Kunst und Provenienz:Fakes, Drugs und Kunsthandel

Kunst und Provenienz: Blick in die Ausstellung "Heroes and Monsters" im Orlando Museum of Art.

Blick in die Ausstellung "Heroes and Monsters" im Orlando Museum of Art.

(Foto: Macbeth Studio)

Das Orlando-Museum in Florida zeigt Werke von Jean-Michel Basquiat. Oder? Es wären nicht die ersten Fälschungen im Namen des Künstlers.

Von Sebastian Moll

Die Story klingt wie direkt aus einem Hollywood-Film-Noir. Zwei zwielichtige Figuren, die ihr Dasein damit bestreiten, Zwangsversteigerungen nach dem seltenen Glücksfund abzuklappern, stoßen auf den Jackpot. Bei der Verramschung eines verwaisten Lagerraums entdecken sie 25 Werke von Jean-Michel Basquiat, dessen Bilder schon damals, 2012, bei Christie's für 12 Millionen Pfund und mehr unter den Hammer kommen. Die beiden Männer, Lee Mangin und William Force aus Los Angeles, die sich selbst als "Schatzsucher" bezeichnen, können ihr Glück kaum fassen und blättern, ohne zu zögern, die geforderten 5000 Dollar hin. Heute, knapp zehn Jahre später, nachdem Basquiat zu einem der teuersten zeitgenössischen Künstler überhaupt geworden ist, wird ihr Fund, so er denn echt ist, auf 100 Millionen geschätzt.

Vielleicht war es diese Basquiat-Hausse, die Mangin und Force dann auch dazu bewegte, ihr Glück mit der Welt zu teilen. So traten sie gemeinsam mit dem Prominentenanwalt Pierce O'Donnell, mittlerweile Mit-Eigner des Konvoluts, mit dem Vorschlag an das renommierte Orlando-Museum of Art heran, die Werke doch auszustellen.

Mehrere Tausend VIPs aus Kunst und Business reisten zur vermeintlichen Sensation an

Der Museumsdirektor Aaron De Groft war ähnlich elektrisiert wie die beiden Schatzsucher bei ihrem Fund. De Groft witterte eine Sensation. Mit 25 bislang unbekannten Basquiats würde er sein feines, aber kleines Museum, mehrere Hundert Kilometer vom Art-Basel-Standort Miami Beach entfernt, ins Gespräch bringen. In der vergangenen Woche eröffnete dann die Show mit den Werken auf Pappe in Orlando, mehrere Tausend VIPs aus Kunst, Show und Business reisten an. Die Sensation schien De Groft geglückt. Doch mit der Prominenz und der Publicity kamen auch die Fragen. De Groft behauptet zwar, sich gründlich von der Authentizität der Werke überzeugt zu haben. Doch die Provenienz des Konvoluts erscheint selbst dem Museum geneigten Kunstweltkennern ein wenig fantastisch.

Die offizielle Geschichte der 25 unbekannten Basquiats geht so: Der damals 22 Jahre alte Basquiat lebte im Jahr 1982 zur Untermiete bei seinem Galeristen Larry Gagosian in Venice Beach. Wie nicht selten in jener Zeit brauchte Basquiat schnelles Bargeld auf die Hand, um seinen nicht unbeträchtlichen Drogenbedarf zu finanzieren. Also verkaufte er die Bilder per Handschlag für 5000 Dollar an den Drehbuchautor Thad Mumford.

Kunst und Provenienz: Jean-Michel Basquiat im Jahr 1980 in der Soho Gallery.

Jean-Michel Basquiat im Jahr 1980 in der Soho Gallery.

(Foto: Rose Hartman/imago images)

Als Beleg für diese Story führt De Groft ein Gedicht von Mumford an, der unter anderem Drehbücher für die Sesamstraße schrieb, in dem dieser den Kauf verewigte. Darin ist von 25 Bildern die Rede, "die Reichtümer bringen werden", sowie von der Seelenverwandtschaft der beiden schwarzen Männer, die nun "keine Außenseiter" mehr seien sondern "Insider, die schreiben, filmen und malen".

Dafür, dass Mumford die Bilder einlagerte und bis nach seinem Tod vergaß, hat De Groft freilich keine wirklich plausible Erklärung. Thad Mumfords jüngerer Bruder Jeffrey fand diesen Sachverhalt in einem Gespräch mit der New York Times "sehr eigenartig". Seine Frau, Donna Coleman, räumte zwar ein, dass Thad in seinen letzten Lebensjahren vieles entglitten sei. Doch die Tatsache, dass er das Gedicht aufbewahrt, die Bilder jedoch vergessen habe, findet auch sie "ziemlich schräg".

Der Galerist Larry Gagosian gibt zwar gegenüber der Times zu, dass die Geschäftsgebaren von Basquiat, der 1988 mit nur 27 Jahren an einer Überdosis Heroin starb, nicht immer konventionell war. Basquiats Studio-Assistent John Seed berichtet in seinen Memoiren davon, dass "Basquiat ständig Geld für seine verschiedenen Angewohnheiten gebraucht hat" und dass "jeder mit der richtigen Einstellung und dem nötigen Kleingeld etwas von Basquiat kaufen konnte". Dass Basquiat ohne das Wissen von Gagosian in dessen Haus 25 Werke produziert und verkauft hat, hält dieser jedoch für "eher unwahrscheinlich".

Seit die Basquiat-Preise durch die Decke gehen, tauchen ständig Fälschungen auf

Die Skepsis gegenüber den Bildern wurde in der vergangenen Woche durch Recherchen der New York Times genährt. Die Zeitung lokalisierte einen Grafiker, der bezeugte, die Federal-Express-Kartons, auf welche Basquiat vermeintlich gemalt hatte, könnten gar nicht aus dem Jahr 1982 stammen. Der Schrifttyp der aufgedruckten Logos sei erst viel später benutzt worden.

Überraschend wäre es jedenfalls nicht, wenn sich der Fund, den das Orlando-Museum unter dem Titel "Heroes and Monsters" darbietet, als Fake herausstellt. Seit die Basquiat-Preise auf dem Kunstmarkt durch die Decke gehen, tauchen ständig Fälschungen auf. So wurde erst im vergangenen Jahr in New York der Mexikaner Angel Pereda angeklagt, weil er den großen Auktionshäusern in New York gefälschte Basquiats und Keith Harings für zig Millionen Dollar angeboten hatte.

Der Gutachter Richard Polsky, der auf Basquiat und Haring spezialisiert ist, berichtet im Kunstmagazin Art News, dass er in letzter Zeit von Anfragen geradezu überflutet wird. Oft handele es sich dabei, wie im aktuellen Fall, um ganze Serien oder Zyklen. Als Erkennungsmerkmale für Fälschungen nennt Polsky unter anderem, dass sie auf gefundenen Materialien gemalt sind und mit einer fantastischen Entstehungsgeschichte verbunden seien. Meist käme in diesen Geschichten vor, dass Basquiat die Werke für schnelles Drogengeld verkauft habe.

De Groft hält jedoch zumindest öffentlich trotz allem an dem Glauben an seine Exponate fest. "Ich habe absolut keinen Zweifel", sagte er der Times. Als Gewähr für seinen Glauben nennt er seine eigene Expertise als geschulter Kunsthistoriker sowie mehrere Gutachten. Die Gutachten waren allerdings sämtlich von Mangin, Force und O'Donnell in Auftrag gegeben worden.

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