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Jeff Tweedy und "Wilco":Weltberühmter Geheimtipp

Wilco

Das Schrullige, ewig Kindliche als frühe Vollendung: Jeff Tweedy (3. v. links) und "Wilco".

(Foto: Anton Coene)

Ein Slacker, der sich wirklich treu geblieben ist: Jeff Tweedy, seine Autobiografie und das neue Album seiner auffällig unaufälligen Band "Wilco".

Eine der besten Anekdoten aus dem Leben des Musikers Jeff Tweedy geht so: Da fährt er im Jahr 2005 mit seiner Frau und den zwei Söhnen übers Wochenende nach Belleville, Illinois, mittlerer Westen der USA. Es ist sein Geburtsort, sie besuchen seine Eltern, und als die Familie abends im Restaurant sitzt, sprechen ihn zwei fremde Frauen an. Es dauert kurz, bis er realisiert: Die zwei sind frühere Mitschülerinnen von ihm, Cheerleader aus besseren Häusern. Jeff Tweedy hat - in einer Sitcom wäre das ein allenfalls mittelguter Gag - exakt an dem Samstag Belleville besucht, an dem das jährliche Treffen seiner Abschlussklasse stattfindet. Und er wusste es nicht.

Die Frauen fragen, ob er immer noch in dieser kleinen Musikgruppe spielen würde. Tweedy zögert. Er ist sich nicht sicher, ob die zwei ihn ärgern wollen oder es wirklich nicht wissen: Wilco, seine Band in Chicago, ist 2005 einer der erfolgreichsten Gruppen des sogenannten Alternative Rock. Hat mit dem letzten Album Platz acht der amerikanischen Charts erreicht, guckt überall von Plakaten. "Wilco haben gerade einen Grammy gewonnen", plärrt einer der Sprösslinge in die schlimme Pause hinein. Grammy? Damit können die Frauen auch nichts anfangen. Ein großer Sohn der Stadt kehrt heim, und dann das.

Der Dichter und Sänger als ewiger Katzentisch-Sitzer, der nicht mal mit dem noch warmen Grammy in der Hand die Anerkennung kriegt, die ihm das Umfeld eine ganze, miese Jugend lang verweigert hat - das ist natürlich ein glänzend gebohnerter Künstlermythos.

Das Understatement, die offensive Erzählung vom sozialen oder kommerziellen Scheitern ist längst zur validen Option für Lebens- und Werkästhetik geworden. Seit den frühen Neunzigern hat sich das Narrativ verbreitet, von der MTV-Popkultur aus bis in Mode und Werbung, sogar in die Ideologie der Start-up-Wirtschaft hinein. Würden die Cheerleader dein Gesicht im Fernsehen erkennen, dann hättest du irgendwas falsch gemacht.

Im Buch erzählt Tweedy seine Emanzipationsgeschichte mit provokanter Beiläufigkeit

Und auch wenn man Jeff Tweedy, heute 52, und die Kunst seiner zugleich weltberühmten wie immer noch als Geheimtipp gehandelten Band Wilco auf keinen Fall darauf reduzieren sollte: Das geradezu monolithisch Verhuschte, die hochgradig auffällige Unauffälligkeit bleibt doch als Kernwert hängen, wenn man sein neues Buch liest und seine noch neuere Musik hört. Tweedys Memoir "Let's Go (So We Can Get Back)" ist eben auf Deutsch erschienen (KiWi, 22 Euro), Wilco haben ihr insgesamt elftes Album "Ode to Joy" (Warner) veröffentlicht. Es sind wahre Epitome der Bescheidenheit und des fehlenden Inszenierungswillens, und obwohl das rein zwischenmenschlich natürlich immer sympathisch ist: Ob es als künstlerische Strategie taugt, muss man im Einzelnen klären.

In den besagten frühen Neunzigern hatte Tweedys erste wichtige Band Uncle Tupelo die im Speckig-Reaktionären erstarrte Countrymusik entscheidend aufgeschäumt. Nicht durch Travestie oder stilistische Fusionen, eher durch radikales Ernstnehmen, Poesie und Autobiografisches. "No Depression" nannten sie ihr erstes Album, nach einem Countrysong aus den Dreißigerjahren der von der Wirtschaftskrise handelte. Die jungen Slacker aus Illinois deuteten die Depression zum Befindlichkeitsbegriff um, erschufen einen Meilenstein des flaumbärtigen Flanellhemden-Rock. Wilco starteten 1994 von dem selben Standpunkt aus, entwickelten sich jedoch bald weiter, in Richtung Pop, Experiment und verstrubbelter Post-9/11-Sinnsuche.

