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Jazzkolumne:Wucht und Druck

Der interessanteste neue Jazz. Diesmal mit Musik von Thelonious Monk, Theo Cross, "Fazer", Shabaka Hutchings und Chris Potter - und der Antwort auf die Frage, welche Pionierleistung gerade erst vollbracht wurde.

Ganz groß: Wenn der Schlagzeuger Frankie Dunlop gleich zu Beginn des Live-Albums "Mønk" (Gearbox) das Stück "Bye-Ya" mit trockenen Schlägen einleitet, die kongenial Thelonious Monks kantiges Melodie- und Rhythmusgefühl aufnehmen, wenn Monk selbst dann gemeinsam mit dem Saxofonisten Charlie Rouse ins Thema einfällt, und sie dann fast zehn Minuten lang vorführen, was man aus dem schlichten Motiv alles herausholen kann. Die Aufnahme entstand 1963 bei einem Konzert in Kopenhagen. Liebevoll restauriert erschien der Mitschnitt im Kielwasser des wiederentdeckten John Coltrane-Albums "Both Directions At Once", das im vergangenen Jahr als Sensation gefeiert wurde. Seither wurden auch Aufnahmen von Charles Mingus in Detroit, Eric Dolphy in New York und Cannonball Adderley in Seattle als solche Sensationen angekündigt.

Sicherlich sind Funde, die als Mittelmaß oder Routine ins Gesamtwerk von Coltrane, Monk oder Mingus eingehen immer noch Geniestreiche. All diese Platten kann man auch uneingeschränkt empfehlen. Allerdings verzerren sie aufmerksamkeitsökonomisch das Bild, denn die Gegenwart des Jazz ist längst wieder so aufregend wie seine Vergangenheit im New York der Fünfziger und Sechziger.

Es gibt sogar wieder Pionierleistungen. Was der Londoner Theon Cross aus der Tuba macht zum Beispiel. Er kann sie in einer Geschwindigkeit spielen, die sonst höchstens Trompeter erreichen. Die Bassklänge, die er aus seinem Instrument holt, haben mit der Blechbläserei nur noch wenig zu tun. Und weil er die Macht seines Frequenzspektrums ganz offensichtlich in unzähligen Clubnächten von DJs gelernt hat, lässt er sein Virtuosentum meist nur kurz aufblitzen weil er seine Rolle darin sieht, Druck aufzubauen, so wie er das auf tour mit den Sons Of Kemet im vergangenen Jahr demonstrierte. Für sein erstes Soloalbum "Fyah" (Gearbox) hat er sich mit dem Schlagzeuger Moses Boyd und der Saxofonistin Nubya Garcia Kollegen ins Studio geholt, die in London derzeit gefeiert werden. "Fyah" nimmt das Prinzip der Sons of Kemet, nämlich Club-Rhythmen in den Jazz zu übersetzen, fast noch konsequenter auf. Allerdings ahnt man auch dieses Mal, dass im Studio viel von dem massiven Druck verloren geht, der einen live die Intensität einer jener Clubnächte nachempfinden lassen kann.

Auch Cross' Weggefährte und Sons-of- Kemet-Chef Shabaka Hutchings verliert sich auf dem neuen Album "Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery" (Impulse) seiner anderen Gruppe The Comet Is Coming in einem Jazzrock-Fluss, der mit den Bühnenkraftakten nicht mithalten kann. Ähnlich ergeht es dem Pianisten Kaidi Tatham auf "It's A World Before You" (First Word), dem Keyboarder Kamaal Williams auf "The Return" (Black Focus) oder der Gruppe Nubyiyan Twist auf "Jungle Run" (Strut). Keine Frage, man kann das alles sehr gut anhören. Es stellt sich allerdings die Frage, warum es derzeit keine Produzenten gibt, die im Studio die Wucht einfangen können, die die jungen Wilden von London live entwickeln und die ihre Konzerte zu so einem zwingenden Erlebnis machen, dass sich eine ganz neue Generation wieder in die Jazzclubs und -konzerte aufmacht.

Ähnlich ergeht es einem mit der furiosen Gruppe Fazer aus München. Was das Quintett mit den zwei Schlagzeugern, dem messerscharfen Trompeter Matthias Lindermayr und dem Gitarristen Paul Brändle live tief aus der Geschichte der Club-Sounds destilliert, ist auf ihrem Album "Nadi" (Squama) durchaus nachzuhören. Man erkennt die gleiche Vielfalt im Rhythmusverständnis wie bei den Zeitgenossen aus London. Nur ist auch hier beim Aufnehmen doch einiges an Intensität verloren gegangen.

Selbst den Großen kann das so ergehen. Der Saxofonist Chris Potter gehört zu den besten Tenorsaxofonisten aller Zeiten. Da gehen einem die Adjektive aus. Wenn man beispielsweise Potters Gastauftritt bei der Fusiongruppe Snarky Puppy auf Youtube ansieht, findet man die eher aus der Vulkanologie. Auf seinen letzten drei Alben bei ECM lenkte Manfred Eicher Potters Energieschübe dann in hochkonzentrierte Bahnen. Ohne Eicher zerfleddert sich Potter auf "Circuits" (Edition) allerdings in Jazzrockfusion, und zwar in jenem musikalischen Missverständnis, bei dem Virtuosen zeigen, wie hochkomplex und virtuos sie spielen können. Das Feuer lodert zwar. Aber da gelingt ihm weder die Konzentration, noch der Ausbruch. Besser als vieles, aber unter seinem Potenzial.