritten" erhält die Besonderheiten der jiddischen Sprache.

Der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer meinte einmal, das Jiddische enthalte Vitamine, die man in keiner anderen Sprache finde. Das Schlamassel, das Schmusen und Mauscheln, das Techtelmechtel und meschugge - die ins Deutsche übergegangenen Wörter haben in der Tat einen unverwechselbaren Klang. Der Hanser Verlag hat nun den jiddischen Klassiker "Die Reisen Benjamins des Dritten" von Scholem J. Abramowitsch (1835-1917) in einer Neuübersetzung von Susanne Klingenstein herausgebracht. Und die Vitamine des Jiddischen haben den Pasteurisierungsvorgang des Übersetzens sehr gut überstanden.

Die Geschichte von Benjamin beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts in einem ärmlichen, aber lebensfrohen Dorf namens Tunejadewke. Gibt es im Dorf eine Neuigkeit, dann rollt das Gespräch "von Haus zu Haus wie ein Schneeball, der bei jeder Umdrehung größer wird, und landet schließlich im Bethaus vor dem Ofen, wo Unterhaltungen über alle Dinge zu guter Letzt landen, sei es über Familiengeheimnisse oder die Politik in Stambul". Auf der obersten Bank vor dem Ofen wird heftig gestritten, über Dorfgetuschel, Pogrome, den Krimkrieg: "Selbst wenn dann alle Könige des Ostens und des Westens kämen und sich auf den Kopf stellten, könnten sie doch nichts mehr ausrichten." Die meisten Debatten enden mit einer Erhöhung der Fleischsteuer.

Benjamin ist in seinem Leben noch nicht über die Grenzen des Dorfes hinausgelangt. Er hat Frau und Kinder - und eine Reiselust, die ihn tags und nachts umtreibt. Ins Heilige Land will er, nach Israel, zu den mythischen "Roten Juden", zum Pipernotter und zum Lindwurm.

Was ihm fehlt, ist ein Gefährte, der sich um das Praktische kümmert, wie der Knappe in dessen Begleitung Don Quijote unterwegs war. "Wenn ich es nur jetzt schon erlebte, dachte er oft, weit weggefahren, dort angelangt und wohlbehalten zurückgekommen zu sein." Eines Tages trifft er Senderl beim Kartoffelschälen, den Dorftrottel, von Natur aus ein stiller Mensch, sanft wie eine Kuh. Man nennt ihn "Senderl die Frau". Und weil es Senderl schwerfällt, nein zu sagen, ist es schnell beschlossene Sache, dass sie gleich am nächsten Tag in aller Frühe aufbrechen wollen. Es geht erst sehr stürmisch, dann eher sporadisch voran: "Als die Sonne ihrem Butterfass ganz entstiegen war und ihre hellen Strahlen anfingen, gehörig zu brutzeln und zu braten, warfen sich unsere Helden am Wegrand im Schatten eines Wäldchens nieder."

Scholem J. Abramowitsch

Scholem J. Abramowitsch, links stehend mit vier jüdischen Literaten.

(Foto: Sammlung Susanne Klingenstein)

So trudeln sie durch die Dörfer, leben von Almosen und versuchen sich den ukrainischen Bauern verständlich zu machen. Senderl folgt Benjamin "wie eine Kuh dem Kälbchen". Nichtsahnend steigen unsere beiden Helden eines Tages auf den Wagen zweier gebildeter, wohlhabender Juden, die versprechen, sie nach Kiew zu bringen. Dort angelangt, lotsen sie sie in ein Dampfbad, das sich als Kaserne herausstellt. Benjamin und Senderl finden sich auf einmal mit kahlgeschworenem Kopf als Soldaten wieder.

Abramowitsch hat keinen Ausweg in die Ideologien, ihm bleibt die Satire auf die eigene Ratlosigkeit

Weil sich diese beiden im militärischen Metier als gänzlich untauglich erweisen, lässt man sie nach einem (natürlich gescheiterten) Fluchtversuch schließlich ziehen. So geht die Geschichte glimpflich aus, wenn sie auch kaum weitergekommen sind: Wieder stehen sie da wie am Anfang, in der Fremde.

