bedeckt München 11°

Jazzkolumne:Altersdiskriminierung in alle Richtungen

Der Jazz wird gerade von einer Welle der Nostalgie ergriffen. Zeit für eine frische Liste: "Ein paar um die 30, die richtig gute Platten machen und eine eigene Stimme finden".

Von Andrian Kreye

Unter den vielen Diskriminierungen der Gegenwart bekommt der sogenannte "Ageism" die womöglich geringste Aufmerksamkeit. Was das Online-Magazin Slate neulich dazu veranlasste, angesichts "Amerikas Obsession mit Frühentwicklern und des 30-unter-30-Industriekomplexes" eine Liste der "80 über 80" zu veröffentlichen. Nun wirkt Altersdiskriminierung in beide Richtungen. Gerade im Jazz, der gerade von einer "100 über 100"-Welle der Nostalgie ergriffen wird (Filme über Ma Rainey und Billie Holiday, Coltrane-Mania, Monk-Renaissance, Parker-Gedenken, Springfluten von Wieder- und Neuveröffentlichungen). Weswegen eine Liste der "ein paar um die 30, die richtig gute Platten machen und eine eigene Stimme finden" in einer Jazzkolumne eigentlich schon Pflicht ist. Also dann:

Musikalisch ist der Trompeter Alonzo Demetrius mit seinem Quintett auf einem Niveau, das sich Bands über Jahre hinweg erarbeiten müssen. Da greifen alle fünf Instrumente weitgehend akustisch und nur hin und wieder mit Echos abstrahiert wie die Steine eines Tangram-Spiels ineinander. Vor allem im Dialog mit dem Saxofonisten Yesseh Furaha-Ali findet Demetrius zu einer eigenen, gemeinsamen Stimme. Der Titel seines Debütalbums "Live from the Prison Nation" (Onyx Productions) ist dabei allegorisch zu verstehen, denn die Platte wurde im Studio eingespielt. Die Gefängnisnation sind die USA. Um die politische Botschaft nicht zu abstrahieren, hat Demetrius Reden von Angela Davis und Mumia Abu-Jamal in Stücke integriert, als seien sie Gastmusiker. Und weil er jeden Ton so spielt, als könne da kein anderer sein, ist er jetzt schon in der Liga von Zeitgenossen wie Theo Croker oder Christian Scott.

Nicht immer ist die Politik so frontal Thema im Jazz. Auf dem neuen Album des Pianisten Theo Hill mit dem Titel "Reality Check" (Positone) verbirgt sich der politische Widerstand hinter der Abstraktion des Afrofuturismus - der gemeinsam mit dem Vibrafonisten Joel Ross, dem Bassisten Rashaan Carter und dem Schlagzeuger Mark Whitfield Jr. sehr viel klarer verarbeitet wird, als das die Anspielung auf Sun Ra vermuten lässt. Das ergibt sich schon aus dem Klangbild, in dem Hill dem Vibrafon von Joel Ross sehr viel Raum gibt. Der nutzt das, um die Stücke mit Flirren abheben zu lassen oder mit Kaskaden nach vorne zu treiben. Das stiehlt Hill hin und wieder die Show. Aber der ist souverän genug, um das zuzulassen.

Musikalisch sehr viel weiter ins sogenannte "left field" wagt sich die Gitarristin Mary Halvorson mit ihrer Band Code Girl auf dem Album "Artlessly Falling" (Firehouse 12 Records) vor. Einerseits, weil es ja eine Verschwendung wäre, nach so vielen Jahren Rockgeschichte nicht hin und wieder mal einen Powerchord zu beschwören. Um dann in die Splittergruben zu steigen, die Ornette Colemans Prime-Time-Gitarristen entdeckt haben. Auf der anderen Seite lässt sie sich auf so starke Stimmen wie die Tenorsaxofonistin Maria Grande ein, die viel Raum füllen kann. Und weil das alles auch noch auf Lyrik-Metren aus drei Kontinenten basiert, schlägt das Album gleich mehrere eigene Wege ein.

Wobei es ja nicht immer gleich ins Linksaußen gehen muss. Auch im harmonischen Mittelfeld des Jazzrock gibt es immer noch viel zu sagen. Der Londoner Schlagzeuger Yussef Dayes (war mal mit Kamaal Williams zusammen das furiose Duo Yussef Kamaal) hat beispielsweise mit dem Bassisten Rocco Palladino und dem Fender-Rhodes-Pianisten Charlie Stacey das Live-Album "Welcome to the Hills" (Cashmere Thoughts) aufgenommen, auf dem sie gar keinen Hehl aus ihrer Lust am Metallschweben des Rhodes und dem Blubberknarzen eines Slap-Bass machen. Wäre da nicht Dayes' virtuoser Umgang mit der gesamten Rhythmusgeschichte von den Talking Drums des antiken Afrika bis zu den Überschall-Paradiddles der Drum-Computer, wäre das ein fast schon konventionelles Progrock-Jazz-Album. Aber nur fast.

Ähnlich Progrock-Jazz-begeistert geht der Multiinstrumentalist Morgan Guerin auf seinem Album "The Saga III" (Bandcamp) mit seinem Ehrgeiz um. Mit einem großen Maschinenpark, Saxofonen und ein paar Gastmusizierenden und -singenden geht er ans Werk. Das wogt und wabert, als hätten sich Joe Zawinuls Weather Report und Rick Wakemans Yes verschworen, gemeinsam den Guinness World Record für Rhythmus- und Akkordwechsel zu brechen. Was sehr viel weniger auf die Nerven geht, als man meinen sollte.

Ist übrigens schon aufgefallen, dass bei der Generation Woke im Jazz immer noch so wenige Frauen Platten machen? Deswegen zum Schluss noch eine dringende Empfehlung für den Größenwahn der nicht mehr ganz so 30-jährigen Saxofonistin Lakecia Benjamin. Die hat sich mit ihrem neuen Album "Pursuance: The Coltranes" zwar gleich das Erbe von John und Alice vorgenommen. Aber gerade weil sie aus diesen Koordinaten musikalischer Übermacht noch mal Neues rausholt, ist das Album ein wunderbarer Eskapismus in die hypnotische Sogwirkung des Spiritual Jazz.

© SZ/biaz
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema