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Jazzkolumne:Wut und Spiritualität

Kamasi Washington ist mit seinem aktuellen Protestsong, dem Soundtrack zu Michelle Obamas Netflix-Doku "Becoming" und einem Auftritt in der Serie "Homeland" endgültig im amerikanischen Kanon angekommen.

Von Andrian Kreye

Auf den amerikanischen Volkszorn wegen tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze reagiert die Musik noch schneller als auf Corona. So haben Terrace Martin (Saxofonist, Keyboarder, Produzent) und Kamasi Washington (Jazz-Renaissance-Vorreiter) mit den Rappern Denzel Curry und Daylyt den viel beachteten Wutausbruch "Pig Feet" aufgenommen, der zeigt, wie stark ihre Generation von den L.A. Riots geprägt wurde. Für Martin war das als Dreizehnjähriger, der nur Hip-Hop hörte, die Türe zum Jazz. Am Rande seiner letzten Tour mit Herbie Hancock erinnerte er sich an jenen 29. April 1992: "Die weißen Kinder haben sie an dem Tag alle früher von der Schule abgeholt, und die Polizei hat sie mit ihren Eltern zu ihren Autos gebracht. Die Weißen wussten, was sich da zusammenbraut. Wir hatten keine Ahnung und mussten ganz normal mit dem Schulbus nach Hause. Da sahen wir dann auch schon die Rauchwolken." Zu Hause saß sein Vater vor dem Fernseher. "Er hatte den Ton abgeschaltet. Gleichzeitig lief John Coltrane. 'A Love Supreme'. Da saß ich und sah die prügelnden Irren, die Stadt, die in einem Aufstand explodierte. Und dazu lief die ganze Zeit diese unfassbare Musik. Und ja, wir waren zornig, verdammt zornig. Das hat mich so gepackt, dass ich danach immer weiter Jazz gehört habe."

Auch beim fast gleichaltrigen Washington hörte man die Wut der L.A. Riots im Subtext immer mit. "Unsere Zeit als Opfer ist vorbei. Wir werden nicht länger um Gerechtigkeit bitten. Stattdessen werden wir unsere Vergeltung nehmen", lautete der Refrain zu Beginn seines letzten Albums. Umso erstaunlicher, dass er inzwischen in der Mitte des amerikanischen Kanons angekommen ist. Mehr Mitte als der Soundtrack der Netflix-Doku "Becoming" zum Weltbestseller der ehemaligen First Lady Michelle Obama geht kaum. Seine Musik funktioniert auch im fokussierten Rahmen und gerade zu diesem Film. Weil er seine Wut immer mit Momenten der Hoffnung auflöst.

Auf dem Konkurrenzsender HBO endete unterdessen die Erfolgsserie "Homeland" über die jazzbegeisterte, manisch-depressive CIA-Agentin Carrie Mathison mit einer langen Szene bei einem Kamasi-Washington-Konzert, in der er und seine Band seine Komposition "Truth" spielen. Amazon zeigt außerdem die Doku "Kamasi Washington Live At The Apollo Theater". Die ist filmhandwerklich allerdings so dürftig, dass sie eher die Schwächen seiner Band herausarbeitet. Denn die besteht aus Jugendfreunden, die nicht alle auf Augenhöhe spielen. Live reißt die Energie der Truppe auch die schwächeren Musiker mit. Schlecht abgemischt und matt gefilmt sehr deutlich nicht.

Auch in London schöpfen die Jazzmusiker der Gegenwart aus der Wut auf die Polizeigewalt gegen Minderheiten. Obwohl sie sich erstaunlich selten auf die heimischen Brixton Riots von 1981 und öfter auf die Unruhen im Amerika der Bürgerrechts-Ära beziehen. Der Saxofonist Chip Wickham zum Beispiel, der auf seinem neuen Album "Blue to Red" (Lovemonk) ausschließlich Flöte spielt und sich die Harfenspielerin Amanda Whiting ins Studio geholt hat. Flöte und Harfe sind im Jazz oft schwer erträglich. Weil sich die beiden aber auf die Spiritualität von Yussef Lateef und Alice Coltrane beziehen, weil der Keyboarder Dan Goldman alles am Fender Rhodes in Souljazz-Harmonien einbettet und die Rhythmusgruppe sehr lässig jede Kitschgefahr ausräumt, funktioniert es überraschend gut.

Wie stark die Katharsis der Spiritualität aus den amerikanischen Hoffnungsjahren der Siebziger den zeitgenössischen britischen Jazz prägt, kann man auf dem Sampler "Kaleidoscope - New Spirits Known and Unknown" (Souljazz Records) nachhören, der einen Großteil der Schlüsselfiguren und -bands wie Yazmin Lacey, Joe Armon-Jones und das Ishmael Ensemble versammelt. Oder auf dem Live-Album mit letzteren beiden, das der DJ-Übervater der Londoner Jazzwelt Gilles Peterson mit dem Titel "Presents MV4" (Brownswood) herausbrachte.

Neben Souljazz und Peterson betreibt in London das Vinyl-Label Pure Pleasure Records Quellenforschung im Deep Jazz. Das birgt immer wieder verlorene Schätze. Jetzt gerade Charles Tollivers opulentes Album "Impact" von 1975, das die Inbrunst vieler gegenwärtiger Alben vorwegnahm. Und "Peace Treaty" des notorisch unterschätzten Saxofonisten Nathan Davis aus einer Zeit, als Europa für Afroamerikaner das gelobte Land bedeutete. Was es bald wieder sein könnte.

© SZ vom 16.06.2020

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