Süddeutsche Zeitung

"Jean Seberg" im Kino:Zerstörung einer modernen Frau

Eine neue Filmbiografie setzt der Sixties-Filmikone ein Denkmal. Kristen Stewart spielt sie als Rebellin, der die amerikanischen Geheimdienste das Leben zur Hölle machten.

Von David Steinitz

Woher hast du die Narben auf dem Bauch, will der neue Liebhaber wissen, als er im Bett seiner Freundin das erste Mal die Bluse auszieht. Und die berühmte Schauspielerin Jean Seberg antwortet lakonisch: "Man hat mich angezündet." Ein Leben in Flammen, ganz wörtlich, das ist ein Bild, das man sich als Filmemacher nicht entgehen lassen kann. Weshalb der Regisseur Benedict Andrews es in seinem Film "Jean Seberg - Against All Enemies" nicht nur in dieser Liebesszene aufgreift, sondern sein Biopic auch mit der Vernarbung seiner Heldin beginnt.

Lange bevor sie zum Superstar des Kinos der Sechzigerjahre wurde, stand die Amerikanerin Jean Seberg tatsächlich für einige Sekunden in Flammen. Mit 17 Jahren spielte sie die Jeanne d'Arc in Otto Premingers "Die heilige Johanna". Das war ihre erste Filmrolle, und als hätte dieser Auftritt eine Warnung für ihr späteres Leben sein sollen, das mehr von Leid und Horror geprägt war als von Hollywoodglamour, geriet das Filmfeuer am Set außer Kontrolle. Jean Seberg brannte, in schwere Eisenketten gelegt auf einem Scheiterhaufen, der nur ein Showeffekt sein sollte. Ihr verzweifelter Blick war echt, für immer auf Zelluloid gebannt und nun neu nachgestellt für diesen Film über sie.

Das Drama "Jean Seberg" feierte seine Weltpremiere letztes Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig. Ein gewagtes Unterfangen, mehr noch als bei anderen Starbiografien, weil Seberg für die Popkultur des 20. Jahrhunderts mehr war als nur eine weitere Schauspielerin. Durch Jean-Luc Godards "Außer Atem" wurde sie 1960 zur Ikone der Nouvelle Vague. Als amerikanische Studentin lief sie darin die Champs-Élysées auf und ab, verkaufte Zeitungen - "International Herald Tribune!" - und stürzte sich in eine fatale Liebelei mit dem Möchtegerngauner Jean-Paul Belmondo.

Jean Seberg wurde 1960 eine Filmheldin, wie sie das Kino bis dahin kaum kannte

Der Film war mehr als nur ein Film, er war eine Revolution. Godard brach mit allen Konventionen des Kinos, inhaltlich wie ästhetisch, räumte mit veralteten Geschlechterrollen genauso auf wie mit altbackenen Kameraeinstellungen und Schnittrhythmen. Jean Seberg mit ihrem Kurzhaarschnitt und dem schlichten Herald-Tribune-T-Shirt war eine Heldin, wie sie das Kino bis dahin kaum kannte, mit seinen dauergewellten, überschminkten, schmachtenden Hollywoodfrauen. Diesen Grundstein ihres Ruhms lässt Benedict Andrews in seiner Filmbiografie aber bewusst aus. Die Episode aus ihrem Leben, von der er erzählen möchte, beginnt Jahre später, als ihr Starstatus längst zementiert war, im wilden Protestfrühling 1968.

Jean Seberg (Kristen Stewart) ist zu diesem Zeitpunkt knapp 30 Jahre alt, trinkt ihren Whiskey in "Mad Men"-Mengen und weiß weder beruflich noch privat, was sie mit sich anfangen soll. In Europa wird sie verehrt, in Paris lebt ihr zweiter Ehemann, der Schriftsteller Romain Gary, mit dem gemeinsamen Sohn. Seberg flieht aus dieser Bürgerlichkeit zurück in ihr Heimatland, nach Los Angeles. Dort beginnt sie eine Affäre mit dem afroamerikanischen Aktivisten Hakim Jamal (Anthony Mackie), der nicht nur an den Narben auf ihrem Bauch interessiert ist, sondern auch an einer radikalen Umgestaltung der Vereinigten Staaten. Er ist ein leidenschaftlicher Unterstützer der Black-Power-Bewegung und kämpft gegen Rassismus.

Durch diese Liaison werden die neugierigen Herren des FBI auf Seberg aufmerksam. Die Behördlinge waren in jenen Jahren von J. Edgar Hoover dazu angehalten, auch und gerade vor Schlafzimmertüren keinen Halt zu machen und exzessiv im Privatleben von Menschen herumzuschnüffeln, die ihr hysterischer Chef als staatszersetzend einstufte. Hoovers Abhörtruppe ist fassungslos, dass eine junge, berühmte, verheiratete und vor allem weiße Frau es wagt, mit einem schwarzen Widerständler zu schlafen und dessen subversive Umtriebe auch noch finanziell zu unterstützen. Im Film sitzen die FBI-Herren empört zusammen, und der Abteilungsleiter erklärt erregt, man müsse verhindern, dass die amerikanische Jugend in den Klatschmagazinen zu lesen bekomme, es sei normal, mit schwarzen Revolutionären zu vögeln. Also befiehlt er, die Affäre unter FBI-Regie als Skandal öffentlich zu machen, um Sebergs Ehe und Karriere zu zerstören. Und es kommt, wie es kommen muss, wenn mittelmächtige Männer mittleren Alters sich in das Liebesleben einer jungen Frau einmischen - die Sache entwickelt sich für Seberg zur Tragödie.

Erzählt wird diese Geschichte abwechselnd aus der Perspektive eines jungen FBI-Mannes namens Jack (Jack O'Connell), der nächtelang in einem Kleinbus das Leben der Schauspielerin abhört, aber mit den Methoden seiner Chefs hadert; und aus der Perspektive Sebergs, die von der Bespitzelung erfährt, höllische Paranoia entwickelt und einen ersten Suizidversuch unternimmt.

Die echte Seberg starb 1979 im Alter von nur vierzig Jahren. Nachdem sie tagelang als vermisst galt, wurde ihre nackte Leiche in einem Auto vor Paris gefunden. Die Polizei stufte den Vorfall als Suizid ein, ganz aufgeklärt wurde ihr Tod aber nie, weshalb es bis heute diverse Verschwörungstheorien über ihren Tod gibt. Ihr Ehemann Romain Gary zum Beispiel behauptete zeitlebens, sie sei vom amerikanischen Geheimdienst ermordet worden.

So weit gehen die Filmemacher nicht. Aber sie deuten den Anfang von Sebergs Ende durchaus in ihre Erfahrung mit dem FBI hinein. Das "Cointelpro"-Programm, mit dem der besessene Bürokrat J. Edgar Hoover über Jahrzehnte Menschen weit über die Schmerzgrenze hinaus abhören und manipulieren ließ, wurde Jahre später vom US-Senat als widerrechtlich geächtet. Daran konnte Seberg sich aber auch nicht mehr trösten. Sie litt nach der Bespitzelung an Verfolgungswahn, Panikattacken und Depressionen, was der Film ausführlich dokumentiert.

Der australische Regisseur Benedict Andrews kommt ursprünglich vom Theater. "Jean Seberg" ist seine zweite Kinoarbeit, aber zu Hause scheint er sich in diesem Medium noch nicht zu fühlen. Seine Bildsprache wirkt stellenweise wie aus einem Lehrbuch "Filmbiografien für Anfänger". Zum Beispiel zeigt er Seberg wieder und wieder leidend in große Spiegel blickend, in denen ihr besorgtes Gesicht gebrochen wird. Eine im Kino recht überstrapazierte Lösung, um die Zerrissenheit einer Figur zu demonstrieren.

Auch dramaturgisch franst sein Werk stellenweise aus, zum Beispiel, wenn er von den Eheproblemen des jungen FBI-Mannes erzählt, der sie beschattet. Dass dessen hübsche Frau sich vernachlässigt fühlt, weil ihr Mann sich mehr mit dem Sexleben einer Schauspielerin beschäftigt als mit seinem eigenen, ist nachvollziehbar - für den Film ist es ein unwichtiger Nebenschauplatz.

Zudem werden manche Protagonisten der Zeitgeschichte positiver dargestellt, als sie in Wahrheit wohl waren. Sebergs Liebhaber Hakim Jamal zum Beispiel war nicht der freundliche Idealist, als der er hier dargestellt wird, sondern soll Frauen gezielt manipuliert und ausgenutzt haben.

Was der Regisseur aber vom Theater mitgebracht hat, ist ein gutes Gespür für Besetzung und Schauspielarbeit. Seine Hauptdarstellerin Kristen Stewart, die seit ihrem Durchbruch mit den "Twilight"-Filmen im kitschigen Epizentrum Hollywoods am liebsten kleine Independent-Filme dreht, trifft die Faszination, die Seberg ausmachte, punktgenau.

Seberg haderte auf der Leinwand offen mit sich selbst - das machte sie erst recht begehrenswert

Sebergs Zauber bestand vor allem darin, dass sie einen Riss in der Filmfassade sichtbar machte, der für das damalige Kino mit seinem Perfektionszwang ein Tabu war. Sie war nicht die hübsche Beute des Filmhelden, die im Bewusstsein ihrer eigenen Makellosigkeit darauf wartet, dass sie geküsst wird, sondern sie haderte auf der Leinwand offen mit sich selbst - was sie natürlich erst recht begehrenswert machte.

Perfekt beschrieben hat das der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes, der sagte, Seberg sei stets "erstaunt" gewesen, "dass man sie begehrt". Und Fuentes muss es gewusst haben. Er hatte eine Liebesbeziehung mit ihr, die zwar nur zwei Monate dauerte, aber immerhin so prägend gewesen sein muss, dass er im Vorwort des Romans, den er über diese Amour fou schrieb, sich nicht scheute, aus "Romeo und Julia" zu zitieren.

Wie sich die Skepsis, die sie ihrer eigenen Ausstrahlung entgegenbrachte, in Grauen verwandelt, nachdem das FBI wegen ihres Ruhms auf sie aufmerksam wird, spielt Kristen Stewart sehr bewegend: Eine Frau, die sich nicht nur ihrer Privatsphäre, sondern ihres ganzen Körpers beraubt fühlt, durch die Männer, durch die Zuschauer, durch die Behörden. Eine Frau, die nicht nur erstaunt ist, dass man sie begehrt, sondern entsetzt.

Es ist der alte Fluch der Filmindustrie. Mit der Magie, die Seberg im Kino ausstrahlte, konnte sie privat nicht mithalten - sie stand für immer im Schatten ihrer eigenen Aura. Im Film fasst sie dieses Drama in einem kleinen, gemeinen Satz bündig zusammen: "Die Menschen wollten das Mädchen im Herald-Tribune-T-Shirt - aber sie bekamen nur mich."

Seberg, USA 2019 - Regie: Benedict Andrews. Buch: Anna Waterhouse, Joe Shrapnel. Kamera: Rachel Morrison. Mit: Kristen Stewart, Antony Mackie, Jack O'Connell, Margaret Qualley. Prokino, 102 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 16.09.2020/khil
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