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Jazz:Urknalleffekt

John Coltrane

Meister und Meisterstück: "Giant Steps" ist bis heute so etwas wie die ultimative Prüfung für Jazzmusiker.

(Foto: Lee Friedlander/Fraenkel Gallery San Francisco)

Die Musikgeschichte weiß natürlich längst, dass John Coltrane ein Genie war. Mit einer neuen Box kann man es nun aber auch als Nachgeborener verstehen.

Will man verstehen, was die Musik des Modern-Jazz-Saxofonisten John Coltrane heute noch bedeutet und warum um Gottes willen seine Platten für das Atlantic Label jetzt noch einmal in Mono herauskommen, obwohl die erste Stereoschallplatte doch schon vor 60 Jahren erschien, sollte man sich Heavy Metal anhören. Wenn man Coltrane mag, ihn vielleicht sogar verehrt, wird einem das unter Umständen nicht ganz leichtfallen. Aber was tut man nicht alles für einen Erkenntnisgewinn.

Umgekehrt ist das übrigens kein Problem. Liest sich jedenfalls so, wenn man die Interviews großer Rockgitarristen nach dem Schlagwort "Coltrane" durchsucht. Kirk Hammett zum Beispiel, der Gitarrist von Metallica, erzählte mal, dass sein Gitarrenlehrer ständig Coltrane-Soli transkribiert habe, weil er an den rasenden Kaskaden des Saxofonisten seine musikalischen Reflexe schulen wollte. Und dass er das natürlich auch an seine Schüler weitergab. Wenn man sich anhört, was Hammett in Songs wie "Seek and Destroy" oder "Four Horsemen" so anstellt, und dann gleich danach John Coltranes "Giant Steps" auflegt, dann sind Hammetts Hochgeschwindigkeitskadenzen so etwas wie die Gravitationswellen zu Coltranes Urknall.

Ein guter Teil der berühmtesten Rockgitarristen ließ sich von Coltrane inspirieren

Ganz ähnlich geht es einem beim Vergleich mit dem verstorbenen Slayer-Gitarristen Jeff Hanneman oder mit Megadeths Dave Mustaine. Sie klingen, als hätte jemand aus dem Jazz die Synkopen raus- und die zehnfache Dezibelzahl reingerechnet. Die Drone-Metal-Gruppe Sunn O))) orientiert sich wiederum an Coltranes Free-Jazz-Spätphase und hat sogar eine Hymne auf seine Frau und langjährige Pianistin Alice geschrieben. Und irgendein digitaler Schlaumeier hat neulich die tiefdröhnenden Lärmwände von Sunn O))) mit Coltrane-Stücken schlüssig zusammengebastelt.

Man kann dieses Spiel lange weitertreiben und die Rockgeschichte rückwärtsgehen. Bono von U2 hatte bei Coltrane quasi-religiöse Erfahrungen (die hat er allerdings ständig, muss ein chronischer Zustand sein). Eric Clapton hat sich mit Coltrane aus dem Blues befreit. Und Carlos Santana hat eigentlich schon bei seinem Auftritt beim Woodstock-Festival nichts anderes getan, als Coltrane-Soli auf der Gitarre zu spielen (und mit Coltranes Frau und langjähriger Pianistin Alice später gemeinsam die Platte "Illuminations" aufgenommen, die eine 35 Minuten lange religiöse Studio-Erfahrung gewesen sein soll, was bei Carlos Santana allerdings schon ein pathologischer Zustand ist).

Bei Santana hört man die Prägung des Rock durch Coltrane am deutlichsten, weil er auch noch dessen Ton imitierte. Das ist ein durchdringender, glasklarer Strahl präzise phrasierter Noten, der sich durch jedes nur erdenkliche akustische Hindernis bohren kann, seien es eine Big Band (Coltrane), eine Latinrockgruppe (Santana), eine Halle oder die Unzulänglichkeiten eines betagten Autoradios.

Genug Rockgeschichte für einen Jazztext? Also die Zeitreise in die Vergangenheit beschleunigen und am 4. und 5. Mai 1959 in den Atlantic Studios aufschlagen, einem kleinen Labyrinth aus Aufnahme-, Kontroll- und Bearbeitungsräumen im zweiten Stock des Büroturms 1841 Broadway in Manhattan, ein paar Schritte vom Columbus Circle entfernt, dem prächtigen Kreisverkehr an der südwestlichen Ecke des Central Parks.

John Coltrane kam an diesen Tagen zusammen mit dem Pianisten Tommy Flanagan, dem Kontrabassisten Paul Chambers und dem Schlagzeuger Art Taylor zur Arbeit. Die Stimmung war angespannt. Im März und April hatten sie bereits Stücke aufgenommen. Die fand Coltrane aber nicht gut genug. Es ging immerhin um seine erste Platte für das Atlantic Label der Brüder Nesuhi und Ahmet Ertegün.

Die Ertegüns waren die Söhne des türkischen Botschafters in den USA. 1950 hatten sie ein Label gegründet, mit dem sie schon viel Geld verdient hatten. Denn auf der einen Seite hatten sie ein gutes Ohr für massentaugliche schwarze Musik, hatten Ray Charles und Ruth Brown zu Stars gemacht. Auf der anderen Seite verstanden sie schon früh die kommerzielle Supermacht des Rock. 1955 wollten sie eigentlich Elvis Presley unter Vertrag nehmen, konnten sich aber die 45 000 Dollar Vorschuss nicht leisten. Das machten sie dann Ende der Sechzigerjahre mit Entdeckungen wie Cream, Led Zeppelin und Genesis wieder wett. Sie spielten in einer anderen Liga als die Jazzliebhaber bei Blue Note und Prestige, für die Coltrane bisher aufgenommen hatte. Es fing ja schon damit an, dass die Ertegüns Jazzplatten eben nicht beim Mikrofontüftler Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs auf der anderen Seite des Hudson River aufnehmen ließen wie fast alle Jazzproduzenten damals, sondern im Herzen von Manhattan.

