Süddeutsche Zeitung

Jerry Lee Lewis wird 80:"Holt die Polizei!"

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Jerry Lee Lewis wird für sein wildes Leben verherrlicht. Der Gründervater des Rock 'n' Roll wusste, dass er verloren war - die Hölle stets in Sichtweite.

Von Karl Bruckmaier

Man nennt ihn den Killer. Dazu kommen wir noch. Seine Eltern nannten ihn Jerry Lee Lewis und hofften, dass er bei den ekstatischen Gottesdiensten der Wiedertäufer gottgefällig Klavier spielen möge. Doch Jerry Lee würgte seinen Grundschullehrer, flog aus dem Bibelseminar, weil er Boogie-Woogie zu Lob und Preis des Herrn anstimmte, und heiratete mit 14 ein erstes Mal, die drei Jahre ältere Dorothy.

Da rockte und rollte die Welt schon in frühen Jahren ganz beträchtlich. Der Sound stammte aus den schwarzen Barrelhouses, aus der Kirche, aus dem Radio mit seinen Country-Shows, er stammte von Hank Williams, dem Täufer. Den Messias selber lernte Jerry Lee Mitte der Fünfzigerjahre in Memphis kennen - Elvis, den Lastwagenfahrer. Beide spielten für Sun Records hyperventilierende Rock-'n'-Roll-Platten ein.

Er war der wildeste von allen, ein stehendes Messer, eine Faust ins Gesicht, ein Schlag in den Unterleib. Denn Jerry Lee Lewis wusste, dass er verdammt war, weil er die Musik des Teufels spielte, schneller, härter, besessener als der Rest der Mischpoke. Doch wenn ein Little Richard, dieser andere schon als Kind missbrauchte Wildfang des Rock 'n' Roll, immer wieder die Nähe seines Gottes suchte, wenn Johnny Cash sie vermutlich sogar fand - dann wusste Jerry Lee, dass er ganz sicher verloren war.

Die Hölle war stets in Sichtweite. Und wer die ewige Verdammnis als Gewissheit für sich akzeptiert hat, für den gilt kein Gesetz. Er heiratete seine 13-jährige Cousine Myra (seine dritte Frau), ramponierte seine Karriere, mutierte zum Country-Star, zum Revivalisten, zum Gründervater des Rock 'n' Roll genannten Musik-Primitivismus. Was zu Beginn seiner Karriere noch als verwerflich galt - die Heirat mit einem Kind, die Alkoholexzesse -, wurde von späteren Generationen zu Heldentaten wider das Establishment umgedeutet und damit belässt man es bis heute. Dass er erwiesenermaßen all seine Frauen misshandelt hat, dass er in den Tod seiner vierten Ehefrau kurz vor der kostspieligen Scheidung und mit großer Sicherheit auch in den Tod seiner fünften Frau, einer blutjungen Serviererin, verwickelt, nein, als Täter wohl beteiligt war - all dies wird überstrahlt von der Proto-Punk-Faszination dieses Rock-Nihilisten.

Zum 80. Geburtstag am heutigen Dienstag sei ihm daher gewünscht, was Elvis schon verlangt hat, als Lewis 1976 mit einem Auto und einer geladenen Pistole die Einfahrt von Graceland demolierte: "Holt die Polizei!"

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Quelle:
SZ vom 29.09.2015
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