Weggehen oder bleiben? Diese Frage stellten sich Juden in ganz Osteuropa, die von der Politik Zar Nikolais I. ins Elend getrieben wurden. Wie Susanne Klingenstein im 126 Seiten langen Anhang darlegt, enttäuschte die Assimilation, der in anderen Ländern durchaus Erfolg beschieden war, in Russland die Hoffnungen auf eine Gleichstellung wieder und wieder. Neben der politisch gewollten Pauperisierung kam es seit 1881 immer wieder zu Pogromen, auch Abramowitsch erlebte 1905 in Odessa einen antijüdischen Gewaltausbruch. Mehr als vier Tage dauerte das Pogrom, Abramowitsch überlebte im Keller der Schule, der er als Direktor vorstand.

Seine Kindheit war von Entbehrung gezeichnet: Um seiner früh verwitweten Mutter nicht zur Last zu fallen schlief er in Bethäusern, lebte von Almosen und schlug den Weg ein, den Tausende perspektivloser junger Männer wählten, der aus der Armut jedoch nicht herausführte. Er wird Talmudschüler, später Lehrer. Aber politisch fühlt er sich gelähmt. Für ihn sind weder Zionismus, Sozialismus noch Nationalismus eine Option. Sein Buch entspringt einem politischen Antrieb, gibt aber keine Weisung aus. Was bleibt, ist eine Satire auf die eigene Ratlosigkeit.

Vielleicht lässt er deshalb seine Helden Zuflucht in der Fantasie suchen. Benjamin will die "Roten Juden" finden, die jenseits des Flusses Sambation leben - ein mythischer jüdischer Stamm, der den Juden in der Diaspora als Retter aus der Not beispringen wird. Arthur Koestler sorgte 1976 für viel Aufsehen (und Kopfschütteln), als er in einem Buch versuchte, diesen sogenannten "dreizehnten Stamm" mit den Chasaren zu identifizieren, ein zunächst nomadisches Turk-Volk im Kaukasus, das im siebten Jahrhundert in Teilen zum jüdischen Glauben übertrat. Koestlers Ansicht nach stammen die Ostjuden - Aschkenasim - von diesen Chasaren ab, deren Spur sich im elften Jahrhundert in der Zeit der Völkerwanderung verliert. Der israelische Historiker Shlomo Sand rückte diese These 2009 in seinem Buch "Die Erfindung des jüdischen Volkes" erneut in den Vordergrund - sie ist historisch kaum belegt, birgt dafür aber politischen Sprengstoff, weil auf sie Bezug genommen wird, um den Staat Israel zu diskreditieren.

Über die "Roten Juden" erfährt man nichts im eher biografisch-politisch gehaltenen und sprachlich versierten Nachwort, aber es macht neugierig, all das nachzuschlagen. Auch hätte man sich eine kleine historische Notiz zum damaligen Frauenbild gewünscht. Bei einem 1878 erstmals erschienenen Roman, der sich noch dazu ausschließlich an junge orthodoxe Männer richtete, erwartet niemand feministische Theorie, aber es erstaunt doch, dass alles Schlechte in weiblicher Form daherkommt. So ist Klingenstein zufolge die Verweiblichung von Benjamins Begleiter Senderl eine Chiffre für die politische Untätigkeit der Juden. Zugleich stehen die strengen, ja mitunter gewalttätigen Ehefrauen der beiden für die Repressionen des russischen Zarenreichs.

Unter dem Namen der Kunstfigur Mendele Moicher Sforim schrieb er jiddische Geschichten

Das Jiddische ist eine Nahsprache des Deutschen mit Einflüssen aus dem Hebräischen und den slawischen Sprachen, und wird in hebräischen Schriftzeichen zu Papier gebracht - wenn es denn überhaupt geschrieben wurde, denn vornehmlich war es die Sprache des Alltags. Abramowitschs Humor entsteht nicht zuletzt durch "Bathos", das heißt durch eine Kopplung von Highbrow und Lowbrow, von sakralem Hebräisch und Gossensprache.

