bedeckt München 10°

Jazzkolumne: Ein Club in Bangkok:Laute Intimität

Der "Siwilai Sound Club" in Bangkok ist ein Café, das der schrillen Megacity schöne Jazz-Sounds entgegensetzt.

(Foto: David Pfeifer)

Wer gerne Jazz hört, sollte Bangkok besuchen - und den "Siwilai Sound Club". Über das Geschenk, das Livemusik sein kann.

Von David Pfeifer

Musik kann Heimat und Trost sein, wer diese Kolumne liest, weiß das. Doch es gibt Momente im Leben, in denen man das stärker spürt als in anderen. So kann man sich beispielsweise im wilden, blinkenden, kreischenden Bangkok auch als Neuankömmling ganz unvermittelt zu Hause fühlen, weil Jazz gespielt wird, Sonntag zum Frühschoppen im Café D'Ark beispielsweise, oder, in einer Thai-Variante, Mittwochabend in der Tep-Bar, und das sind nur zwei willkürlich herausgepickte von recht vielen Livemusik-Läden. Neben dem lärmenden Dauersound der asiatischen Megacity swingt es ziemlich in den Bars und Clubs der Stadt. Für Techno gibt es ja Berlin.

An einem glutheißen Donnerstagvormittag beispielsweise, an dem man von Amtsgängen und Smog erschöpft in ein Café flüchtet. Pflanzen hängen von der Decke, ein Konzertflügel dominiert den Raum. Und dann läuft da "Birdland" von Weather Report, und das richtig laut. Wie sehr einen diese Musik berühren kann, wie sich aus wenigen Sekunden Vertrautheit die komplette Erinnerung ausbreitet, wie man das zuerst beim Vater mitgehört hat, in der großen Küche in Zürich, in der eine Stereoanlage stand, und schlicht nicht verarbeiten konnte. Der Vater drehte sich andächtig Zigaretten, das tat man damals noch, im Hintergrund ließ das Saxofon irre Töne erklingen. Man muss sich allerdings nicht anschreien, in dem Café in Bangkok, während Wayne Shorter 40 Jahre später wieder vor sich hindudelt. Dafür ist der Klang zu gut, kein Frequenzengemetzel, keine Interferenzen, nur ein klitzekleiner Nachhall.

Das Café heißt Siwilai Sound Club, das will man natürlich rasch wissen, weil, wo sonst gibt es guten French Toast zum Frühstück und laut Jazz dazu und das in einer Qualität, die tendenziell besser ist als zu Hause. Man kann auch Pech haben, und es läuft Nouvelle-Vague-Barista-Jazz, aber auch das hört sich immer noch sehr gut an. Hier wird die Musik über maßgefertigte Ojas-Lautsprecher abgespielt, optimal im Raum platziert. Sogar der Kaffee wurde besonders geröstet und gemahlen. Es wird aber noch besser. Denn nach "Birdland" folgt die Stille vor dem nächsten Stück und man merkt, dass ein Teil der Magie dieses Ortes darin besteht, dass er nicht nur die Hitze bannt. Im Siwilai Sound Club ist es auch die Abwesenheit allen Lärms, die großen Frieden schafft.

Siwilai3 Hoch

Aus einem Konzert mit wenig Zuschauern wird im Siwilai Sound Club ein Musikabend unter Freunden.

(Foto: David Pfeifer)

Wie intim der gemeinsam geteilte Luxus der Stille werden kann, erlebt man noch intensiver, wenn man abends in den Club geht. Jeden Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag tritt eine Band auf, immer pünktlich um 20 Uhr. 14th West 55th Street sind am Samstagabend dran, sie spielen Bekannteres von Charlie Parker und Miles Davis, Klassiker aus dem Bar-Jazz-Repertoire mit einem ausgezeichneten Trompeter, der von einem ordentlichen Pianisten, einem Bassisten und einem Sänger namens Clifford begleitetet wird.

Wie wirkungsvoll Livemusik doch ist, nach langer Zeit ohne Konzert

Clifford ist ein Crooner der ganz alten Schule, er könnte 70 aber auch schon 90 Jahre alt sein, wie alle anderen hört er andächtig der Trompete zu. Und gelegentlich übernimmt er ihren Part, singt weiter, als der letzte Trompetenton noch klingt. Alles schwingt und pluckert und schiebt sich in die Magengrube, den Brustkorb, ins Herz. Wie wirkungsvoll Livemusik doch ist, wenn man sie mal ein Jahr lang nicht hören konnte. War das letzte Konzerte tatsächlich dieser irre fitte und froh gelaunte Herbie Hancock in der ausverkauften Philharmonie am Gasteig?

Im Siwilai Sound Club sind an diesem Abend nur drei Booths besetzt, der Betrieb muss erst wieder anlaufen. Clifford, Mr. Clifford, wie er sich nennt, fragt jede Zuhörerin und jeden Zuhörer nach dem Namen, er macht aus einem Konzert mit wenig Zuschauern einen Musikabend unter Freunden. Dann singt er, abwechselnd mit der Trompete, "Cherokee", auch das zuletzt gehört bei einem Konzert in München, Kamasi Washington in der Kongresshalle. Und wenn man gerade erst aus Europa rausgekommen ist, also seit Monaten nicht mehr auf einem Konzert oder im Theater war, dann begreift man dieses Geschenk nicht nur in der Erinnerung, sondern aus dem Moment heraus.

Es gibt im ersten Stock über dem Siwilai Sound Club noch eine audiophile Bar, die man an einem anderen Tag besucht, und das vermutlich nicht zum letzten Mal. Auch hier wird vorwiegend Jazz gespielt, Ojas-Lautsprecher hängen über der Bar, etwa 1000 Schallplatten stehen dahinter. Die Nadel senkt sich mit einem sanften "Whmpf" in die Rille, spielt eine ganze Seite eines Albums, das halb Jazz, halb Filmmusik ist. Lalo Schifrin, "Once A Thief", nie zuvor gehört. Das neue Album für den Lebenskatalog, das Singha-Bier und die Komplizenschaft des gemeinsam laut Musikhörens machen den Abend zu mehr als der Summe seiner Teile. Der ganze Raum schwingt. Und danach ist wieder Stille, kaum was zu hören zwischen den Songs. Nur knisternde Freude.

© SZ/eye
Zur SZ-Startseite
Mathias Modica

Jazzkolumne
:Kosmopolitenklänge

"Berlin hat mit Techno inzwischen ein ganz ähnliches Problem, wie Buenos Aires mit dem Tango": Mathias Modica über sein Label für neuen Jazz aus Deutschland und die 25-Jährigen, die diese Musik jetzt hören.

Von Andrian Kreye

Lesen Sie mehr zum Thema