Es war vor allem Nesuhi, der sich um den Jazz kümmerte. Mit dem konnte man damals schon auch gutes Geld verdienen. Musik war den Brüdern aber eigentlich noch wichtiger als der Erfolg. Das Geld aus den Popcharts erlaubte es ihnen, Jazzmusiker Dinge auszuprobieren zu lassen, die bei Blue Note oder Prestige nie möglich gewesen wären. Deswegen hatten sie ja auch John Coltrane für sich gewonnen. Und deswegen sollte sein Einstand dort die Welt bewegen.

Weil schon klar war, dass hier ein großer Musiker bald zum Genie werden würde, produzierte Nesuhi Ertegün selbst. So viel also zum Druck, der an diesen beiden Mai-Tagen im Studio herrschte. Erschwerend kam hinzu, dass Coltrane nicht proben wollte. Das, so war er fest überzeugt, nähme das Feuer aus der Musik. Die drei Mitmusiker hatten also nur kurz Zeit, sich auf die neuen Kompositionen des Meisters einzustellen.

Dabei war es ohnehin schon nicht leicht, für Coltrane zu arbeiten. Die Ernsthaftigkeit, mit der er Musik machte, hatte mitunter etwas Bedrückendes. Es gibt kaum ein Foto von ihm, auf dem er lächelt. Er hat es sogar einmal selbst zugegeben, als er nach ein paar Auftritten mit dem notorisch albernen Dizzy Gillespie sagte: "Ich wünschte, ich hätte eine etwas fröhlichere Natur. Dizzy hat diese wunderbare Gabe. Aber ich habe die eben nicht. Und man muss sich selbst schon treu bleiben."

Im epochalen Titelstück von "Giant Steps" hört man deutlich, wie Pianist Tommy Flanagan fast die musikalische Puste ausgeht, weil Coltrane ja nicht nur sich selbst, sondern immer auch seine Begleiter überforderte. Das Stück ist bis heute so etwas wie die Meisterprüfung für jeden Jazzmusiker. Es folgt darin auf ein trügerisch einfaches Thema, das man gut mitpfeifen kann, eine Tour de Force durch die Skalen und Akkorde. Der Grafiker Dan Cohen hat sich einmal die Mühe gemacht, die Noten für einen Youtube-Trickfilm zu animieren. Das Thema beginnt leicht und klar, danach explodiert Coltranes Part und wird zu einer rasenden Abfolge von Sechzehntel- und Achtelnoten, die wie eine Achterbahn um die Akkorde rasen.

Hier macht die Mono-Version nun ausnahmsweise einmal den entscheidenden Unterschied

"Giant Steps" war der Auftakt für eine Serie von acht Alben, die Coltrane für Atlantic aufnahm. Die neue Box "The Atlantic Years - In Mono" (Rhino/Warner) enthält allerdings nur fünf davon, was der Werktreue geschuldet ist. Die Box ist mit den Originalbändern neu aufgelegt worden, die Originalbänder von drei Alben wurden jedoch bei einem Brand zerstört.

Wobei man hier kurz anmerken sollte, das so viel Werktreue-Fetischismus den Platten gerade auf Vinyl sehr gutgetan hat. Der Markt wird derzeit mit minderwertigen Vinyl-Neuauflagen aus Ost- und Südeuropa geflutet, die eine EU-Urheberrechtslücke nutzen, die Aufnahmen aus der Zeit vor 1966 frei verfügbar machen. Oft kauft man in diesen Fällen für viel Geld die schlechte Kopie einer CD, die auf Vinyl gepresst wurde. Bei der neuen Coltrane-Atlantic-Reissue macht dagegen sogar der penible Nachbau der Pappcover große Freude, weil selbst bei legitimen Neuauflagen viele Vinyl-Hüllen aussehen wie aus dem Copyshop.

Trotz der Lücke kann man auf den fünf Alben gut hören, was für musikalische Sprünge Coltrane in den zwei so irrsinnig produktiven Jahren bei Atlantic gemacht hat. "Bags & Trane" mit dem Modern Jazz Quartet-Vibraphonisten Milt Jackson stört dabei allerdings etwas, weil das Album früher aufgenommen, aber später veröffentlicht wurde. Und die zauberhafte Platte "Coltrane Plays the Blues" war eigentlich Restmaterial aus der "My Favorite Things"-Session, mit der er 1961 für Aufsehen sorgte (deren Bänder aber verbrannten). Auf "Olé Coltrane" wagte er sich erstmals aus den traditionellen Jazzharmonien in den Flamenco. Bekiffte Mods in London sollen die Platte geliebt haben. Und auf "Avantgarde" bricht er gemeinsam mit dem Trompeter Don Cherry endgültig in die Freiheit auf.

Aber um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Warum um Gottes willen soll man das jetzt alles noch mal in Mono hören? Ganz einfach: Weil Stereo damals nur ein Verkaufstrick der Plattenfirmen war. Weil Jazzbands in Mono dachten. Und weil die Wucht, mit der Coltranes Musik ohne Stereoeffekt aus den Boxen drückt, heute noch klarmacht, warum Rockstars damals versuchten, sich über Coltrane neue Wege zu suchen. Und warum sie es immer noch tun. Auch wenn er bald nach "Giant Steps" zu Impulse desertierte, um dort nach der Spiritualität und Freiheit zu suchen, die sein Spätwerk bis heute so schwer zugänglich machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

© SZ vom 09.07.2016

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