Mit seinen jiddischen Geschichten, die er unter dem Namen seiner Kunstfigur Mendele Moicher Sforim (Mendele der Buchhändler) veröffentlichte, wurde Abramowitsch zum ersten jiddischen Autor von Rang und Namen. Als er anlässlich seines 75. Geburtstages auf Lesereise ging, erwarteten ihn an jeder Bahnstation Tausende von Menschen. Dem ambitionierten Schriftsteller Scholem Alejchem gelang es dann, das Genre "jiddische Literatur" zu konsolidieren. In den fünf Jahren von 1885 bis 1890 (als er sein zuvor geerbtes Vermögen an der Börse wieder verliert) gab er eine Reihe jiddischer Anthologien heraus. Solche Traditionslinien entstehen mitunter gegen den Willen der Beteiligten. Klingenstein schreibt, dass Abramowitsch zuerst wenig Lust hatte, "den Großvater abzugeben, damit Scholem Alejchem als sein Enkel auftreten konnte".

Scholem J. Abramowitsch: Die Reisen Benjamins des Dritten. Aus dem Jiddischen von Susanne Klingenstein. Hanser Berlin. 285 Seiten, 28 Euro.

Viele jüdische Aufklärer, darunter auch große Philosophen wie Moses Mendelssohn blickten auf das Jiddische als Sprache des Ghettos herab. Trotzdem war es bei der Gründung des Staates Israel zunächst nicht ausgemacht, dass Hebräisch Nationalsprache wurde. 1948 war Hebräisch eine ähnlich "tote" Sprache wie Latein, es wurde seit mehr als 1700 Jahren gelesen, geschrieben, aber nicht gesprochen, und Schriftsteller wie David Grossman, die ihr belletristisches Werk auf Hebräisch verfassen, gab es auch noch nicht. Weil Abramowitsch gegen Ende seines Lebens dazu überging, seine jiddischen Werke ins Hebräische zu übertragen, kann er sogar zu den Gründer- und Großvätern der hebräischen Literatur gerechnet werden.

Der nationalsozialistische Massenmord, dem ein Großteil der Jiddisch sprechenden Personen zum Opfer fiel, setzte der Blütezeit der jiddischen Literatur ein jähes Ende. Susanne Klingenstein selbst hat das Jiddische als Fremdsprache gelernt und thematisiert diese "Postvernacularity" in ihrem Nachwort, das darüber hinaus einen wunderbaren Einblick in die Arbeit des Übersetzens bietet. Die bisherigen Übersetzungen des Buches richteten sich vor allem an ausgewanderte Juden. Sie betonten nostalgische oder belustigende Aspekte, nicht den intellektuellen und politischen Horizont.

Wie Don Quijote zieht Benjamin Inspiration vor allem aus dem eigenen Buchbestand. Insbesondere die Reiseberichte von Benjamin aus Tudela (1130-1173) und Israel Joseph Benjamin (1818-1864) haben es ihm angetan. Er macht sich nun als "dritter" Benjamin schreibend auf den Weg ins Heilige Land. Im Unterschied zu Don Quijote sind es keine fantastischen Schelmenromane, die ihm den Kopf verdrehen und ihn gegen Windmühlen kämpfen lassen - die Kämpfe, mit denen sich Benjamin konfrontiert sieht, sind echt, seine Bücher jüdische Überlieferungen und die Heilige Schrift. Dass er sie für bare Münze nimmt, ist nicht so irrsinnig wie die Welt, die ihn umgibt. Vielleicht liegt darin die versteckte politische Botschaft von Abramowitsch: Dass es eine Weltfremdheit gibt, die weltverändernd wirkt.

© SZ vom 22.11.2019

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