Jeff Koons Retrospektive Size Matters

Die Retrospektive im Whitney Museum ist seine erste in New York, und es ist die letzte große Ausstellung in Marcel Breuers Bau auf der Madison Avenue, bevor das Whitney Museum nach Chelsea umzieht (wobei es neuerdings so klingt, als würde man den Bau nur für eine Weile an das Metropolitan Museum vermieten und dann eventuell eines Tages selbst wieder in Beschlag nehmen wollen). So viel Platz hat dort noch kein Künstler erhalten, über vier Etagen werden alle Koons'schen Werkgruppen weitgehend repräsentativ ausgebreitet, und das sind ja mit der Zeit recht platzbeanspruchende Unternehmungen geworden.

Size matters, tatsächlich: Die frühen Staubsauger, Referenz-Wolpertinger zwischen Warhol-Pop und Duchamp-Readymades, mit denen Koons sein Durchbruch gelang, wirken heute fast wie ältliche Studentenarbeiten gegenüber den spiegelnden Riesenherzen (Rummelplatzkitsch mit Aszendent "Arnolfini-Hochzeit" von van Eyck und "Selbstporträt im konvexen Spiegel" von Parmigianino) oder dem raumhohen Knete-Haufen "Play-Doh" (Kinderspielkram - und gleichzeitig der abstrakte Expressionismus eines Sam Francis-Gemäldes in dreidimensional), für dessen Antransport die Tür des Whitney Museums vergrößert werden musste.

Entscheidende Celebration-Serie

Die sogenannte Celebrations-Serie, der diese Arbeiten entstammen, steht auch immer als die entscheidende Etappe in den Erzählungen seiner Karriere. Der frühe Erfolg in den Achtzigern, die als Kunst ausgestellte Ehe mit Cicciolina, deren Scheitern, der anschließende Sorgerechtskrieg um den ihm entzogenen Sohn, Finanzprobleme, schließlich die Arbeit an dieser Serie, die so aufwendig und so teuer ist, dass er sie nie fertig zu bekommen scheint, die ihn am Ende aber zu einem der erfolgreichsten (im Sinne von: teuersten) Künstler seiner Zeit machen wird: Das ist, wie Ingrid Sischy schreibt, "eine klassisch amerikanische Fabel von Selbsterfindung, Einfallsreichtum und unverwüstlichem Willen, von einem gewissen Verkaufstalent mal ganz abgesehen."

Selbst solche hagiografischen Begleitzeilen zur großen Retrospektive haben ihren Referenzrahmen nicht nur im Celebrity-Kult eines gehobenen Klatschmagazins wie Vanity Fair, Sischy tut da für Jeff Koons im Prinzip nichts anderes als das, was Pietro Aretino für Tizian getan hat und Giorgio Vasari für alle anderen: die Bewirtschaftung einer konsistenten Künstlerlegende. Diesen Job teilt sie sich allerdings mit etlichen anderen. Jeffrey Deitch, der Kunsthändler, schreibt im Katalog zur Retrospektive aus der intimen Ansicht des engen, alten Freundes, wie viele von Koons' Motiven sich aus dessen Heimatstädtchen York in Pennsylvania herleiten und aus den ästhetischen Obsessionen seiner frühen Kindheit.

Die Retrospektive im Whitney Museum ist Koons erste in New York.

(Foto: AP)

Der zentrale Beitrag im Katalog ist deswegen derjenige, in dem dieser Biografismus, die sorgfältig konstruierte Persona des Künstlers als Aspekt seines Werkes behandelt wird. Diesen Beitrag hat nun ausgerechnet Isabelle Graw geschrieben, Kunstgeschichtsprofessorin an der Städel-Schule in Frankfurt und Mitbegründerin der "Texte zur Kunst".

Bemerkenswert ist das deswegen, weil diese Zeitschrift in ihrem strengen, kritischen Gestus immer als das deutsche Pendant daherkam zu den strengen, kritischen Zeitschriften, die in Amerika den Künstler Koons von Anfang an geradezu angewidert zurückgewiesen haben. In der Kölner Szene, aus der die "Texte zur Kunst" stammen, wurde aber gerade Koons' offensiver Umgang mit dem Begriff der Karriereplanung positiv aufgenommen. Dass er hier seit seiner ersten Ausstellung bei Max Hetzler als amerikanischer Widerpart von Martin Kippenberger aufgefasst wurde, tat ein Übriges.