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Jia Tolentinos Essays:Die kritische Kundin

Pressefoto Autorin Jia Tolentino_(c) Elena Mudd

Gehört zur dominanten Zielgruppe: die amerikanische Autorin Jia Tolentino.

(Foto: Elena Mudd/Elena Mudd)

Hat das Ich-Sagen endgültig seine Unschuld verloren? Jia Tolentinos Essayband "Trick Mirror. Über das inszenierte Ich" macht ganz den Eindruck.

Von Marie Schmidt

Vor auch schon wieder fast zehn Jahren hat Lena Dunham die Serie "Girls" geschrieben, in der sie selbst die Hauptrolle spielte. Eine Frau an der Schwelle zwischen Kindlichkeit und Boheme in einer illusionslosen Post-Finanzkrisen-Welt: Brooklyn, New York, im nicht mehr ganz jungen 21. Jahrhundert. Zu anderen Zeiten hätte eine solche Figur Performancekünstlerin werden wollen oder Starmoderatorin oder Sexkolumnistin. Dunhams Hannah Horvath nennt als Berufsziel Essayistin, wird aber von den Umständen davon abgehalten, Essays zu schreiben: "Ich denke, ich könnte die Stimme meiner Generation sein", sagt sie. "Oder zumindest eine Stimme einer Generation."

Lena Dunham wurde mit dieser Figur sehr berühmt, und das war ja auch der ultimative Joke über Grandiosität und Krise der "amerikanischen Essayistin", dieser weltweit begehrten, übrigens ausdrücklich weiblichen Sozialfigur. Sie wirkt besonders klug und lebenserfahren im Individualismus-Kapitalismus und muss deshalb als einzigartige, einzig populäre Intellektuelle der Gegenwart herhalten. Jenseits der Fiktion war zuletzt Jia Tolentino in dieser Rolle erfolgreich, die in Brooklyn lebt und nach Stationen als Redakteurin und Autorin für die feministischen Seiten Jezebel und The Hairpin heute fest für den New Yorker schreibt.

Tolentino ist in etwa so alt wie Lena Dunham, nämlich 1988 geboren. Allerdings nicht in New York aufgewachsen, sondern in Houston, Texas (wie auch der absolute Superstar der Achtzigerjahrgänge, Beyoncé Knowles). Ihre Eltern sind Einwanderer von den Philippinen. Nach einem Studium an der Südstaaten-Universität von Virginia kam sie nach New York.

Das ist keine der üblichen Ostküsten- und Ivy-League- oder Liberal-Arts-Biografien. Die ist in klassen- und identitätsbewussten Zeiten auch nicht mehr die glaubwürdigste Vorbereitung für eine Karriere als amerikanische Essayistin. 2019 erschien Jia Tolentinos Essayband "Trick Mirror" in den USA, bekam große Aufmerksamkeit, landete auf der öffentlichen Leseliste von Barack Obama. Als das Buch jetzt in deutscher Übersetzung erschien, war es ein gemachtes Ereignis.

Tolentinos Art von Kulturkritik kann sich auf einen stabilen Konsens verlassen

Tolentino schreibt darin, wie der deutsche Untertitel heißt, "Über das inszenierte Ich", die übergroßen, fratzenhaften, fragmentierten Versionen des Selbst, die man mithilfe des Konsumkapitalismus und der Massenmedien für sich und andere erschaffen kann. Oder muss, wie Jia Tolentino beklagt: "In letzter Zeit ist die ideale Frau alles, was sie sein will, solange es ihr gelingt, nach dem Glaubenssatz zu handeln, dass die Perfektionierung ihrer selbst und ihrer Beziehung zur Welt sowohl Arbeit als auch Spaß bringen kann - eben 'Lifestyle' ist. Die ideale Frau begibt sich in eine Sphäre aus teuren Säften, Boutique-Fitnesskursen, Kosmetikanwendungen und Reisen, so bleibt sie glücklich und zufrieden."

An anderer Stelle macht sie sieben Arten des Betrugs aus, für die besonders eine Generation anfällig sei, die Empathie und Solidarität nur als Ich-Botschaft in den sozialen Medien kennt: "Uns begegnet die Aushöhlung des Arbeitnehmer*innenschutzes in einem feierlichen Blog-Post über eine Lyft-Fahrerin, die trotz einsetzender Wehen weiter Fahrgäste aufnahm. Uns begegnet der Wahnsinn des privatisierten Gesundheitswesens im erzwungenen Optimismus der GoFundMe-Kampagne für die Chemotherapie einer fremden Person." Dann wiederum studiert Tolentino an 46 Hochzeiten, zu denen sie in den letzten Jahren eingeladen war, die Symbolik besonders der heterosexuellen Liebe. Amerikanische Paare ließen sie sich "ein Jahr Planung und schätzungsweise 30 000 Dollar" kosten, schreibt sie, um am Ende "einen lebenslangen Vorrat unverhohlener Eigennützigkeit in einen einzigen, unglaublich teuren Tag quetschen zu müssen".

Die Argumente klingen vertraut. Gegen einen Optimierungswahn, der soziale Probleme verdeckt, schreiben etwa die Essayistinnen und Essayisten der Zeitschrift n+1 (aus Brooklyn) seit ihrer Gründung 2004 beharrlich an. Autorinnen wie Roxane Gay und Laurie Penny haben gezeigt, wie sich die vermarktbaren Versionen von Emanzipationsbewegungen gegen ihren eigentlichen Sinn entwickeln. Besonders gegen den kapitalistischen Lean-In-Feminismus der Facebook-Managerin Sheryl Sandberg haben erfahrene Ideologiekritikerinnen wie Susan Faludi und Bell Hooks die Stimme erhoben.

