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Winterliches Wetter in den USA

Auf der Stirn der Statue "Eternal Presence" vor dem "National Center of Afro-American Artists" steht die Abkürzung "BLM" - "Black Lives Matter".

(Foto: dpa)

Was hält die USA noch zusammen? Das Buch "Die Welt und wir" handelt von amerikanischem Unrecht, amerikanischem Bergbau und amerikanischen Abgeordneten. So manche Überlegung lässt sich aber auch auf den Rest der Welt übertragen.

Von Meredith Haaf

Dass es sich bei den USA um ein Land handelt, das eigentlich zu groß ist, um funktional zu sein, ist eines dieser Klischees, die weder tot zu kriegen noch wirklich von der Hand zu weisen sind. Was haben die Prärie des Mittleren Westens und die Wüsten von Nevada schon gemeinsam, was verbindet die Sumpflandschaft des Südens mit den schneebedeckten Vulkanen, die Sonnenschein-Autofahrer-Urbanität von Los Angeles mit der spezifischen Subway-Subkultur-Finanzdistrikt-Gemengelage von New York City? Generationen von USA-Reisenden stellen diese vermeintlich unlösbaren Widersprüche immer wieder vor existenzielle Rätsel; in diesem Jahr sorgte das tagelange Stieren auf die "Magic Wall" des Fernsehsenders CNN, wo Stunde für Stunde, Bundesstaat für Bundesstaat wahldemografisch bearbeitet wurde dafür, dass man sich fragte, wie das eigentlich alles zusammen passen soll.

Der Jurist und Autor Jedediah Purdy beginnt seine Überlegungen zu Vergangenheit und Zukunft des politischen Bodens Amerikas mit der Feststellung: "Das Land ist schon immer die Gemeinsamkeit gewesen, die uns trennt." Der Satz ist simpel und einprägsam. Er entspricht dem poetisch-intellektuellen Magazinstil, den Purdy mit anderen Autoren von New Yorker oder Atlantic gemeinsam hat. Dieser Stil prägt das gesamte Buch und ist auch der Grund, warum es manchmal etwas ungeduldig macht - ins Deutsche übertragen, wirkt er manchmal nämlich etwas bemüht und behäbig, selbst wenn so ein umsichtiger Übersetzer wie Frank Jakubzik am Werk ist. Der deutsche Titel "Die Welt und wir. Politik im Anthropozän" lässt dabei auf ein universalistischeres Projekt schließen als der uramerikanische Originaltitel: "This Land is our Land. The Struggle for a New Commonwealth".

Es geht in diesem Buch um amerikanische Landschaften, amerikanische indigene Völker und deren Rechte, amerikanisches Unrecht, amerikanischen Bergbau und amerikanische Kongress-Abgeordnete. Ein bisschen was davon, insbesondere die geschichts- und gesellschaftstheoretischen Überlegungen zu einem lebenswerten Planeten, lässt sich auch auf den Rest der Welt übertragen, aber ein ausgeprägtes Interesse an amerikanischen Problemen sollte man mitbringen.

70 Prozent der Weißen US-Bürger haben ein Haus, aber nur 40 Prozent der schwarzen

Ausgangspunkt Purdys ist die schmerzhafte Frage, warum aus dem so genannten "Commonwealth", also dem großen gemeinsamen Reichtum dieses großen Landes nie ein echtes Gemeinwesen entstehen konnte, das dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Purdy sucht nach der Verankerung von Reichtum und Armut im Boden, was historisch und soziologisch sinnvoll ist, schließlich beginnt die Geschichte der USA "mit einer Landnahme historischen Ausmaßes". Den Autoren der Unabhängigkeitserklärung gelang die bemerkenswerte Ambiguitätstoleranz, die Gleichheit aller Menschen festzuschreiben und zugleich das Recht, anderen Menschen den Boden auf dem sie lebten, unter den Füßen wegzunehmen. George Washington, der erste amerikanische Präsident vererbte 250 000 Morgen Land, der noch amtierende Präsident ist bekanntlich durch die Spekulation mit Immobilien reich geworden.

Jedediah Purdy: Die Welt und wir - Politik im Anthropozän. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 187 Seiten, 18 Euro.

Die perverse Logik: "Wer am meisten für sich aus der Erde herausholt, hat auch ein Recht auf sie", ist eine der Säulen, auf denen der koloniale Kapitalismus errichtet wurde, sie habe es auch in die postkoloniale Wirtschaftsordnung geschafft, schreibt Purdy. Und zu einer seiner vielen interessanten Beobachtungen gehört ebenso die, dass siebzig Prozent der weißen Amerikaner ein eigenes Haus besitzen, aber nur vierzig Prozent der schwarzen Amerikaner. "Die Kluft zwischen weißem und schwarzem Wohlstand entsprang der Verfügung über Grund und Boden und entspringt ihr bis jetzt."

Was machen wir mit diesem halbzerstörten, zugebauten Land unter acht Milliarden Füßen?

Diese materielle Kluft ist längst zu einer ideologischen geworden, jedenfalls lautet so ein weiteres unkaputtbares Klischee, das Purdy elegant zerlegt: "Krasse Unterschiede und heftige materielle Konflikte sind das vorherrschende Muster in der Geschichte unserer auf Ungleichheit beruhenden Demokratie." Das Gerede von der Polarisierung sei aber geschichtsvergessen und diene den Interessen liberaler Kapitalisten: "Die Einbildung, dass alle auf einer Seite stehen können, dass es Einigkeit ohne Konflikte und existenzielle Gefühle ohne existenziellen Einsatz geben kann, ist ein sehr amerikanischer Gedanke - gewissermaßen die amerikanische Staatsreligion des 20. Jahrhunderts." Dass sie sich so lange halten konnte, führt Purdy auf den Kalten Krieg zurück, als Fortschritte in Gleichheitsfragen der Legitimierung westlicher Demokratien und ihres Wirtschaftssystems dienten.

Purdys politisch-theoretische Umarmung des amerikanischen Konflikts ist ein Manöver, dass auch Jill Lepore in ihrem historischen Großwerk "Diese Wahrheiten" wagte: So sehr die Ungleichheit in die amerikanische Staatswerdung eingeschrieben ist, so konnte und kann der Kampf gegen sie, der Wunsch nach mehr gemeinsamem Wohl, auch als Motor für Fortschritt verstanden werden. Anders als die sehr liberal-demokratische Lepore macht Purdy allerdings umstandslos klar, dass es ohne ein großes Zusammenraufen vieler Kräfte, ohne ein definiertes Gegeneinander - also ohne Kampf - wohl nicht gehen wird. Immerhin definiert er eine handfeste Grundlage: Was machen wir mit diesem halbzerstörten, zugebauten Land unter acht Milliarden Füßen? Man kann es auf den ersten Blick als eher reaktionär denn visionär verstehen, sich mit dem Boden zu befassen. Waren wir nicht schon mal etwas postmaterialistischer? Und doch zeigt auch hierzulande der genaue Blick auf gesellschaftliche Konflikte - Mietpreisexplosion, Kohleabbau, Hambacher Forst -, wie wichtig und sinnvoll eine Re-Materialisierung progressiver Politik ist. Purdys Buch gibt dafür viele wertvolle Denkanstöße.

© SZ vom 24.11.2020/tmh
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