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Jeremy Irons:Mystifikation und Manipulation

Jeremy Irons in dem Film "Kafka"

Jeremy Irons wurde Schauspieler, um sich auszutoben. Hier als Franz Kafka in Steven Soderberghs Thrillerdrama „Kafka“ von 1991.

(Foto: Verleih)

Liebhaber, Spieler und Musketier: Der britische Schauspieler Jeremy Irons wird 70 Jahre alt.

Simon says, sagt der unbekannte Mann am Telefon, und dann zieht er das gleichnamige Spiel durch, in dem der Spielführer den anderen Anweisungen gibt, die diese befolgen müssen, so ungewöhnlich, absurd, schikanös sie auch sein mögen. Die Spieler sind Bruce Willis und Samuel L. Jackson, sie werden in "Stirb langsam - Jetzt erst recht", 1995, durch ganz New York gehetzt, von Telefon zu Telefon, und Simon hat diverse Bomben für sie vorbereitet. Simon, das ist Jeremy Irons, der, auch wenn's am Ende bloß um eine Menge Gold geht, im Spiel allergrößte Befriedigung findet. Sein Unglück ist, dass, auch wenn's ihnen erst nur um die Ordnung in der Stadt geht, Willis und Jackson ebenfalls ziemlich Spaß haben an ihrem hetzigen Job.

Ein Touch von Katz und Maus steckt in vielen Figuren, die Jeremy Irons in vierzig Jahren im Kino verkörpert hat, an der Oberfläche brillieren sie mit ihrer Naivität, aber drunter ist alles Mystifikation und Manipulation. Ganz früh hat er noch vom Zirkus geträumt, aber dann ging's schnell zum Theater und zum britischen Fernsehen. Anfang der Achtziger hat ihn "Wiedersehen mit Brideshead" berühmt gemacht, die Serie nach Evelyn Waugh - ein Junge, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht, das ist eine Lebensaufgabe in England. Und Jeremy Irons präsentiert sich, ein wenig unsicher, aber sehr selbstbewusst, als eine Art britischer Antoine Doinel.

Früh in seiner Kinokarriere hat er die klassische britische Tradition bedient, der scheue Lover in der mehrfach reflexiven Romanze "Die Geliebte des französischen Leutnants", mit Meryl Streep. Gleich danach war er in Jerzy Skolimowskis "Moonlighting" ein polnischer Arbeiter, der sich, mit Pudelmütze, in London durch Schwarzarbeit schlawinert. Später war er Charles Swann (in Schlöndorffs Proustfilm) und Kafka (für Steven Soderbergh), Aramis, der dritte Musketier, und schließlich Humbert Humbert, der armselige Lover in einer Neuverfilmung von Nabokovs "Lolita".

Zum Akteur wurde Irons, tut er selbst kund, um sich auszutoben. Inzwischen hat er ein eigenes Schloss und macht immer noch auf dem Motorrad eine gute Figur. In Interviews gibt er sich als Enfant terrible, mit radikalen, manchmal auch ridikülen Ansichten zu Politik und Gesellschaft. Einen Ritterschlag, bekundet er, würde er natürlich verweigern.

Englands Akteure brauchen kein Method-Acting-Training, ihre Methode ist Shakespeare. Auch Jeremy Irons' Gestalten sind, bei aller Beklemmung und Verklemmtheit, immer noch mit Distanz und Ironie gespielt. Zwei unvergessliche, verstörende Filme hat er in den Achtzigern mit David Cronenberg gemacht, "Dead Ringers / Die Unzertrennlichen" und "M. Butterfly". Im ersten tun zwei hippe eineiige Zwillinge (beide spielt Irons), versierte Gynäkologen, sich zusammen zu bösem Doppelspiel mit den Frauen - mit gewechselten Identitäten. Am Ende trennen sich die Brüder, in einer blutigen Operation, und es gibt eine Pietà, in der Jeremy Irons sich selbst im Arm wiegt. Auch die Amour fou in "M. Butterfly" endet blutig, Irons hat sich, als französischer Konsulatsbeamter in Peking, in ein Madame-Butterfly-Wesen verguckt, das in Wirklichkeit ein Mann ist und von den Chinesen auf ihn angesetzt wurde. In einer monströsen Performance verwandelt er sich selbst in das begehrte Objekt.

Ich glaube, unbelebte Objekte haben einen Geist, sagt Irons, und man muss mit ihnen kommunizieren. Wenn man sie ignoriert, sterben sie. Er war glücklich, dass die Witwe von T. S. Eliot ihn auserwählte, die "Four Quartets" ihres Mannes aufzunehmen. Es scheint, dass, wenn man älter wird, die Vergangenheit ein anderes Muster hat und aufhört, eine Sequenz zu sein ... Am Mittwoch wird Jeremy Irons siebzig Jahre alt.

© SZ vom 19.09.2018

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