Jazz "Wir haben alle irgendwie gesoffen"

Joe Haider am Flügel, ein bisschen in sich zusammengesunken, fast wie in Trance, dabei aber hellwach auf der Suche nach den besten Harmonien.

(Foto: privat)

Der Jazzpianist Joe Haider gibt beim BR ein Konzert anlässlich seines 80. Geburtstages. Im Gespräch blickt er zurück auf eine große Musikerkarriere, in der auch Münchens Szene und ein SZ-Kritiker nicht ganz unwichtige Rollen gespielt haben

Interview von Ralf Dombrowski

München war mal wild. Den Legenden nach muss Schwabing ein vor Intensität nur so dampfendes Viertel gewesen sein, wo auch zugereiste Jazzer wie der junge Joe Haider ihr Auskommen fanden. Der in Mannheim geborene und in Stuttgart aufgewachsene Pianist landete um 1960 in der Stadt, lernte in Clubs und am Konservatorium, wurde der erste Hauspianist im alten Domicile, später sogar Leiter des kurzlebigen Jazzensembles des Bayerischen Rundfunks. Nach den florierenden Siebzigern, als sich Weltstars des Jazz in München die Klinke in die Hand gaben, zog er 1984 weiter nach Bern, wo er ein gutes Jahrzehnt lang die Leitung der Swiss Jazz School übernahm. Dort lebt Haider noch heute und feierte am 3. Januar seinen 80. Geburtstag. Die Musik jedoch treibt ihn weiterhin in die Welt und auch zurück nach München. An diesem Mittwoch, 20 Uhr, ist Joe Haider mit seinem Nonett und Streichern im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks zu Gast.

SZ: Es sieht so aus, als würde einen der Jazz jung halten . . .

Joe Haider: Da ist schon was dran. Bei Dusko Goykovich zum Beispiel habe ich vor kurzem den Hut gezogen, wie er mit 83 Jahren spielt. Dann raucht er auch noch wie ein Schlot, trinkt Weißwein und so weiter. Ich habe ihn gefragt: "Wie machst du das?" und er meinte nur: "Ich lebe!". Bravo!

Als Sie nach München kamen, war hier einiges für junge Musiker geboten. Wie haben Sie das Nachtleben kennengelernt?

Für mich war die Nachteule prägend und später dann das Domicile. In der Nachteule haben Leute wie Heinz Schellerer gespielt, ein toller Klarinettist, mehr die Dixieland-Richtung. Es gab noch viele andere, die dann wieder verschwunden sind, aber auch Leute wie Ernst Knauff am Bass, der spätere Wirt vom Domicile, gar nicht mal schlecht, manchmal auch Baldur Bockhoff am Klavier, ganz passabel.

Baldur Brockhoff hatte als SZ-Musikkritiker ja einen legendären Ruf.

Baldur war ein unerbittlicher Kritiker, das habe ich ihm manchmal vorgeworfen. "Baldur, das kann man doch nicht sagen!", meinte ich, "Du musst die Leute ja nicht so in die Pfanne hauen!" Aber er war kein schlechter Typ.

Später hat er in Griechenland gelebt . . .

Manchmal bedauere ich, dass ich damals, als er schon auf einer griechischen Insel lebte, ihn nicht besucht habe, obwohl er mich eingeladen hatte. Wahrscheinlich hätte man da vieles besprechen können, ich hatte auch das Gefühl, das er ein bisschen einsam dort unten war. Jedenfalls hat mich Baldur immer verrissen, bis zu dem Zeitpunkt, als er mal eine ganze Probe von mir und meinem Trio in Burghausen angehört hat. Daraufhin sagte er: "Ihr meint das ja wirklich ernst!" und ich: "Ja, was denkst du denn?" Von dem Tag an war das wie umgewandelt.

Zum Jazz gehörte damals ja auch der Alkoholgenuss.

Wir haben alle irgendwie gesoffen, nicht nur die Musiker, sondern auch die Zuhörer. Man darf nicht vergessen, dass damals die Alkoholgrenze zum Autofahren viel höher war. Das hat die ganze Szene geprägt. Als beispielsweise in der Schweiz die Promillegrenze geändert wurde, meinte ein Club-Betreiber zu mir, jetzt könne man die Live-Szene vergessen. Das war die Einnahmequelle für die Wirte, deshalb konnte man die Eintrittspreise niedrig halten. Fünf Franken für eine Band, das war dann nicht mehr möglich.

Welche Ära empfinden Sie für sich als besonders wichtig?

Für mich waren diese frühen Jahre im Domicile von etwa 1965 bis Ende der Siebziger schon die Zeit, bei der ich glücklich bin, dass ich sie erleben durfte. Für mich war das mein zweites Konservatorium neben dem Konservatorium. Ich habe dort anfangs drei Jahre ohne Unterbrechung gespielt. Viel Zeit zum Nachdenken war nicht. Da hieß es: Am Montag kommt der oder der, ich bin hin, habe mit ihm geprobt, abends dann gespielt. Manche sind mit Lead Sheets angetreten, andere haben gar nichts gehabt, und man musste nach Gehör spielen. Es gab auch Leute, die ekelhaft waren. Mit Joe Newman haben wir zum Beispiel erst einmal gestritten, andere aber, wie Clifford Jordan, waren immer freundlich. In jedem Fall habe ich viel gelernt, denn ich musste ja immer reagieren auf das, was kam.

