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Zum Tod der Sängerin Jessye Norman:American Idol

Jessye Norman  !!  (c) Carol Friedman  !!!

Ihr Ruhm hat niemals ihre musikalische Neugier gebremst: Jessye Norman (1945-2019).

(Foto: Carol Friedman)

Die Sopranistin Jessye Norman ist gestorben. Sie stammte aus dem rassistischen Süden der USA und wurde weltweit als eine der größten Stimmen ihrer Zeit gefeiert.

Es gehört zur Natur einer Diva, allein durch ihre Präsenz Bewunderung und Ehrfurcht einzufordern. Die Sopranistin Jessye Norman verströmte diese absolute Autorität über den Moment mit einer Eleganz, die eigentlich in höfische Zeiten gehörte. Was an einem fernen Winternachmittag auch daran lag, dass die Begegnung mit ihr in einer sehr schnörkelvollen New Yorker Hotelsuite stattfand und die 1,85 Meter große Diva ein Kleid trug, das auch die kleine Bühne des Nachmittags mit einem Glanz erfüllte, den sie mit Lächeln und sanfter Sprechstimme abfederte, weil sie um ihre Wirkung wusste. Sie hatte ja etwas mitzuteilen, da hätte Einschüchterung nur gestört.

Um Liebe und den Schmerz des Abschieds und Verlustes ging es ihr an diesem Nachmittag, um die größten aller Gefühle, die einem Album voller Lieder den Titel gegeben hatten, auf dem sie von Mozart über Schubert und Wagner bis Rogers and Hart und Leonard Bernstein ihr gesamtes Spektrum auslotete. Und über diese Musik beschrieb sie auch die eigentliche Kraft der Diva: "Liebe und Verlust sind universale Gefühle, die weder von der Zeit noch vom Geschlecht abhängig sind", sagte sie. "Texte aus der griechischen Antike haben eine ganz ähnliche emotionale Tiefe wie Texte, die heute geschrieben werden. Es sind nur die Ausdrucksformen, die sich mit der Zeit ändern. Nehmen Sie Schumanns ,Frauenliebe und -leben'. Man würde sich wahrscheinlich schwertun, einen Komponisten des 20. oder 21. Jahrhunderts zu finden, der bereit wäre, Frauen in einer solch unterwürfigen Haltung zur Liebe zu beschreiben. Da fällt mir höchstens die Countrysängerin Tammy Wynette und ihr Song ,Stand By Your Man' ein."

Sie war zehn, als erstmals eine schwarze Sängerin an der Met auftreten durfte

Es war ihre Herkunft, die ihr dieses enorme Spektrum eröffnete. Es war immer noch ein mühsamer Weg für eine afroamerikanische Sängerin in die Sphären der Hochkultur gewesen, auch wenn sie immer wieder betonte, dass der für sie persönlich gar nicht so weit gewesen sei. Sie verwies auf die Pionierleistungen, mit denen ihre Vorgängerinnen und Vorgänger ihr den Weg geebnet hatten, dem Mädchen aus dem noch rassengetrennten Süden der USA, wo sie in Augusta, Georgia 1945 als Tochter eines Versicherungsagenten und einer Lehrerin geboren wurde. Beide waren Amateurmusiker, die ihre Kinder früh in die Musikerziehung schickten, Klavierunterricht war Pflicht. Und bald schon zog es Jessye zur Oper. Jeden Samstag hörte sie sich die Übertragungen aus der New Yorker Metropolitan Opera im Radio an, wurde mit dem Repertoire vertraut, das dort in den Originalsprachen gesungen wurde. Sprachen, die sie später lernen sollte, denn ihr Leben lang sang sie nur in Sprachen, die sie auch verstand. Neben Englisch waren das Deutsch, Italienisch, Französisch.

Der bürgerliche Start war damals keine Selbstverständlichkeit, die Weltkarriere in der Oper ein unerreichbarer Traum: Jessye Norman war zehn Jahre alt, als erstmals eine schwarze Sängerin, Marian Anderson, an der Metropolitan Opera auftreten durfte. Jene Altistin, deren Schallplatten sie durch ihre Jugend begleiteten, und die 1961 bei John F. Kennedys Amtseinführung die Nationalhymne singen durfte.

Norman war 16, als die erste afroamerikanische Primadonna, Leontyne Price, ihr Debüt an der Met gab. Und dann war da noch Sissieretta Jones, die Sopranistin, die 1893 die erste afroamerikanische Sängerin war, die ein Konzert in der Carnegie Hall geben durfte, keine dreißig Jahre nachdem die Sklaverei abgeschafft war, und der Jessye Norman eigentlich noch ein großes Projekt widmen wollte. "Sie haben es mir möglich gemacht, dass ich sagen durfte, ich singe französische Oper oder ich singe deutsche Oper, anstatt dass mir jemand vorschreibt, dass ich ,Porgy and Bess' zu singen habe", sagte sie. Auch wenn sie später George Gershwin sang, Spirituals, Musical-Songs und Jazz.

Und natürlich war es zu allererst ihre Stimme, die sie zur Diva machte, schon bald nach ihrem Durchbruch Ende der Sechzigerjahre. Im Sommer 1968 war das gewesen, ein Jahr nach dem Abschluss ihres Musikstudiums an der Harvard University. Da gewann sie den ARD-Musikwettbewerb in München. Es war ihre erste Reise nach Europa, in die Heimat der Musik, die sie so liebte. Und wo man schon ahnte, dass hier eine Große am Anfang stand. "Jessye Norman aus den USA, die mit wunderbarer Selbstverständlichkeit ihren ersten Preis verdient, ist eine Sängerin, die man bald in einem Atem mit den ganz Großen ihres Fachs nennen wird", schrieb der Kritiker Florian Fricke damals in der Süddeutschen Zeitung.

Im Jahr darauf debütierte sie an der Deutschen Oper in Westberlin als Elisabeth in Richard Wagners "Tannhäuser", ein Werk, zu dem sie immer wieder zurückkehrte. Es ist beispielhaft, mit welchem Lebenshunger Norman Elisabeths Auftrittsarien "Dich, teure Halle, grüß ich wieder" singt. Da ist eine junge selbstbewusste Frau zu hören, der alle außergewöhnlichen Möglichkeiten des Lebens und der Liebe offenzustehen scheinen.

Leid in Klänge zu übersetzen, das war die Essenz ihrer Kunst

Nur einen Akt später aber ist es damit vorbei. Im Gebet der Elisabeth sind Jessye Normans nach wie vor sicher und brillant gesungenen Hochtöne nur mehr Fassade. Schnell versinkt Norman in abgedunkeltem Grübeln, das hörbare Atmen verrät die Not einer zutiefst verletzten, enttäuschten Frau. Ihr heller und lichter Sopran wird dunkler und düsterer, er wird zum Medium des Schmerzes und Leids. In keinem Moment aber gibt Norman die Strenge des Metrums und der Form auf. Immer bleibt sie kontrolliert, gestattet sich und ihren Zuhörern keine Momente der Sentimentalität. Diese extreme Beherrschtheit des Singens war typisch für sie und später Grundlage ihres Erfolgs und Weltruhms.

Zwei Jahre später folgte die erste von mehr als 100 Schallplatten, eine Sammlung von Liedern, über die Ivan Nagel in der SZ schrieb: "Jessye Norman besitzt eine der berückendsten und größten Stimmen, die man heute hören kann." Bald schon war sie eine der gefragtesten Sopranistinnen, wurde für die großen Rollen in aller Welt verpflichtet. So sang sie an der Mailänder Scala 1972 die nubische Königstochter Aida in der gleichnamigen Oper von Giuseppe Verdi. Da verdichtete sie in ihrer zwischen Härte, Wut, Verzweiflung und Liebe changierenden Stimme das Schicksal einer fern der Heimat aller Hoffnung beraubten Kriegsgefangenen. Auch die Cassandre in Hector Berlioz' "Les Troyens" reizte sie. Denn Jessye Norman gab immer wieder jenen Heldinnen ihre Stimme, die von der Gesellschaft zerstört werden und am Leben scheitern. Die Opernliteratur ist voll solcher Verzweiflungsfrauen, deren Schicksale im Gegensatz zu denen der Operntenorhelden immer noch wie aus dem Leben gegriffen wirken. Doch in dieser Konsequenz tat das vor ihr höchstens Maria Callas.

So wurde Jessye Norman in ihrer Kunst eine Kämpferin für die Frauen- und Menschenrechte, während ihr Ruhm als Sängerin ins schier Maßlose wuchs. Obwohl sie erst 1983 selbst an der Met singen durfte. Norman-Auftritte wurden zu Kultereignissen, auch wenn sie sich immer mehr auf den Liedgesang verlegte. So gelang es dem damaligen Chef der Münchner Philharmoniker, Sergiu Celibidache, 1992, Norman für die "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss zu verpflichten. Der Stadtrat musste den für dieses Konzert erhöhten Eintrittsgeldern extra zustimmen. Die Zusammenarbeit der beiden war nicht einfach, doch der Triumph dann riesig.

1989 sang sie zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution die Marseillaise in Paris. Sie sang zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Atlanta, zu den Amtseinführungen der Präsidenten Ronald Reagan, Bill Clinton und zur Einweihung des Lichtdenkmals für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September in New York.

Doch weder der Welterfolg noch ihr Status als Diva konnten ihre musikalische Neugier bremsen. Sie nahm Spirituals auf und Lieder aus dem "Great American Songbook". Sie hätte gerne mit Miles Davis gearbeitet, arbeitete aber zumindest mit dessen Bassisten Ron Carter, der ihr mit dem Pianisten Michel Legrand und dem Schlagzeuger Grady Tate als Rhythmusgruppe für ein Jazzalbum diente.

Sie hatte lange gewartet, bis sie sich an diese Musik ihrer Kindheit wagte. Auch da schürfte sie nach den universalen Gefühlen. "Sicherlich würde ich einen Song von Harold Arlen nicht wie Schubert oder Brahms aufführen", sagte sie. "Aber der Wechsel findet in meinem Kopf statt. Ich manipuliere da nicht meine Stimmbänder, ich tue da nichts Physisches. In den Frühzeiten des Rock 'n' Roll war ,Good Golly, Miss Molly' letztlich auch nur ein Weg, um zu sagen, dass man eine andere Person sehr gerne hat. Das waren nur Form und Ausdruck, die überraschend waren. Das war ähnlich wie in den Tagen der zweiten Wiener Schule. Komponisten wie Webern, Berg und Schönberg haben es auch nicht leicht gehabt."

Es war diese Neugier, die 2001 zu einem ihrer bewegendsten Auftritte führte. Robert Wilson, der Meister der Bühnenentschleunigung, inszenierte mit ihr Franz Schuberts "Winterreise" als großes Ereignis im Pariser Châtelet. Yves Saint-Laurent lieferte dazu wallende Gewänder in Blau. Wilson ließ schier endlose Pausen zwischen den Stücken, Norman schritt gemach über die Bühne, thronte auf einem Sessel, skandierte leise, schärfte einzelne Silben heftig an. Mit ihrem Status eines Stars war diese Lesart, die radikal mit der Tradition brach, nicht mehr zu vereinen. Vor allem Regisseur Wilson wurde heftig ausgebuht. Aber Norman machte klar, wie sehr ihre Winterreisende vom Weg abgekommen war, wie einsam und verloren sie war. Leid so schonungslos in Klänge und Töne zu übersetzen war die Essenz ihrer Kunst, mit der sie die Welt erobert hatte.

Am Montag ist sie in einem Krankenhaus im New Yorker Stadtteil Harlem an septischem Schock und Organversagen gestorben, Spätfolgen einer Rückenverletzung. Sie wurde 74 Jahre alt.

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