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Jazzkolumne:Schule der Innerlichkeit

Eine junge Jazzszene in Chicago setzt sich weiter als ihre Zeitgenossen in New York, London und dem Rest der Welt von den Dogmen ihrer Musik ab. Was sie dort gut können - sie kehren das Persönliche und Innerste nach außen.

"I'm New Here" war vor zehn Jahren das letzte Album des Dichters, Pianisten und Pionier des Black Arts Movement Gil Scott-Heron. Kurz vor seinem Tod wandelte sich sein Furor, mit dem er politische Hymnen für die Ewigkeit verfasst hatte ("The Revolution Will Not Be Televised", "Whitey On The Moon", "B-Movie") in eine Melancholie, die sich mit bedrückender Intensität nach innen richtete. Es gibt kaum einen Song, der die Qual einer durchwachten Nacht so gut nachvollziehbar macht wie "Where Did The Night Go", und auch wenn Scott-Heron da seine Drogensucht verarbeitete, wird jeder von Sorgen Geplagte sich darin wiedererkennen.

Gemeinsam mit dem britischen Produzenten Richard Russell produzierte der Dichter damals quer über den Atlantik sein persönlichstes Album, das nun einerseits in einer erweiterten Jubiläumsausgabe erscheint (XL Recordings), das aber auch vom Jazzschlagzeuger Makaya McCraven neu instrumentiert wurde. "A Reimagining" nennt er seine Neuaufnahme "We're New Here" (XL Recording), auf der nur Scott-Herons Stimme geblieben ist. Besagtes Stück über die Schlaflosigkeit, das im Original von einem dumpfen Elektrodröhnen begleitet wird, ist bei McCraven eine minimalistische Komposition mit Flöte, akkordgezupftem Bass und sparsamem Schlagzeug.

McCraven war nicht der erste, der sich Scott-Herons Spätwerk vorgenommen hat. Der britische Dubstep-Meister Jamie XX hatte das Album schon einmal komplett überarbeitet, Drake und Rihanna machten daraus wiederum ihren Hit "Take Care". McCraven wird dem Geist des Dichters allerdings gerechter. Was ihm nun nicht nur viele Jubelkritiken einbrachte, sondern auch eine Schlüsselstellung in einer jungen Jazzszene in Chicago, die sich noch weiter als ihre Zeitgenossen in New York, London und dem Rest der Welt von den Dogmen ihrer Musik absetzt.

Was sie da im Mittleren Westen vor allem beherrschen ist es, das Persönliche und Innerste nach außen zu kehren. Der Schlagzeuger und DJ Kassa Overall zum Beispiel. Der spielte lange für Geri Allen und im Quartett des Trompeter Theo Croker, gehört zu Terry Lyne Carringtons Band Social Science, die mit "Waiting Game" ( Ajari) ein hochpolitisches Meisterwerk ablieferte, das vom Hip-Hop bis zum Free Jazz einen extrem weiten Bogen spannte.

Auf seinem ersten Soloalbum "I Think I'm Good" (Brownswood) wagt sich Overall tief in die eigenen Abgründe. Da dokumentiert er die Wege in die Heime und Anstalten, in die ihn seine psychischen Probleme immer wieder brachten. Mit der Zeitlupen-Ästhetik des Trap und dem Rhythmusverständnis eines Elvin Jones schafft er da ähnlich wie Scott-Heron seinen eigenen Kosmos der Albträume.

Noch einen Schritt weiter in die eigene Biografie geht der Schlagzeuger Jeremy Cunnigham. Auf "The Weather Up There" (Northern Spy) verarbeitet er die Geschichte, als er Zeuge wurde, wie Einbrecher seinen Bruder erschossen. Produziert hat ihn der Gitarrist Jeff Parker, der im vergangenen Jahr mit "Suite for Max Brown" die Geschichte seiner Mutter in eine dieser Klang- und Rhythmuslandschaften verarbeitete, mit denen sie in Chicago gerade ganz neue Wege freimachen.

Man könnte all diese Alben ineinander mischen und bekäme ein mehrstündiges Mammutwerk von Künstlern einer Generation, die mit den Qualen ihres Innenlebens so souverän umgehen, dass sie darüber eine gemeinsame Sprache finden, die von der freien Improvisation über die Collagetechniken der "Found Objects" bis zum Hip-Hop, von der Selbstreflexion bis zum politischen Ausbruch vieles auf einen Nenner bringt, was jeweils eine eigene Welt zu sein schien. Und genau da zeigt sich die Größe in Makaya McCravens Neuerfindung des Gil Scott-Heron-Albums, das durch ihn eine Zeitlosigkeit bekommt, die es bisher nicht hatte.

Was sich auch durch diese Alben zieht, ist die Suche nach einer Schönheit im musikalischen Experiment, die sich manchmal erst im Subtext ergibt. Deswegen noch ein kurzer Schlenker nach Hannover, das mit Chicago nicht viel, aber vielleicht doch diese geistige Haltung gemeinsam hat, das man sich in der Stadt mangels Glamour nur nach innen beweisen muss. Da gibt es ein 17-köpfiges Ensemble mit dem etwas unglücklichen Namen Fette Hupe, das sich unter der Leitung des Schlagzeugers Timo Warnecke und des Dirigenten Jörn Marcussen-Wulff einen verblüffenden Sinn für Schönheit erarbeitet hat. Auf ihrem neuen Album "Modern Tradition" (Berthold) schwebt das Klangbild der Bläsersätze mit einer Spannung über den Grooves, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hat.

© SZ vom 07.04.2020

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