Im Buch erzählt Tweedy, der Eisenbahnersohn aus Belleville, diese Emanzipationsgeschichte mit geradezu provokanter Beiläufigkeit. Man tritt in eine Welt ein, in der wirklich jedes Gespräch ins Seltsame oder Peinliche abdriftet, jeder Anzug schlecht sitzt und sämtliche Gitarren, Autos Kassettenrekorder das Attribut "schrottig" verdienen. Ein rockiges Motorradunglück gibt es nicht, dafür berichtet Tweedy ausführlich über einen Fahrradunfall, den er mit zwölf hatte. Das Thema Sex wird an einer einzigen Stelle gestreift, Verweise aufs außermusikalische Zeitgeschehen fehlen auf gut 300 Seiten komplett.

Selbstverständlich sind das bewusste Entscheidungen eines gewieften Autors: die Anti-Rockbiografie des Anti-Helden Tweedy, der sogar den Anspruch verweigert, seine Poesie oder die vorübergehende Schmerzmittelabhängigkeit, die ihn 2004 bis in die geschlossene Entzugsklinik brachte, könne allzu viel mit den Weltläuften zu tun haben. Der historische Gipfel ist gerade mal die Feststellung, es sei Glück gewesen, dass die ursprünglich für den 11. September 2001 geplante Veröffentlichung des Wilco-Albums "Yankee Hotel Foxtrot" abgesagt wurde. Grund: Die Plattenfirma fand die Musik zu ereignislos, zu unspektakulär. Die Band stellte die Aufnahmen daraufhin gratis ins Internet. Man hätte das als rebellischen Schritt verkaufen können, aber Tweedy deutet es lieber als Zeichen der Kapitulation. Und plötzlich sieht man es auch so.

Leicht vergrätzter Country-Pop, kosmische Einsprengsel, eher Meditationen als Songs

"Die Generation X wird alt: Kommen Slacker in die Midlife-Crisis?", betitelte das Internetmagazin Salon.com vor ein paar Jahren einen Text, in dem sich unter anderem die Soziologin Wendy Fonarow äußerte. "Wenn man es überhaupt verallgemeinern kann", sagt sie da, "dann wird meine Generation allein schon deshalb keine Midlife-Crisis haben, weil sie eigentlich ständig in der Krise gelebt hat." Mit Generation X sind grob die Jahrgänge zwischen 1960 und 1980 gemeint, die im Westen zwar größtenteils in Frieden aufwuchsen, aber in eine ökonomisch und familiär immer brüchigere Welt hineinkamen. Man könnte Jeff Tweedy, geboren 1967, als typischen Vertreter und Künstler der Generation X begreifen: einer Politik der Verinnerlichung folgend, die Fehler immer eher bei sich selbst suchend. Das Schrullige, ewig Kindliche als frühe Vollendung sehend.

Er wolle beim Musikmachen nicht blöd herumsitzen und auf die Flamme der Inspiration warten, schreibt Tweedy sinngemäß in einer interessanten selbstreflexiven Passage. Ego- und Geniegedanken führten hier in die Irre, der Künstler müsse sich viel mehr als Teil einer höheren kreativen Sache begreifen: "Manchmal glaube ich, dass es mein Job ist, inspiriert zu sein."

Die Haltung hat zuletzt zu einem enormen Output geführt. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat Tweedy drei Soloalben sowie drei weitere Platten mit Wilco veröffentlicht, insgesamt 75 neue Songs, dazu ein Akustikalbum, auf dem er als lustiger Kauz mit Brille, Hut und Gitarre die besten Stücke der Wilco-Karriere singt (und zwar grandios). Die üblichen Standards der Qualitätssicherung greifen da nicht mehr, seine Musik ist zu einer Art Strom geworden. So muss man auch "Ode To Joy" hören, die neue Veröffentlichung: Folk und leicht vergrätzter Country-Pop, kosmische Einsprengsel, eher Meditationen als Songs. Wie immer virtuos und voller Geist, trotzdem oft einschläfernd und unterzuckert. Dass es im sanft schunkeligen Stück "Citizens" um den Kampf gegen die Feinde der Demokratie geht, hätte man auf Anhieb niemals erraten.

Manchmal möchte man Jeff Tweedy dann packen und schütteln, ihm den Ehrgeiz der ganz frühen Jahre zurück ins Ohr pusten. Ihn dazu bewegen, endlich mal wieder ein echtes Statement zu machen. Doch dann realisiert man, dass der Mann wohl einfach genau da angekommen ist, wo er immer hinwollte. Weit weg von Belleville, mit der am besten austarierten Band, die er je hatte. Weder tot noch in den Fängen der Großindustrie. Ein Slacker, der sich wirklich treu geblieben ist - so sieht er wohl 2019 aus.