Und schon in Lena Dunhams "Girls" brachen sich die handlungstreibenden Konflikte an den Mega-Egos von Millenials, die zwanghaft alles, was geschieht, zu einer Geschichte über sich selbst machten. Diese Art von Kulturkritik kann sich auf einen stabilen Konsens verlassen. Entsprechend enthusiastisch waren die Besprechungen von Tolentinos Essaysammlung in den USA wie in Deutschland. Sodass die eine besonders auffiel, die nicht einverstanden war.

Susan Sontag hätte sich eher einen Arm abgehackt, als über sich selbst zu schreiben

Lauren Oyler, Anfang der Neunziger geborene, zwischen Berlin und New York lebende Autorin, analysierte in der London Review of Books Tolentinos Essays als Fallbeispiel für einen "hysterischen" Kritikstil: Anhand zahlreicher Beispiele prangere der aufgeregt Probleme an, die das Publikum bereits als solche anerkannt habe. Von diesem moralisch gesicherten Standpunkt aus gelinge es dann, "jede Beobachtung der Welt zu ihrem eigenen Leben und ihren Gefühlen zurückzuführen, obwohl es umgekehrt sein sollte."

Nun könnte man diesen Einwand für billig halten, weil Tolentinos Vorwort zu ihrem Band Disclaimer zur Rolle des Ichs enthält: "Wenn mich etwas verwirrt, dann schreibe ich darüber, bis ich zu der Person werde, die ich auf dem Papier sehe", steht da. Und: "Das Schreiben bringt mich dazu, meine Selbsttäuschungen abzuschütteln oder sie weiterzuentwickeln." Da gibt sie sich als Musterschülerin des europäischen Humanisten und ersten Essayisten Michel de Montaigne, mit dem sie in amerikanischen Rezensionen ebenso verglichen worden ist, wie natürlich mit Susan Sontag (die sich eher den Arm abgehackt hätte, als in ihren Essays von sich selbst zu sprechen).

Und doch zeugt Oylers Kritik von einem Konflikt, der nicht nur ein generationstypischer ist, sondern eine uralte Frage des Genres beinhaltet: "In der Erfahrung an mir selbst finde ich genug Stoff, aus dem ich Weisheit schöpfen könnte", schreibt Montaigne über sein Renaissance-Ich, das der Religion und aristokratischen Herrschaft gegenüber relativ frei ist und deshalb als Instrument höherer Erkenntnis taugt. Tolentinos "inszeniertes Ich" gehört vor allem zur Zielgruppe des dominanten Kapitalismus. Sie schreibt als erste, durchaus kritische Kundin einer warenförmig abgepackten Freiheit des Einzelnen. Dementsprechend ähnelt ihr Reflexionsstil einer bestimmten Sorte Überschrift von Zeitgeist-Plattformen im Internet: "Ich habe dieses und jenes mal erlebt, damit ihr's nicht mehr müsst."

Jia Tolentino: Trick Mirror. Über das inszenierte Ich. Aus dem Englischen von Margarita Ruppel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 368 Seiten, 22 Euro.

Sie trägt dabei Unmengen faszinierenden Materials zusammen, fast alltagsethnologisch konkret. Sie macht die vom Spitzenballett abstammenden Fitnesstrainings von "Pure Barre" durch. Sie arbeitet ihre Vergangenheit als Reality-TV-Kandidatin und als early adopter personalisierter Mikrobloggingseiten wie Angelfire oder GeoCities auf. Sie hört den "narkotisierten, irgendwie hartpolierten Sound" des Houston-Hip-Hop der Neunziger auf dem Parkplatz vor der Megachurch, in die sie mit ihren Eltern geht. Und findet später Formen ihrer Spiritualität auf MDMA wieder. Allerdings nicht ohne ein trockenes Referat über Wirkungsweise und Geschichte der Droge zwischenzuschalten. Angesichts der Medienaufregung um rape culture in amerikanischen Hochschulen analysiert sie, warum sie auf Verbindungspartys ihrer eigenen Studienzeit glimpflich davongekommen ist.

Wobei sie mit all dem die Verhältnisse nicht nur zu zeigen und zu interpretieren, sondern gar zu überkommen versucht. Zum Beispiel "hat es nur etwa sieben Jahre, in denen ich meine Persönlichkeit im Internet verhökert habe, gedauert, an einen Punkt zu gelangen, an dem ich es mir problemlos leisten kann, auf Amazon zu verzichten, um fünfzehn Minuten und fünf Dollar zu sparen." So laufen Tolentinos Essays auf einen Überlegenheitsgestus zu, der sie überraschend oft klingen lässt wie einen deutschen Soziologiestudenten. Nicht nur der schwerfällig in die Hypotaxen strauchelnden Übersetzung wegen.

Was die Genretraditionen betrifft, befindet sich Jia Tolentino damit auf der moralischen Seite des Essayismus. Die psychologisch kompliziertere, literarisch interessantere Variante müsste auch mit der Erfahrung umgehen, dass die kapitalistische Ideologie eben immer auch echtes Begehren anspricht, dass das Leben im Falschen womöglich tiefen Genuss bedeutet. In solche psychoanalytischen Abgründe begibt sich Tolentinos Ich-Erforschung nicht, dafür ist sie bei aller Offenherzigkeit zu keusch.

© SZ/fxs
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