Süddeutsche Zeitung

Jazzkolumne:Es ist eine Haltung

Diesmal mit Georgia Anne Muldrow, Donny McCaslin und Maria Grand - und der Antwort auf die Frage, welcher junge Jazzer auch einem Musical Leben einhauchen könnte.

Von Andrian Kreye

Das erste Buch zum neuen Schub des Jazz ist erschienen, heißt "Playing Changes" (Pantheon, New York, 2018. Englische Originalausgabe, 288 Seiten, um die 25 Euro) und wurde vom mehrfach ausgezeichneten New York Times-Kritiker und Programmchef des Jazzsenders WBGO Nat Chinen geschrieben. Der zieht die historische Linie vom Aufbruch der Marsalis-Brüder über die Basisarbeit Steve Colemans bis in die Gegenwart von Leuten wie Brad Mehldau, Kamasi Washington und Esperanza Spalding. Man wünschte sich, dass er nicht nur Plattengehört und Archivmaterial gelesen hätte, weil das Buch etwas blutleer bleibt (auch wenn man in der Liste der Quellen erfährt, dass er die meisten seiner Protagonisten getroffen hat). Es ist trotzdem ein allgemeingültiger Überblick.

Er findet zum Beispiel, dass Los Angeles eines der Kraftzentren der neuen Musik ist. Das Label Brainfeeder des Produzenten und Großneffen Alice Coltranes Flying Lotus spielt dort eine Schlüsselrolle, hat das legendäre Kamasi-Washington-Werk "The Epic" und Alben von Thundercat und Brandon Coleman herausgebracht. Jüngste Veröffentlichung ist das neue Album der Sängerin Georgia Anne Muldrow "Overload". Der gelingt zwischen Jazz, Hip-Hop, Elektronika und Soul eine sehr gültige Bestandsaufnahme der Gegenwart. Dazu gehört das neue Credo: Jazz ist Haltung, kein Stilmittel.

New York bleibt bei Chinen die Welthauptstadt des Jazz. Städte außerhalb Amerikas wie das hyperproduktive London lässt er ganz aus dem Blick. Allerdings, wer was werden will, versucht sich ja wirklich weiterhin in New York, auch weil die Szene dort offener ist als anderswo. Die Schweizer Tenorsaxofonistin Maria Grand zum Beispiel fand in New York Anschluss an Steve Colemans Five Elements, was eine Auszeichnung für sich ist. Inzwischen arbeitet sie mit den meisten Titanen der Gegenwart. Ihr neues Album "Magdalena" (Biophilia) gibt es nur in digitaler Form zu kaufen, verdient aber ein größtmögliches Publikum. Da rührt sich eine neue Stimme am Tenorsaxofon, die mit einem Ton von seltener Größe und einem brillanten Spektrum der Ausdrucksformen in New York schon mal ein echtes Zeichen gesetzt hat.

Beweis für New Yorks ungebrochene Funktion als Durchlauferhitzer ist auch der Aufstieg des Saxofonisten Donny McCaslin, den David Bowie in einem kleinen Club entdeckte und zum Produzenten seines Abschiedswerkes "Black Star" machte. Auf seinem neuen Album "Blow" (Motéma) knüpft McCaslin mit seinem Quartett und ein paar Sängern sehr direkt an seine Arbeit mit Bowie an. Das ist durchaus ein Epilog für "Black Star", bleibt aber streckenweise eher sperrig und erinnert deswegen daran, dass man "Black Star" seit der ersten Begeisterung über den noch mal neuen Bowie nie mehr aufgelegt hat.

Die Beschäftigung mit den Grenzbereichen zwischen Progrock und Jazzfusion, die zu Zeiten von Soft Machine, King Crimson und Return to Forever viel unschärfer waren, gelingt dem Mainzer Pianisten Jan Felix May auf seinem ersten Album "Red Messiah" (Jazzline) deutlich besser. Man spürt bei jeder Note, dass sich ein kreativer Überdruck aufgestaut hat, der sich nun entladen kann. Da zeigt May immer wieder seine eigentliche Stärke, die kalte Virtuosität von Progrock und Fusion mit Wärme zu entschärfen und den eckigen Rhythmen eine zeitgenössische Richtung zu geben. Den eigenen Anspruch auf einen Platz in der ersten Reihe formuliert er jedenfalls überzeugend.

Schon angekommen in der ersten Reihe ist der Pianist und Sänger Jon Batiste aus New Orleans. In Amerika wurde er in den vergangenen drei Jahren als Kapellmeister der Studioband des Politiksatirikers Stephen Colbert berühmt, für den er den grandios lässigen intellektuellen Begleiter gibt. Jüngst gab es außerdem die Meldung, dass er der musikalische Leiter des Musicals über den Maler Jean-Michel Basquiat sein wird. Zwar legt sich die Kultur am Broadway normalerweise auf einem Bett aus Geld zum Sterben nieder. Aber vielleicht gelingt ihm ja eine der wenigen Ausnahmen. Sein neues, spartanisches Album "Hollywood Africans" (Verve) gibt jedenfalls Anlass zu manchen Hoffnungen. Man hört fast nur Klavier, das bis auf die Second Line, Boogie und Blues zurückgreift. Und wer es nach Louis Armstrong und Joey Ramone schafft, eine Version von "What A Wonderful World" einzuspielen, die wirklich nahe geht, kann womöglich auch einem Musical Leben einhauchen.

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Quelle:
SZ vom 23.10.2018
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