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Jazz:Wir haben euch was zu sagen

Der Saxofonist Kamasi Washington und sein Kollektiv "West Coast Get Down" machen den Jazz wieder zu einer Musik von politischer Bedeutung. Sie feiern das Pathos - und ihr Publikum feiert mit.

Die Verzückung sieht man dem Saxofonisten Kamasi Washington auch im Moment der größten Ekstase nicht an. Er steht unbeweglich vor dem Mikrofon. Nur die Finger tippen die immer schneller kaskadierenden Phrasen ins Klappenwerk des Instruments, bis er die Skalen im Ausbruch auflöst. Washingtons Fähigkeit, solche Ekstasen abzurufen, sind der entscheidende Grund dafür, dass er dem Jazz seit drei Jahren einen enormen Aufmerksamkeitsschub verschafft hat, dass sein Konzert in der Neuen Theaterfabrik am Stadtrand von München am Freitag an die Fieberkurven gelungener Raves erinnerte, und dass seine Konzerte mit den Musikern des West Coast Get Down-Kollektivs in Hallen eigentlich noch besser funktionieren als in den kleinen Clubs, in denen sie bei ihrer letzten Tour noch spielten.

Beim Konzert in München wirkt die spirituelle Wucht wie eine Trotzreaktion auf den Zeitgeist

Es hilft natürlich, dass die Musiker schon seit ihrer Kindheit zusammenspielen. Eine solche Innigkeit kennt man sonst aus den "Posses" des Hip-Hop, in denen Stars ihre engsten Freunde sammeln, weil sie mit einer solchen Geschlossenheit die Selbstsicherheit, die den Kern ihres Genres ausmacht, bis in ein Sportstadion hinein projizieren können.

Biografisch stehen Washington und seine Weggefährten dem Hip-Hop sowieso näher als dem Jazz. Sie stammen allesamt aus den ganggeplagten Schwarzenvierteln im südlichen Los Angeles und sind mit Mitte, Ende dreißig in einem Alter, in dem sie mit Hip-Hop aufgewachsen sind. Dass sie im Jazz gelandet sind, verdanken sie Förderprogrammen ihrer Heimatstadt. Ihre Talente wurden schon in der High School erkannt. Sie wurden an prominente Mentoren vermittelt und später an gut bezahlte Brotjobs als Begleitmusiker für Pop-, Rock- und Hip-Hop-Stars. Der Kontrabassist Miles Mosley verdient außerdem gutes Geld damit, in Hollywood die Musik für Filmtrailer zu komponieren. Alle zusammen waren das musikalische Rückgrat für das wegweisende "To Pimp A Butterfly"-Album des Rappers Kendrick Lamar, der nicht zuletzt deswegen in diesem Jahr den Pulitzerpreis für Musik bekam. Da sammelt sich also schon mal viel Handwerk auf der Bühne.

Monumentalmusik gegen die Haltungslosigkeit der Ironie: Kamasi Washington mit Saxophon und einem Teil seiner Band.

(Foto: WCGD)

Allerdings weist Kamasi Washington immer wieder auf seine musikalischen Wurzeln im Spiritual Jazz hin. Gegen Ende des Konzerts zitierte er kurz vor dem Höhepunkt eines Solos John Coltranes "A Love Supreme", jene nur vier Töne umfassende Fanfare weltlicher Spiritualität. Mit dem Treibstoff der Spiritualität wird aus reinen Steigerungsmechanismen ein Funke, der umso größere Wirkung zeigen kann, je mehr Menschen sich dem aussetzen. Daher können die sieben Musiker eine Halle voller Menschen zutiefst bewegen, die ihren Jazzgeschmack nicht schon seit Jahrzehnten am Kanon schulen, sondern einfach eine Erfahrung suchen, die selbst im revitalisierten Konzertbetrieb der Gegenwart selten ist. Dass Washington mit zwei Schlagzeugern, Brandon Colemans analogen Elektro-Keyboards, Ryan Porter als zweitem Bläser und dem wohl lautesten Kontrabassisten der Jazzgeschichte, Miles Mosley, das Klangbild der Jazzcombo hallenfähig gemacht hat, spielt da kaum noch eine Rolle. Und ja, Kamasi Washingtons spirituelle Wucht darf man als Trotzreaktion auf den Zeitgeist betrachten, auf die Haltungslosigkeit der Ironie, die Leere der digitalen Erfahrung, die Einsamkeit einer Popkultur, die sich über Kopfhörer und immer kleinere Bildschirme verbreitet.

Cool ist das nicht. Im Gegenteil. Wenn Kamasi Washington zwischen den Stücken von der wunderbaren Vielfalt der Menschen spricht, von der Liebe, der Kraft der Musik, dann ist das reiner Pathos hart an der Grenze zur Plattitüde. Aber das ist eigentlich der dritte Grund für den enormen Erfolg und die Breitenwirkung des Jazzmusikers Kamasi Washington. Mit seinem Pathos und seiner Bereitschaft, das Diktat des Cool hinter sich zu lassen, macht er den Jazz wieder zur Musik zur Zeit. Das versteht er durchaus auch politisch. Am 22. Juni wird er ein Album mit dem Titel "Heaven & Earth" veröffentlichen, das noch ehrgeiziger, noch monumentaler ist als sein Durchbruch "The Epic". In der Vinylversion wird es nicht nur drei, sondern vier Platten umfassen. Die Spannungsbögen sind noch extremer, der Anspruch an die Kompositionen noch höher. Jazzmusiker, Sängerinnen, Chöre und Orchester überschlagen sich fast in den Kontrapunkten.

Zwei Titel aus dem Werk spielte er am Freitag. Vor allem das letzte Stück stand exemplarisch für die Steigerungsmöglichkeiten, die er und seine Gruppe gerade beweisen. "Fists of Fury" heißt es, die Ouvertüre des neuen Albums. Das sei ja auch einer seiner Lieblingsfilme, sagte Washington mit leichtem Grinsen. Wohl wissend, dass der Bruce-Lee-Film von 1972 zwar eine Ikone der frühen Hip-Hop-Kultur war, der Titel in der Pluralform aber eine sehr viel aggressivere Bedeutung bekommt.

Der Text der Gesangspartien rückte dann auch erstaunlich deutlich von den Harmoniebotschaften im Rest seines Werkes ab. Er versuchte erst gar nicht, die Wut zu kaschieren, die in den USA gerade eine ganze Generation prägt. Immer schärfer setzte die Band die Akzente, bis die Sängerin Patrice Quinn gegen Ende die Satzfolge erst sang, dann skandierte, schließlich brüllte: "Unsere Zeit als Opfer ist vorbei. Wir werden nicht länger Gerechtigkeit verlangen. Wir werden Rache nehmen."

Lange noch jubelte das Publikum in der Hoffnung auf eine Zugabe. Da mischte sich die Band aber schon unters Publikum, posierte für Selfies, plauderte, signierte Schallplatten. Nein, sie wollten an diesem Abend die Wut nicht in einem kathartischen Standard auflösen, wie es so der Brauch nach Jazzkonzerten mit hohem Anspruch ist. In der wirklichen Welt gibt es für die Wut auch keine Lösung. Und das wird in Amerika auch noch lange so bleiben.

Weitere Konzerte in Deutschland: Berlin 25. Mai, Köln 27. Mai, Hamburg 2. Juni.

© SZ vom 22.05.2018
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