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Jazzkolumne:Absolute Harmonie

Till Brönner, Christian Scott und Aquiles Navarro und die Bedeutung der Trompete im aktuellen Jazz.

Von Andrian Kreye

Till Brönners neues Album ist ein gutes Argument gegen die Behauptung, dass es doch ganz logisch gewesen sei, dass die Trompeter ihre Rolle als Zugpferd der Jazzgeschichte irgendwann abgeben mussten. Weil Tenorsaxofonisten ihre schamlosen Verführungskünste und Effekthaschereien vom Hauchen bis zum Röhren mit der zunehmenden Verbreitung von Mikrofonen selbst in kleinen Clubs so viel besser ausspielen konnten. Weil Pianisten die Harmonielehre mit ihren orchestralen Schlagtechniken immer deutlicher zurechtbiegen konnten. Die Trompeter waren mit ihrem Purismus im Ton und der Linienführung da immer mal wieder im Nachteil. Jetzt aber stürmt seit einiger Zeit eine neue Generation mit diesem Instrument in die Zukunft. Theo Croker etwa, Nils Wülker, Avishai Cohen, Yazz Ahmed und Ambrose Akinmusire haben alle in den vergangenen Monaten Alben herausgebracht, die wegweisend waren.

Wobei Till Brönner gerade in Sachen Ton immer schon ein sehr vielseitiger Trompeter war, der das Klangspektrum seines Instruments weit ausreizen konnte. Sein neues Album "On Vacation" (Sony) hat er gemeinsam mit dem Pianisten Bob James eingespielt. Nun sind beide dafür bekannt, es mit den elektrischen Zuckergüssen im Studio hin und wieder ein wenig zu übertreiben. James hatte deswegen vor allem in Hollywood viel Erfolg. Brönner halten sie dort übrigens ohne Einschränkungen für einen der Größten, was auch daran liegt, dass sich kein Amerikaner an seiner Omnipräsenz im deutschen Fernsehen stören kann (und wohl auch nicht würde).

Beiden tut es jedenfalls ganz gut, dass der Großteil des Albums im spätsommerlichen Südfrankreich des vergangenen Vorcoronajahres im klassischen Quartett-Format eingespielt wurde. "On Vacation" ist von einem Schönheitswillen durchzogen, der einem schon etwas auf die Nerven gehen kann. Wer traut sich schon, eine Version von "September Morn" aufzunehmen, jener Ballade, die Gilbert Becaud über das erotische Pariser-Salon-Gemälde "Matinée de Septembre" von Paul Émile Chabas schrieb, und mit dem dann Neil Diamond die Schmachtzentren der späten Siebzigerjahre massierte. Und ja, Till Brönner singt auch auf diesem Album in drei Songs, allerdings lässt er sich nicht so sehr von Chet Baker als von Michael Franks inspirieren. Was sehr viel besser zu ihm passt. Die Klarheit der reduzierten Besetzung erlaubt Brönner aber ansonsten, die Möglichkeiten der Trompete und des Flügelhorns im Rahmen der absoluten Harmonie weit auszureizen.

Und auch am anderen Ende des Jazz-Spektrums gehen Trompeter wieder voran. Christian Scott - oder wie er sich selbst mit vollem Namen nennt: Christian Scott a Tunde Adjuah - hat ebenfalls reduziert. Statt seiner afrozentrischen Klangwelten hat er sein neues Album "Axiom" (Ropeadope) kurz vor dem Lockdown im New Yorker Jazzclub Blue Note aufgenommen. Scott behandelt die Trompete als Reaktor eines Septettes, das sich von seinen Schwungkräften in immer neue Umlaufbahnen katapultieren lässt. Selbst die Flöte von Elena Pinderhughes bekommt eine ungewöhnliche Präsenz. "Stretch Music" nennt Scott seine Experimente: "Wir versuchen, die rhythmischen, melodischen und harmonischen Konventionen des Jazz zu erweitern, nicht zu ersetzen, um so viele musikalische Formen, Sprachen und Kulturen wie möglich zu erfassen." Das ist bei ihm mehr ein Prozess, als eine Stil- und Formfrage. Was bei seinen Studioalben manchmal etwas arg ambitioniert wirkt, kommt live sehr viel direkter ans Ziel.

Mit seiner Wucht kann es sich Scott sogar erlauben, ein Stück von Miles Davis zu covern. "Guinnevere", ein obskures Überbleibsel aus den "Bitches Brew"-Sessions, das es nicht auf das Album schaffte. Davis interpretierte die Hippie-Hymne von Crosby, Stills & Nash damals als elegische Meditation mit Sitar und kaum spürbarem Spannungsbogen. Scott dagegen hält sich mit seinem Septett zunächst sehr nah am Vorbild, um dann erst selbst Druck aufzubauen und dann seinem Fender-Rhodes-Pianisten Lawrence Fields einen zweiten Bogen einzuräumen. Das gesamte Album treibt solche Spitzen aus dem Konzert und gehört allein deshalb-- zu einem der besten des Jahres.

Wobei das mit den Superlativen natürlich immer so eine Sache ist. Sagt das Album "Heritage of the Invisible", das der Trompeter Aquiles Navarro mit dem Schlagzeuger Tcheser Holmes für das Chicagoer Label International Anthem aufgenommen hat, nicht mindestens so viel über den aktuellen Stand der Trompete und des Jazz überhaupt aus? Wie so viele Anthem-Alben ist das politische Bewusstsein der beiden sehr viel direkter als etwa bei Scott. Dialogfetzen, Vignetten, Overdubs mit Percussion, Elektronik, Klavier und Echo geben dem Album einen sozialen Rahmen. Im Kern steht aber das Duo. Nur mit Schlagzeug wagen das nur wenige Trompter. Wobei Navarro und Holmes eine so innige Verbindung aufbauen, dass man inständig hofft, dass die beiden darauf beharren, genau so weiter zu arbeiten. Es mag schon sein, das sich die Rollenklischees im Jazz schon seit über 50 Jahren auflösen. Dass ein Schlagzeuger genauso melodisch denken kann wie ein Trompeter in Rhythmen. Dass sich in solchen Zwiegesprächen Symbiosen bilden, die sehr viel mehr sind, als irgendwelche Summen irgendwelcher Teile. Navarro und Holmes führen jedenfalls vor, dass da noch lange nicht alles gesagt ist, egal wie spartanisch die Mittel sind.

© SZ/crab
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