Wer gehörte damals noch zum festen Kreis der Musiker?

Mein erstes Trio hatte ich mit Michael Dennert am Schlagzeug und George Mraz am Bass, für den später dann Isla Eckinger kam. Mraz ist von Tschechien nach München gereist, musste auf sein Visum für die USA warten, und währenddessen spielte er viel. Und vor allem konnte er ja auch noch schwer besoffen Bass spielen! So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Ich habe mich immer gefragt, ob er den Bass oder der Bass ihn hält.

Das klingt alles in allem nach goldenen Jahren für den Jazz.

Die jungen Musiker heute würden sich wünschen, dass sie mal eine Woche am Stück irgendwo bleiben können. Wir haben damals vier Wochen lang hintereinander gespielt, auch schon vor dem Domicile. Das waren einfach andere Zeiten. Ich habe zum Beispiel lange mit einem Stuttgarter Quintett herumgemacht. Wir sind ständig unterwegs gewesen, außerdem noch uniformiert mit grauer Hose und so. Das war damals so. Mein Vater war auch so. Der hat immer die Fingernägel, Haare und Aussehen geprüft, darauf wurde schwer Wert gelegt. Ich habe das übernommen; und ich bin heute noch so. Am Sonntag ziehe ich ein weißes Hemd an.

Zum Geburtstag haben Sie sich ein besonderes Ensemble mit Streichern als Unterstützung geleistet. Warum?

Wenn man 80 wird, überlegt man sich einmal: Mit wem feiere ich? Und dann kommt auch noch eine musikalische Idee dazu, die man umsetzen will, etwa die Sache mit den Streichquartett, übrigens eine Empfehlung von Jörg Widmoser. Es ist mein erstes Album, das ich mit einer Ballade starte, mal ganz anders. Im August letzten Jahres haben wir drei Tage geprobt, dann einen Einspiel-Gig gemacht, schließlich im Anschluss daran aufgenommen.

Eine Zeitlang haben Sie sogar eine eigenen Plattenfirma geleitet.

Früher hat man ja noch CDs verkauft. Heute macht man die fürs Museum. Man soll zwar die Hoffnung nie aufgeben, aber trotzdem wird es immer schlimmer. Ich habe mit meinem eigenen Label viel selbst gemacht, musste aber dann doch irgendwann aufhören, weil der Kostenfaktor einfach zu hoch war. Und auch die Gesundheit setzt Grenzen. 2012 hatte ich einen Schlaganfall, nur dass er mich nicht gelähmt hat, sondern das Sehzentrum und das rechte Ohr beeinträchtigt war. Ich konnte ja gar nicht mehr richtig spielen, hatte Probleme mit der Koordination. Trotzdem habe ich eine Trio-Platte aufgenommen, wieder mit Isla Eckinger, eben so ein klassisches Ding, bevor wir alle sterben. Ausgerechnet daran anschließend haben sich plötzlich Kritiker gemeldet, die sich sonst nur rühren, wenn jemand tot ist, und stellten fest, dass es die beste CD sei, die ich je gemacht hätte. Vielleicht liegt es daran, dass ich da ganz normal, ohne Schnickschnack gespielt habe.

Sehen Sie mit ein wenig Wehmut zu, wie die nächsten Generationen ihren Weg gehen?

Ich bin jetzt keiner von denen, der sucht, keiner von den Neuen. Ich bin immer noch der Joe Haider und habe keine Ambitionen, den jungen Musikern etwas nachzumachen. Die sollen ihr eigenes Ding machen. Ich unterstütze sie, streite manchmal mit denen. Ich würde mich zum Beispiel niemals trauen, ein Stück von Thelonious Monk zu ändern. Erweitern vielleicht, aber nicht ändern. Monk ist Monk, und wenn du was anderes willst, musst du was Eigenes machen. Kenny Barron meinte mal zu mir, Monk-Stücke aufzunehmen sei für ihn das Schlimmste, da habe er richtig geschwitzt. Da muss man wirklich wissen, was man spielt.

Gibt es im Rückblick Dinge, die Sie in der heutigen Musikwelt vermissen?

Na ja, früher waren zum Beispiel die Jazzhörer anders. Da hat man mit denen gestritten, aber viele kannten sich auch unheimlich aus. Heute habe ich das Gefühl, dass niemand mehr reden will. Unlängst bin ich in Bern im Bus gefahren, alle Leute haben auf ihre Handys gestarrt. Da bin ich aufgestanden und habe gemeint: 'Ich bin jetzt zu einem Gespräch bereit!' Ist natürlich voll in die Hose gegangen, keine Reaktion. Aber leider ist man ja selbst so, vielleicht nicht so schlimm. Heute mache ich als Bandleader alles selbst, Booking, Website, Anrufe, muss mich um alles alleine kümmern. One-Man-Show, da lernt man so viele Leute kennen, dass man ohne Internet und ohne bestimmte Programme schier verloren ist. Da bin ich meiner Mutter heute noch dankbar, dass sie darauf bestanden hat, dass ich erst einmal eine Ausbildung zum Kaufmann machen musste, bevor ich zum Musiker wurde. Vieles davon brauche ich heute noch.