Joseph Klausners Buch "Jesus von Nazareth":Unverbrüchlicher Sinn für Fairness

Brazil is Building a Taller Statue of Jesus

Wie konnte es geschehen, dass dieser durch und durch jüdische Jesus zur Stiftergestalt einer neuen Religion wurde? - Bauarbeiten im brasilianischen Encantado im April an einer neuen Jesus-Statue, die mit 43 Metern hoch und damit die drittgrößte der Welt werden soll.

(Foto: Buda Mendes/Getty Images)

Dokument einer toleranten und zugleich streitfähigen Gesprächskultur: Der Suhrkamp Verlag hat die 1922 erstmals erschienene große Jesus-Biografie des jüdischen Gelehrten Joseph Klausner neu aufgelegt.

Von Johan Hinrich Claussen

Dieses Buch wirkt wie aus der Zeit gefallen, dennoch nimmt man es mit Freude in die Hand und liest darin, allerdings mit wachsender Wehmut. Als Joseph Klausner es 1922 in Jerusalem veröffentlichte, war es das erste Buch eines jüdischen Gelehrten in hebräischer Sprache für ein allgemeines Lesepublikum über Jesus von Nazareth. Es erregte großes Aufsehen, sorgte für intensive Debatten, erntete Widerspruch von Juden und Christen gleichermaßen, wurde in viele Sprachen übersetzt, dann aber war es kaum mehr erhältlich. Nun hat der Jüdische Verlag es dankenswerterweise gewagt, die deutsche Übersetzung der dritten Auflage von 1952 erneut aufzulegen. Der ausgewiesene Kenner Christian Wiese hat ein ausführliches Nachwort beigesteuert, das die nötigen Hintergrundinformationen liefert.

Klausner wurde 1874 in der Nähe von Vilnius geboren. Sein Weg führte ihn ins russische Odessa, dann fort von seiner traditionell-jüdischen Familie, unter anderem zum Studium nach Heidelberg, wo er auch bei Max Weber studierte. Anschließend bemühte er sich nicht um einen Lehrstuhl in Europa, sondern wanderte 1919 nach Palästina aus. In Jerusalem erhielt er an der von ihm mitgegründeten Universität eine Professur zunächst für jüdische Literatur, dann auch für die Epoche des Zweiten Tempels. Dort starb er 1958.

Leider predigte er eine rein spirituell ausgerichtete Ethik, die nur für Einzelne gelten konnte

Wollte man seine Position beschreiben, würde man ihn wohl am besten als rechtsliberalen Kulturzionisten bezeichnen. Klausner hoffte, dass aus Palästina ein neues Israel, also die Heimat einer jüdischen Nation werden würde. Diese sollte weniger durch eine orthodoxe Frömmigkeit als durch ihre Kultur und Sprache bestimmt sein. Diese Vision besaß eine eigene religiöse Prägung: Durch die Rückkehr aus dem Exil in die ursprüngliche Heimat sollte das jüdische Volk die messianische Idee des Gottesreiches in einem eigenen Staatswesen verwirklichen und so zum "Licht der Völker" werden.

In dieser Perspektive widmete Klausner sich der Gestalt Jesu. Dabei war das Ziel seines Buches, "eine Vorstellung von dem Anderssein und der Verschiedenheit von Judentum und Christentum" zu gewinnen. Seine Beschäftigung mit Jesus diente dazu, das Eigene im Gegenüber zum signifikant Anderen zu bestimmen, ohne allerdings letzteres abzuwerten. Deshalb vertiefte Klausner sich in die Traditionen der liberalprotestantischen Theologie und ihrer "Leben-Jesu-Forschung", nahm aber auch Einsichten von jüdischen Gelehrten auf, zum Beispiel die Jesus-Deutungen von Abraham Geiger und Leo Baeck. So führte Klausner in seinem Jesus-Buch eine Art jüdisch-christlichen Dialog, der aber nicht auf Harmonisierung zielte, sondern auf ein historisch-theologisch solides Selbst- und Fremdverstehen. Das Bedeutsame und Tiefsympathische dieser Differenz-Theologie war sein unverbrüchlicher Sinn für Fairness.

Joseph Klausners Buch "Jesus von Nazareth": Joseph Klausner: Jesus von Nazareth. Seine Zeit, sein Leben und seine Lehre. Hrsg. von Christian Wiese. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 718 Seiten, 38 Euro.

Joseph Klausner: Jesus von Nazareth. Seine Zeit, sein Leben und seine Lehre. Hrsg. von Christian Wiese. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 718 Seiten, 38 Euro.

Ausgangspunkt war für Klausner eine Einsicht, die der christliche Bibelwissenschaftler Julius Wellhausen schon 1905 formuliert hatte: "Jesus war kein Christ, sondern Jude." Wie aber konnte es geschehen, dass dieser durch und durch jüdische Jesus von seinem eigenen Volk nicht anerkannt, sondern zur Stiftergestalt einer neuen Religion wurde? Klausner suchte darauf eine Antwort, indem er Jesus einerseits in seinem geschichtlichen Kontext betrachtete und zum anderen die Bruchstellen markierte, an denen er von dem abwich, was - in Klausners Augen - für das Judentum wesentlich sei.

Für Klausner war Jesus ein herausragender "Lehrer der Sittlichkeit", der zurecht das Zeremonialgesetz zurückgestuft hatte, aber leider eine rein spirituell ausgerichtete Ethik gepredigt habe, die nur für Einzelne gelten konnte, aber für die Wirklichkeit eines nationalen Judentums unbrauchbar war. Wäre Israel ihm gefolgt, wäre dies das Ende seiner Existenz als eigenständiges Volk gewesen.

Die meisten von Klausners historischen und theologischen Thesen dürften heute als überholt gelten. Auch hat sein Kulturzionismus inzwischen erheblich an Strahlkraft verloren. Dennoch ist sein Jesus-Buch immer noch lesenswert - als Dokument einer gebildeten, toleranten und zugleich streitfähigen Gesprächskultur, die es damals durchaus auch gegeben hat, bevor die deutschen Menschheitsverbrechen auch sie zerstörten.

Das schönste Zeugnis für Klausners weitherzige Gelehrsamkeit hat ihm sein Großneffe Amos Oz ausgestellt: "Einmal sagte Onkel Joseph zu mir: 'In deiner Schule wird man dich gewiss lehren, diesen tragischen und wunderbaren Juden Jesus zu verabscheuen, und ich hoffe nur, man bringt dir nicht auch noch bei, auszuspucken, wann immer du seinem Bildnis begegnest. Wenn du einmal groß bist, lies bitte deinen Lehrern zum Trotz das Neue Testament, und du wirst entdecken, dass er von unserem Fleisch und Blut gewesen ist, durch und durch eine Art Zaddik oder Wundertäter. Zwar war er ein Träumer ohne jeglichen Sinn für Politisches, aber es gebührt ihm ein Platz im Pantheon der Großen Israels."

© SZ/crab/Literatur
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