Jeff Koons Retrospektive Bitte aus dem Paradies abholen

Jeff Koons vor einem Ausstellungsobjekt, das den Titel "Moon (Light Pink)" trägt.

(Foto: Andrew Burton/AFP)

Jeff Koons lächelt, lächelt, lächelt. In seiner Kunst, das zeigt jetzt die große Retrospektive im Whitney Museum in New York, bleibt man gefangen. Das liegt auch an den vielen spiegelnden Oberflächen, die etwas Totalitäres an sich haben.

Von Peter Richter, New York

In New York ist gerade mehr Jeff Koons zu sehen, als man bei diesen Temperaturen eigentlich verkraften kann. Vor dem Rockefeller Center steht ein elf Meter hoher Schaukelpferdkopf aus Blumen, das Whitney Museum zeigt die bisher größte Retrospektive, und dank der Fotografin Annie Leibovitz wissen wir jetzt, wie der Künstler von vorne wie von hinten nackt aussieht, heute, im Alter von 59 Jahren: nämlich ziemlich gut in Schuss.

Sie hat ihn für die aktuelle Ausgabe der amerikanischen Vanity Fair in seinem privaten Fitnesscenter porträtiert, wo er, wie wiederum Ingrid Sischy im Begleittext zu dem Foto schreibt, jeden Mittag trainiert, bevor er ein wenig gedünstetes Gemüse isst, weil er gern so lange arbeitsfähig bleiben wolle wie Picasso, also bis in seine Achtziger hinein.

Es ist schwer vorstellbar, dass er dabei grundsätzlich nicht mehr anhat als nur ein paar schwarze Bodybuilder-Handschuhe. Aber für die Vielschichtigkeit dieses Bildes ist es natürlich von großer Bedeutung, dass er da nun gleichzeitig an einen Faustkämpfer der griechischen Antike denken lässt und an die Sado-Maso-Keller von New York, an einen Renaissance-Herkules und an seine eigenen "Inflatables", seine, tja: aufgepumpten Hochglanzfiguren.

Koons im Spiegel

Man sieht Koons von hinten. Und im Spiegel von vorne. Und in einem weiteren Spiegel im Profil. So als hätten er und Leibovitz verabredet, gleich zwei Bezugspunkte sichtbar zu machen: das "von allen Seiten schön" der Skulpturen des Hochmanierismus, von denen Koons seit ein paar Jahren beängstigend quecksilberhafte Wiedergänger anfertigen lässt; und zweitens die spektralen Allansichtigkeiten des Kubismus, die ihn, Vorbild: Picasso!, schon früher oft beschäftigt hat. Der Layouter schließlich muss seinen lieben Spaß daran gehabt haben, die Überschrift "Jeff Koons Is Back!" so über diesem Bild zu verteilen, dass das "J" in "Jeff" und das "s" in "Is" des Künstlers sogenannte private parts verhüllen wie die Schamtüchlein des Daniele da Volterra die der ebenfalls recht muskulösen Heiligen von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle.

Jeff Koons "Balloon Dog (Yellow)".

(Foto: Andrew Burton/AFP)

Dabei kennt die Welt Koons' vollständige Anatomie in allen Einzelheiten längst aus den Kopulations-Bildern der "Made In Heaven"-Serie mit seiner Ex-Ehefrau, der Pornodarstellerin Ilona Staller, genannt Cicciolina, für welche das Whitney Museum in New York in seiner großen Koons-Retrospektive jetzt ein eigenes Hinterzimmerchen eingerichtet hat - ein bisschen so wie die, wo früher in den Videotheken Frau Stallers Filme standen. In den Museen des alten Europa gab es oft solche Kabinette, in denen die Erotika unter Verschluss gehalten wurden.

Es ist schon immer wieder erstaunlich, wie viel gut abgehangene Kunstgeschichte unter Koons' silikonbrustpralle Oberflächen gestopft werden kann und wie kalkuliert sich das beides bei ihm gegenseitig absichert, das hochkulturelle Bildungsgut und das süßlich Frivole, die intellektuellen Referenzen und die etwas tiefer beheimateten Reverenzen, so als hätte sich das ein Finanzkonstrukteur an der Wall Street erdacht, wo Koons ja immerhin auch einmal kurz gearbeitet hat.