bedeckt München

Jetzt im Kino:Die größere Welt

Zwei Brüder aus der bayerischen Provinz tuckern von New York nach Las Vegas. Die Roaddoku "Ausgrissn!" ist mehr als ein Selbsterfahrungsfilm.

Von Anke Sterneborg

Mit 50 Jahre alten Zündapp-Mopeds fahren Julian und Thomas Wittmann quer durch Europa bis nach Antwerpen, von dort mit dem Containerschiff nach New York und dann 4000 Kilometer quer durch Amerika bis nach Las Vegas. Auf ihrem Roadtrip treffen die bayerischen Burschen in kurzen Lederhosen und Janker allerlei Lebenskünstler und Aussteiger. Mit einem Waffennarren feuern sie am Schießstand zum ersten Mal Pistolen ab, sie singen in Nashville, frühstücken beim Mexikaner, diskutieren mit Dauerdemonstranten vor dem Weißen Haus. Grillen, stellen sie fest, ist nicht so ihr Ding. Mit der Fähre überqueren sie den Mississippi, gruseln sich in den Ozarks, eine Weile bleiben sie bei einem Zimmermann und seiner philippinischen Frau im Green Forest in Arkansas. In Texas werden sie high, scheitern trotzdem an einem Megasteak, teilen sich eine Melone und treffen einen Hell's Angel, der ein bisschen zu anhänglich ist.

Die Begegnungen lösen Gedanken aus, Fragen nach dem richtigen und dem falschen Leben, nach den Perspektiven für die Zukunft. "Die Freiheit mit der Waffe verteidigen, da stimmt doch was nicht", meinen sie und gestehen sich ein, dass Reisen auch Davonlaufen sein kann, die Suche nach der Freiheit ein Weglaufen vor der Unfreiheit zu Hause. Ihr Blick auf die Welt ist offen und neugierig, nachdenklich und immer wieder auch ein bisschen naiv, im Sommer 2018, in dem der amerikanische Traum schon schwer angeschlagen war. Vor allem aber sind sie dabei immer liebenswert, sympathisch und sehr authentisch.

Kameramann Markus Schindler fängt die Landschaften in eigenwilligen Perspektiven ein

Jeder kann heute irgendwohin fahren und daraus einen Film machen. Aber meistens ist die intime Selbstbespiegelung doch nur ein Home-Movie, das vor allem für Leute interessant ist, mit denen man verwandt, befreundet oder bekannt ist. In den seltensten Fällen ist das Ergebnis so charmant und überzeugend wie hier. "Bevor's uns wieder irgendeiner ausreden konnte, ham wir unsere Lederhosn ozong und san mit unsere Mopeds einfach abghaut." So spontan das für die Filmhelden auch klingen mag, als Autoren, Regisseure und Produzenten haben Julian und Thomas Wittmann ihren Film doch sorgfältig geplant und konzipiert. Sie haben eine Produktionsfirma mit dem schönen Namen "Schau Hi-Films" gegründet. Vor allem aber halten sie nicht wie so viele andere einfach nur die Handykamera auf ihre Welt, haben stattdessen einen gestandenen Kameramann mitgenommen. Markus J. Schindler fängt ihre Erfahrungen in sinnlichen Bildern ein, verlässt sich nicht einfach auf die grandiosen Landschaftspanoramen, stellt stattdessen in eigenwilligen Perspektiven immer wieder ein Spannungsverhältnis zwischen malerischen Details im Vordergrund und der größeren Welt dahinter her.

Film

Liegt sie hier, die große Freiheit, am Ziel der Brüder, auf dem „Strip“ von Las Vegas?

(Foto: Majestic)

Spannung entsteht auch zwischen dem dokumentarischen Kern der Reise und der fiktiven Rezeption in der Rahmenhandlung. Bei der Uraufführung in der heimatlichen Dorfkneipe geht einiges schief. Erst läuft der Film verkehrtherum durch den Projektor, dann raucht es, die Dorfbewohner meckern und nörgeln und zeigen damit doch nur, dass sie insgeheim ein bisschen neidisch sind auf den Mut der Burschen. Die beiden Filmamateure fliehen ins Untergeschoss, in die Toiletten, wo sie von der Putzkraft (Monika Gruber) geerdet werden. Wie von Zauberhand springt der Projektor an, der Film läuft und wird von unten im Gespräch kommentiert, ein schöner Trick, der eine weitere Reflexionsebene einzieht.

Überhaupt haben die Wittmann-Brüder schon einiges mehr auf die Beine gestellt, das ihre Leinwand-Visionen durchblicken ließ. Julian Wittmann hat die Fachoberschule für Gestaltung in München abgeschlossen, die Welt bereist, als Drehbuchautor diverse Fernsehformate entwickelt und tingelt darüber hinaus als singender Kabarettist durch Bayern und Österreich - seinen "Beer Bottle Blues" gibt er auch im Film stimmungsvoll zum Besten. Sein jüngerer Bruder Thomas hat in kleinen und größeren Rollen als Schauspieler gearbeitet und mit einer Ausbildung als Immobilienkaufmann für wirtschaftliche Grundlagen gesorgt. Ihre gemeinsame Leidenschaft für die Heimat, das Reisen und das Kino, und eine gute Mischung aus Fantasie und Gespür für die Wirklichkeit birgt noch viel Stoff für weitere Filme.

Film

„Einfach abghaut“, aber dabei sehr professionell – die Brüder Wittmann.

(Foto: Majestic)

Ausgrissn! In der Lederhosn nach Las Vegas - D 2020, Buch und Regie: Julian Wittmann. Kamera: Manuel Weiss (Europa), Markus J. Schindler (USA). Mit: Julian und Thomas Wittmann, Monika Gruber, Verleih: Majestic, 96 Minuten.

© SZ vom 14.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite