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Jazzkolumne:Schubkraft

Der Hype um die neuen Jazzhauptstädte schärft den Blick auf Nischen und zeigt: Zu den neuen Metropolen gehört auch München mit einem neuen Jazzlabel und jungen Musikern, die den Spagat zwischen Clubkultur und Jazz wagen.

Von Andrian Kreye

Das Gute am Hype um die neuen Jazzmetropolen London und Los Angeles ist, dass er den Blick schärft für die Nischen und Winkel, in denen der Jazz auf den Wellen der Clubkulturen Schubkraft entwickelt. Weswegen man sich dringend einmal wieder in München umsehen sollte. Die Stadt war im Windschatten von Paris und Kopenhagen schon früh eine Jazzhauptstadt, hatte mit dem Domicile eine Zeitlang sogar einen der bedeutendsten Clubs auf dem europäischen Festland und hat mit der Unterfahrt seit 40 Jahren einen Ort, der Gegenwart und Zukunft des Jazz kongenial abbildet. Ganz abgesehen davon, dass es mit ECM, Enja und Act drei Jazzlabel von Weltrang gibt.

Es müsste also schon sehr dumm laufen, wenn der neue Schub nicht auch hier zu spüren wäre. Ist er natürlich. Die Jazzrausch Big Band hat in den letzten Jahren sicherlich den größten Wirbel gemacht, eine zwanzigköpfige Formation um den Posaunisten Roman Sladek, die als Hausband im Techno-Club Harry Klein regelmäßig ein Publikum aus dem Häuschen brachte, das mit solcher Musik eigentlich wenig anfangen kann. Was auch daran liegt, dass die Konzerte der Dramaturgie und dem Klangbild eines ekstatischen DJ-Sets folgen.

Die neue Platte der Jazzrausch Big Band aus München auf dem ebenso neuen Münchner Jazzlabel Kryptox.

Jazzrausch hat seine neue Platte "Moebius Strip" soeben auf dem neuen Münchner Jazzlabel herausgebracht, das sich Kryptox nennt und von Matthias Modica gestartet wurde, der als Chef von Gomma Records bisher vor allem Indie-disco-Geschichte geschrieben hat. Die ersten drei Veröffentlichungen sind jetzt raus. Neben Jazzrausch sind das auch Stimming x Lambert, ein Duo aus DJ Martin Stimming und dem Jazzpianisten, der sich Lambert nennt, und die zwischen Minimal-Techno und impressionistischem Jazz erstaunlichen Mut zu einer Schönheit beweisen, die im Detail so raffiniert gebrochen ist, dass sie nicht zum Selbstzweck wird.

Es ist logische Konsequenz, dass der neue Jazz in München vom Techno ähnlich geprägt wird wie der in London von Grime und Drum'n Bass oder der in Los Angeles vom Hip-Hop. Jazz wächst organisch. München hat für den Techno zwar nie eine wegweisende Rolle gespielt, Techno für München aber durchaus. Da liegt der Spagat nahe.

Das Klaviertrio LBT um den Pianisten Leo Betzl hat den ähnlich mitreißend perfektioniert, wie die Jazzrausch Big Band. Auf ihrem neuen Album "Way Up In The Blue" (enja) schaffen sie ein so faszinierend neues Klangbild, das die Klaviermotive und Rhythmuslinien geschickt auf die Essenz des Techno reduziert. Als Fußnote hängt dann zum Schluss noch die sehr altertümliche Ballade "Moonglow" hintendran, nur um zu zeigen, wo sie eigentlich herkommen. Die LBT-Musiker stehen ja sonst auch hinter den etwas klassischeren der jungen Solisten wie dem Saxofonisten Valentin Preissler oder dem Trompeter Vincent Eberle.

Das zweite Album des Leo Betzl Trios, kurz LBT, das den Spagat zwischen Techno und Modern Jazz meistert.

Wie wuchtig das live funktioniert, sieht man auf Youtube, zum Beispiel im Studio-Jam "This is not the Way to Vernazza". Auf Youtube findet sowieso einiges statt, was es aus München noch nicht auf Platte geschafft hat. Die Gruppe Ark Noir zu Beispiel mit ihrer raumgreifenden Düsternis (sehr zu empfehlen der Mitschnitt Live @ Tunnel Visions Vol. 1 aus dem Milla Club). Oder der Track "Konzentrat", den DJ Sepalot mit dem Trompeter Matthias Lindermayr aufgenommen hat. Der sowieso ein Musiker ist, der mit seiner Trompete und einer Batterie Effektgeräte einiges ausprobiert, das sich wie nichts anhört, was man sonst kennt.

Mit seiner eigenen Gruppe Fazer, zu der neben Bass und Gitarre zwei Schlagzeuger gehören, hat er im Frühjahr das Album "Mara" (Wordandsound) veröffentlicht. Das ist mit zwei Schlagzeugern wiederum rhythmisch so vielschichtig, dass es die Clubkultur nur als Sprungbrett benutzt.

Vieles ist derzeit noch in der Frühphase. Dass es mehr als nur vereinzelte Inseln im Partymeer von München sind, zeigte neulich der Beginn eines langfristig angelegten Experiments. Unter dem Namen Evolution 8 formiert sich gerade ein Kollektiv aus Musikern, die nach dem Prinzip der freien Musik, aber mit den Rhythmen und Harmonien der Clubkultur spielen. Kern der Gruppe sind zwei Veteranen, der Schlagzeuger Axel Kroell, der bei Karl Berger in Woodstock gelernt und mit Arthur Baker in New York gearbeitet hat, sowie der Bassist Raoul Walton, der mal bei Can und schon mit Sam Rivers spielte. Die erste furiose Session fand neulich in Kroells Polyester Studios statt. Im Netz gibt es die zu hören. Mit dabei: Trompeter Lindermayer, Saxofonist Preissler und Rapper Manekin Peace. Alles ein Anfang. Nicht nur. Erst.

© SZ vom 31.07.2018
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