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Essay:Willkommene Feindbilder

Jens Balzer: Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik. Edition Körber, Hamburg 2019. 208 Seiten, 17 Euro.

Maskulinistisch, marginal, unoriginell: Jens Balzer erklärt, warum der Pop der Rechten unglamourös ist, und wieso Rapper wie Bushido ihnen als "nützliche Idioten" herhalten.

Von Maximilian Senff

Auch in der populären Musik wird der Ton härter. Der Berliner Popkritiker und Essayist Jens Balzer sieht darin eine Parallele zur politischen Debatten-Kultur. In seinem Buch "Pop und Populismus" bilanziert er, dass der reaktionäre Mainstream deutsche Rapper wie Bushido zu "nützlichen Idioten" mache. Einerseits würden sie als tabulose und unzivilisierte Sprachrohre seiner Ideologie gebraucht, auf der anderen Seite müssten sie als klischeehafte Feindbilder herhalten. Durch ihre muslimische Prägung und ihre Affinität zur organisierten Kriminalität entsprechen sie eigentlich genau dem Schreckensbild, das der rechte Flügel der Konservativen und die AfD von nichtintegrationswilligen Migranten zeichnen.

Den Gangsterrappern kommen dadurch zwei Bedeutungen zu. Sie sind zum einen die stereotype Verkörperung der vom Populismus beschworenen Gefahr eines gescheiterten Multikulturalismus. Zum anderen sind sie die Protagonisten jenes patriarchalen Männlichkeitsbilds, das im innersten Kreis des populistischen Weltbilds liegt. Sexismus, Misogynie und Homophobie sind zu kaum kritisierten Konstanten im Hip-Hop geworden, der die deutschen Charts seit Jahren prägt. Kollegah und Farid Bang, nach deren Auszeichnung und darauffolgenden Protesten 2018 der Musikpreis Echo eingestellt wurde, fügten sich hier nahtlos ein.

Die Erfolgsgeschichten des Rechtspopulismus und des deutschen Gangsterraps ähnelten sich, so Balzer. Genau wie der Gangsterrap zum prägenden Genre in der deutschen Popmusik aufstieg, so prägt der Rechtspopulismus heute Teile des kulturellen und politischen Diskurses. Balzer sieht allerdings auch eine mentalitätsgeschichtliche Fremdheit von Neuer Rechter und Popkultur, da die sich wesentlich aus Hybridität speise. Das wiederum erkläre, warum die Neue Rechte im Grunde völlig ohne kulturellen Unterbau dastehe. Es gibt im Pop nichts, was nicht konstitutiv auf ein Anderes verweise. Wollten Rechtspopulisten das rigide kulturelle Reinheitsgebot ihrer politischen Ideologie in die Popkultur übertragen, müssten sie sich zwangsläufig in winzige und damit irrelevante musikalische Residuen zurückziehen.

Zu den typischen Mustern der politischen Rhetorik der Rechten gehöre trotzdem etwas, das auch aus Kunst und Pop gut bekannt ist: der strategische Gebrauch von Ambivalenzen sowie das Wechselspiel aus Provokation und Relativierung: "Man sagt etwas, über das sich alle aufregen, und behauptet hinterher, es sei 'alles nicht so gemeint' gewesen."

Nicht zuletzt wegen der offensichtlichen Wirksamkeit solcher Mittel, hat der Mangel an einer echten Pop-Basis bis auf Weiteres keinen Einfluss auf die Wahlerfolge der Rechtspopulisten. Bevor man aber mal wieder der Faszination für den vermeintlich avantgardistischen Pop-Diskurs der Neuen Rechten erliegt, sollte man sich diesen Mangel in Erinnerung rufen: Der rechte Pop, so Balzer, sei seit jeher maskulinistisch, marginal, unsexy und unglamourös. Plunder, um Parolen zu binden. Nichts Eigenes, Originäres oder gar Ästhetisches.

© SZ vom 29.07.2019

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