Jazzkolumne:Paarungszeit

Iggy Pop/Dr. Lonnie Smith

Mögen einander sehr, und das hört man: Iggy Pop und Dr. Lonnie Smith.

(Foto: Don Was)

Lonnie Smith mit Iggy Pop, Jon Batiste mit Zadie Smith, Joe Chambers mit MC Parrain - drei Neuerscheinungen zeigen, wie offen der Jazz nach allen Seiten ist. Auch zu Punk und Literatur.

Von Andrian Kreye

Wer auch immer die Idee hatte, den Übervater des Punk, Iggy Pop, und den Meister der Jazz-Inbrunst, Dr. Lonnie Smith, in ein Studio zu stecken, damit sie zwei Gassenhauer aufnehmen, sollte einen Sonder-Grammy für "sinnvollen Einsatz psychedelischer Substanzen" bekommen. Die erste Nummer ist gerade erschienen: "Sunshine Superman". Im Original war das 1966 ein Sommerhit des schottischen Folk-Softies Donovan, der gut ins Swinging London passte mit diesem ganzen kunterbunten Hippie-Krimskrams wie den Regenbögen, den Comicfiguren und dem Cembalo.

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(Foto: Blue Note/Universal Music)

Pop und Smith machen daraus einen Blues, bei dem man nicht weiß, was bedrohlicher lodert, die vollfette Hammond-Orgel oder die lakonische Baritonstimme. Pop sorgt mit seinem etwas subtiler gewordenen Aggro-Timbre dafür, dass dem Song jegliche Hippieseligkeit ausgetrieben wird. Dazu lässt Smith seine Blockakkorde aus den Tiefen der Magnetspulen aufbrodeln, als seien es Geysire. Der zweite Song, den die beiden aufgenommen haben, ist Timmy Thomas' Schmachtballade "Why Can't We Live Together?", bei der man im Original immer das Bedürfnis hatte, den Refrain mit einem "denk mal drüber nach, du Jammerlappen" zu beantworten. Iggy Pop stellt die Frage eher zynisch-rhetorisch. Aber er genießt hörbar den Fluss des Grooves, stößt ein paar spitze Iggy-and-the-Stooges-Schreie aus, um dann mit einem "yeaaah, nice"-Hauchen klarzumachen, dass er mit dem Mann an der Orgel sowieso alles singen würde.

Wahrscheinlich gab es aber einfach gar keine Idee. Smith und Pop wohnen beide im Sonnenbadkorridor zwischen Miami und Palm Beach, wie es sich für mittelwohlhabende Amerikaner in ihren Siebzigern gehört. Pop kam bei einem Gig von Smith in der Arts Garage in Delray Beach vorbei, fragte, ob er mal einsteigen dürfte. Smith gab ihm ein Slaperoo zum Spielen, dieses neue elektrische Percussion-Dings. So fing das an. Die beiden Songs erscheinen am 26. März auf Smiths Album "Breathe" (Blue Note), das ansonsten aus Live-Aufnahmen seines immer grandiosen Trios besteht.

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(Foto: Verve)

Noch so eine unerwartete Paarung, die zeigt, dass Jazz immer und nach allen Seiten offen bleibt, ist die erste Single aus dem Album "We Are" (Verve) des genialischen Pianisten, Sängers, Fernsehbandleaders, Aktivisten, Models und Vorbildes für die Jazzmusikerhauptfigur im Pixar-Animationsfilm "Soul" Jon Batiste. Viel Lebenslauf für eine Einzelperson. Aber verdient. "Show me the way" (ein Batiste-Original, kein Peter-Frampton-Cover), packt den Hoffnungsfrohsinn des bald anbrechenden Frühlings in dreieinhalb Minuten R 'n' B-Mittelgroove und passt damit perfekt zum Rhythmus des schlenderigen Herumlaufens/-radelns/-fahrens, das einen als Großstadtbewohner alljährlich aus der Klaustrophobie der Winterwohnung befreit (im Yes-We-Can-Amerika ist diese Hoffnung nicht ganz so trügerisch wie im Impfpannen-Europa). Formal kein Jazz. Aber Genres, so hieß es neulich bei der Podiumsdiskussion "Jazz and Race" mit der Gegenkulturlegende Angela Davis, sind sowieso eine Erfindung weißer Kritiker. Es gibt schwarze Musik. Die ist gut oder nicht. In diesem Falle sehr gut. Mitsängerin ist bei diesem Song die Schriftstellerin Zadie Smith. Die Paarung kam ähnlich zustande wie bei den Senioren in Florida: Batiste und Smith waren in Brooklyn Nachbarn, die miteinander jammten. Der Rest des Albums, das am 19. März erscheint, wird dann mit noch ganz anderen Gastauftritten ähnlich eklektisch, brillant und stilistisch breit aufgestellt.

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(Foto: Blue Note)

Nicht ganz so abseitig war die Idee des Blue-Note-Chefs Don Was, den Schlagzeuger und Vibrafonisten Joe Chambers dazu zu überreden, nach fast sechzig Jahren im Dienst der Firma sein zweites Soloalbum für sie aufzunehmen. Nur mühsamer. Chambers war nie gerne Leader, weil er immer so viel Spaß als Sideman hatte. Er wusste wie man Grooves für Leute wie Donald Byrd oder Joe Zawinul erzeugt, und wie man mithält, wenn Visionäre wie Wayne Shorter und Archie Shepp neue Wege suchen. Auf "Samba de Maracatu" (Blue Note) geht es weniger um Samba, als um Chambers' Geschick, mit seinem Trio (plus Vibrafon und Percussion im Overdub) ein Maximum aus der Rhythmuspalette des gesamtamerikanischen Kontinents herauszuholen. Das zieht er mit der unschlagbaren Coolness des Hard Bop in einen in sich stimmigen Fluss, in dem auch die Sängerin Stephanie Jordan und der Rapper MC Parrain jeweils einen Platz finden, an den sie gehören. In einem Klaviertrio, das vom Schlagzeug her gedacht wird, ist sowieso alles noch offener. Eh er sich's versieht, spielen sie das Album demnächst in London beim Jazzrave.

© SZ/biaz
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