Nachruf auf Jean-Jacques Beineix:Meister der Stilisierung

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Nachruf auf Jean-Jacques Beineix: Jean-Jacques Beineix (1946 - 2022).

Jean-Jacques Beineix (1946 - 2022).

(Foto: Alive Films/imago images/Everett Collection)

Jean-Jacques Beineix brachte die Werbeästhetik ins französische Kino, dafür wurde er geliebt und gehasst. Ein Nachruf.

Von Fritz Göttler

Wuchtig steht der Reklameschriftzug an der Wand, eine nachdrückliche Aufforderung, fast drohend: "Try another World" . Der Mann, dem sie gilt, in "Der Mond in der Gosse", 1983, ist der sehr junge Gérard Depardieu, der erschreckend lethargisch in Sesseln rumlümmelt in einem dunklen Hinterhof im Hafen von Marseilles, und den nicht mal mehr seine Freundin aufreizen kann. Er trauert einer anderen Frau nach, seiner Schwester, die sich im Hafen das Leben genommen hatte, nach einer Vergewaltigung.

Das ist Film noir in seiner Endform, nach einem Roman von David Goodis, in trostloser Cinemascope-Breite und glitzerndem Neon, eine Sackgasse in der Kinogeschichte, und in die hier beschworene Leere stößt das rote Coupé von Nastassja Kinski ... ein Amour fou, eine schwelende Obsession. Die Stagnation, die Depardieu verkörpert, steht im Gegensatz zur Dynamik des jungen Filmemachers Jean-Jacques Beineix, geboren am 8. Oktober 1946, der Anfang der Achtzigerjahre mit dem Film "Diva" das französische Kino aufgemischt hatte, mit großem internationalen Erfolg, gerade auch in Amerika. Seine Jungenhaftigkeit (und die der Kollegen Luc Besson oder Leos Carax) signalisierte Aufbruch.

Beineix hatte bei erfolgreichen Regisseuren Assistenz gemacht, Claude Berri, Claude Zidi und Jean Becker, auch bei "Der Tag, an dem der Clown weinte", den nie vollendeten KZ-Film, den Jerry Lewis drehte. "Diva" war eine klassische Gangstergeschichte, ein junger Mann wird zum Opfer einer gemeinen Verfolgung mieser Typen - mit einer solchen Geschichte hatte Truffaut seinerzeit die Nouvelle Vague in Gang gebracht, in "Schießen Sie auf den Pianisten", ebenfalls nach einem Roman noir von David Goodis.

In seinem Film "Diva" befeuerten sich die Oper und das Actionkino

"Diva" wurde ein Kultfilm, weil sich zwei hochartifizielle Kunstformen darin gegenseitig befeuerten, die Oper und das Actionkino. Und Beineix, ein Regisseur, der vor ultimativen Momenten nicht zurückscheute, er schickte bei einer Verfolgungsjagd einen Motorradfahrer auf seiner Maschine in die Metro. Ein Film für den Lustgewinn in einer Fangemeinde. Anders war das dann bei "Der Mond in der Gosse". Der lief in Cannes im Wettbewerb, wurde von den Kritikern verrissen - die sinnlose Reklame- (und spätere Clip-)Ästhetik hätte hier triumphiert über das Kino. Der Film hatte auch keinen Erfolg beim Publikum, seiner Hyperstilisierung wegen und seiner Langsamkeit.

Beineix versuchte es danach mit einem neuen Vitalisierungsschub, "Betty Blue - 37,2 Grad am Morgen", nach dem Roman von Philippe Djian. Ein kleiner Erfolg, vor allem wegen der Hauptdarstellerin Béatrice Dalle. Erneut ein Amour fou, eine Elegie der Lebenslust, in der Sonne Südfrankreichs. Anfang der Neunziger konnte Beineix den Film auf DVD sogar in Originallänge (drei Stunden) präsentieren. Als er hoffte, auch den "Mond in der Gosse" ebenfalls in Originallänge (vier Stunden) herausbringen zu können, teilte das Studio ihm mit, all das zusätzliche Material sei vernichtet worden. Mit seinen weiteren Filmen konnte Beineix nicht mehr an den frühen sternschnuppengleichen Erfolg anknüpfen, auch nicht mit "IP5", der der letzte Film mit Yves Montand war. 1994 drehte Beineix mit Jackie Bastide den Dokumentarfilm "Otaku", über junge Japaner, die sich in die Welt der Videospiele verlieren und den Bezug aufgeben zur wirklichen Welt, wie Depardieu in "Der Mond in der Gosse."

Clip-Ästhetik versus Autorenkino, vielleicht lässt sich die wechselvolle Karriere des Jean-Jacques Beineix nicht auf diese simple Konstellation bringen. Serge Daney, der bedeutendste französische Filmkritiker der Nach-Nouvelle-Vague-Zeit, kam ihm zur Hilfe - er hatte mit tollen, klaren Analysen dem französischen Kino und der französischen Kritik aus der Autorentheorie-Falle rausgeholfen (kurz vor seinem Tod hatte er die aufregende Zeitschrift Trafic gegründet, die in diesen Wochen ihr dreißigstes Jahr feiert). "Der Grund, weshalb die Debatte in sich zusammenbrach, war, dass die Frage nicht richtig gestellt war", schrieb Daney beim Wiedersehen von "Diva". "Denn Reklame ist mehr als eine Ästhetik, es ist eine Art des Seins und Wahrnehmens, des Bewertens und Beurteilens, eine Sicht der Welt kurz gesagt. Der Erfolg von "Diva" kam von der Tatsache, dass Beineix als Erster versuchte, das Erbe der Reklame moralisch zu packen, indem er eine neue Trennlinie bot zwischen dem Unverkäuflichen (der Seele, der Kreativität) und dem im Vorhinein Verkauften (Objekte, Klischees)." Am Donnerstag voriger Woche ist Jean-Jacques Beineix im Alter von 75 Jahren in Paris gestorben.

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