bedeckt München 22°

Jazzkolumne:Jeder Ton zählt

In New York hat die Stadtflucht der Reichen in der Corona-Krise auch dazu geführt, dass sich die Subkulturen den urbanen Raum zurückerobern. Welche Rolle kann der Jazz dabei spielen, der sich ja immer auch als Protestmusik verstanden hat?

Von Andrian Kreye

Hinter den Schlagzeilen über den Tod der sogenannten Superstar Cities wie New York, London oder Paris wegen Stadtflucht und Verarmung als Folgen der Corona-Krise und sozialer Unruhen, verbirgt sich auch die Geschichte, wie sich die Subkulturen dort den urbanen Raum zurückerobern. Da drängt sich die Frage auf, welche Rolle dabei der Jazz spielen kann. "Jazz war immer schon Protestmusik. Wird er der Gegenwart gerecht?", fragte in der New York Times Giovanni Russonello. Und der Bassist Melvin Gibbs schrieb in der Jazz Times eine historische Abhandlung mit dem Schlüsselsatz: "Von der Bühne der Carnegie Hall im Jahr 1912 bis zu den Straßen von Minneapolis 2020 hat Jazz immer schon Forderungen gestellt". Wobei der Jazz Politik nie auf gerader Linie anging. Wenn man von vom Zitat des Public Enemy-Gründers Chuck D ausgeht, dass Hip-Hop "das CNN des schwarzen Amerika" sei, ist Jazz das intellektuelle Debattenforum.

Die Multi-Instrumentalistin und Sängerin Georgia Anne Muldrow zieht unter ihrem Pseudonym Jyoti zum Beispiel ein direkte Linie vom politischen Jazz der Siebzigerjahre zum Hip-Hop-Soul-Jazz-Amalgam der Gegenwart. Auf ihrem dritten Jyoti-Album "Mama You Can Bet!" (Eone) kanalisiert sie die Wut über den strukturellen Rassismus, die in Amerika gerade nicht nur Schwarze in Massen auf die Straße treibt, in eine musikalischen Sinnsuche. Wie viele ihrer Vorläufer führt sie die Suche direkt in eine Spiritualität, die in der Musik als Befreiungsmoment Klarheit schafft. Tief gehen die Wurzeln bei ihr in die afrozentrischen Momente, wie sie damals das Art Ensemble of Chicago oder Archie Shepp beschworen. Um sich dann wieder mit wenigen Worten und üppigen Klangbildern in die Gegenwart von Los Angeles zu holen.

Wobei die Debatte vor allem in Amerika nicht bei den Fragen stehen bleibt, die schon lange und immer wieder gestellt werden. Jazz hat ja längst keine Außenseiterrolle mehr und ist als Teil des Kanons auch in der akademischen Welt angekommen. Und weil Jazz eben nicht nur musikalische Form, sondern auch soziale und politische Praxis ist, mehren sich die Forderungen, eben dies auch an den Hochschulen ernst zu nehmen. Manche gehen schon darauf ein. Der Pianist Vijay Iyer leitet an der Harvard University das Programm für "Creative Practice and Critical Inquiry". An der Berklee School hat die Schlagzeugerin Terry Lynne Carrington das "Institute for Jazz and Gender Justice" gegründet. Und an der University of Pittsburgh hat die Flötistin Nicole Mitchell das Jazz Studies Program übernommen, das der Saxofonist Nathan Davis schon 1970 gründete.

Noch sind das Leuchtturmmodelle. Der Saxofonist J.D. Allen ist einer der schärfsten Kritiker des amerikanischen Bildungssystems. "Bildung ist der Anker", sagte er Russonello. "Gibt es für schwarze Amerikaner Wege, an den Universitäten ihre Musik zu spielen und zu lernen? Ich glaube, die gibt es nicht." Auf seinem neuen Album "Toys/Die Dreaming" (Savant) reduziert er seinen Zorn im Trio einmal mehr auf einen Minimalismus, der deswegen so überzeugt, weil er die Reduktion nicht als Verinnerlichung begreift, sondern als Möglichkeit, ein Maximum an Kraft zu entwickeln. Es zählt jeder Ton, jeder Schlag.

Bleiben die Vertriebswege, die das Internet demokratisiert hat, ohne die wirtschaftlichen Grundlagen der Musik ins Virtuelle zu retten. Es gibt genügend Musiker, die sich umgestellt haben, die ihr Geld anderswo verdienen. Wobei die Befreiung vom Kommerziellen ja durchaus musikalische Freiheit bedeuten kann.

Einer der Vorreiter war er Trompeter Charles Tolliver, der gemeinsam mit dem Pianisten Stanley Cowell 1971 das Label Strata East gründete, das 90 Prozent seiner Einnahmen an die Musiker weitergab und ihnen auch die Rechte an ihrer Musik ließ. Ohne die Macht über Radiosender und Plattenläden, wie sie große Labels haben, blieb der Erfolg überschaubar. Interessant war jedoch, wie vielfältig die Musik auf dem Label war, wie klar sich die Musiker in einer Tradition verorteten.

Strata East ist heute ein eher estorisches Kapitel Jazzgeschichte, die Platten seltene Sammlerstücke. Charles Tolliver aber bleibt einer der fortschrittlichsten Trompeter und Komponisten des Jazz. Gerade hat er ein neues Album herausgebracht. "Connect" schlägt auf dem Londoner Label Gearbox die Brücke über den Atlantik. Mit einem Quintett, zu dem der Schlagzeuger Lenny White und der Bassist Buster Williams gehören, Gast ist der Londoner Saxofonisten Binker Golding. Mit ihnen treibt Tolliver seine Musik einmal mehr an die Grenzen zum Ausbruch. Das bleibt so spannend und so zeitgenössisch wie es seit Jahrzehnten ist - in denen sich für das schwarze Amerika so wenig geändert hat, dass man Giovanni Russonellos Frage mit einem sehr klaren "Ja" beantworten muss.

© SZ vom 08.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite