Süddeutsche Zeitung

Jazz-Star Esperanza Spalding:"Lasst uns spielen"

Esperanza Spalding schreibt derzeit die prickelndste Geschichte des Jazz. Sie hat bereits zweimal für US-Präsident Obama gespielt und einen Grammy als "Best New Artist" gewonnen. Trotzdem sagt sie: "Ich bin nur ein hübsches Mädchen, das Musik machen will". Ein Gespräch über Kommerz und Parallelen zwischen Musik und den Olympischen Spielen.

Oliver Hochkeppel

Die 28-jährige Bassistin und Sängerin Esperanza Spalding schreibt derzeit die prickelndste Erfolgsgeschichte im Jazz: Die Frau mit schwarzen, hispanischen und asiatischen Vorfahren, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Problemviertel von Portland aufwuchs, schaffte es dank einer unwiderstehlichen Mischung aus Talent, Fleiß und Charisma bis in die Kaderschmiede des Jazz, das Berklee College of Music in Boston, und wurde dort die jüngste Dozentin aller Zeiten.

Nachdem schon ihre stiloffenen Debütalben Aufsehen erregt und ihr die Einladung von Stars wie Pat Metheny, Joe Lovano oder Stevie Wonder eingetragen hatten, bekam sie im vergangenen Jahr für "Chamber Musik Society" den Grammy in der Kategorie "Best New Artist" - als erster Jazzmusiker überhaupt.

Mit ihrem neuen, weit in den Jazzrock und Pop der Siebziger reichenden Programm "Radio Musik Society" kommt Spalding nun für zwei Konzerte nach Deutschland: Am Mittwoch, 11. Juli, zu den Stuttgarter "Jazz Open" im bereits ausverkauften Carl-Benz-Museum und am Donnerstag, 12. Juli, - veranstaltet vom Jazzclub Unterfahrt - in die Alte Kongresshalle auf der Theresienhöhe.

Süddeutsche.de: Erinnern Sie sich noch an ihren bisher einzigen Auftritt in München, im Jazzclub Unterfahrt?

Esperanza Spalding: War das mit dem Quartett oder mit der "Chamber Music Society"?

Süddeutsche.de: Mit dem Quartett.

Spalding: Oh, dann ist es eine ganze Weile her.

Süddeutsche.de: Ja, das war im März 2009, seither ist viel passiert.

Spalding: Ja, dank der Bands und der Fans.

Süddeutsche.de: Kann man sagen, dass der Gewinn des Grammys ihr Durchbruch war?

Spalding: Ich weiß nicht. Worum es geht, ist: Kommen die Leute in dein Konzert oder nicht. Und dieser Grammy hilft definitiv, Tickets und Platten zu verkaufen. Es ist wirklich ein erstaunlicher Preis, die Ehre ist überwältigend, weil es ja die Kollegen sind, die deine Arbeit wertschätzen. Abstimmen dürfen ja nur Leute aus der Musikbranche. In dieser Hinsicht ist es also großartig. Andererseits heißt es wenig für die Hauptdirektive, dass man seine eigene Musik machen muss, die für einen selbst Spaß macht und schön ist.

Süddeutsche.de: Man bleibt also derselbe Musiker wie vorher?

Spalding: Nein, ich bin besser geworden, aber nur, weil ich geübt habe. Mit diesen Awards, denen wir so viel Bedeutung beimessen, ist es wie im Sport. Wer bei den Olympischen Spielen ein paar Sekunden oder gar Sekundenbruchteile langsamer ist als ein anderer, bekommt keine Medaille. Es steckt aber dieselbe unglaubliche Arbeit dahinter. Beide haben ihr ganzes Leben und ihren Körper dieser Sache geweiht. Mehr als über alles andere reden wir in unserer Kultur übers Gewinnen. Aber der Prozess ist ebenso wichtig. Das Ding, das dich wirklich antreibt, ist die Liebe zu dem, was du tust. Kein "Sieg". Ich bringe das nur zur Sprache, weil wir das alle wissen - Leute ihres Kulturkreises noch viel besser als wir Amerikaner -, aber immer wieder vergessen.

Süddeutsche.de: Da spricht auch die Musikpädagogin in Ihnen.

Spalding: Ja, als jemand, der Unterricht geben hat und sich um musikalische Erziehung sorgt, betrifft mich das besonders. Irgendwo in den meisten Hinterköpfen steckt diese Philosophie, dass Musik keinen Wert hat, wenn sich keine Karriere daraus ergibt. Also wenn meine Tochter es nicht zu diesen tollen Musikpreisen schafft, warum soll sie es dann machen? Dabei ist es doch so: Was Musik für mein Leben bedeutet, ist so unglaublich viel mehr, als sich an meinen Erfolgen, an meiner Karriere messen ließe. Man mag sagen, ich hätte leicht reden, weil es bei mit derzeit so gut läuft. Aber es war immer so. Es ist wunderbar, wenn die Leute in meine Konzerte kommen. Aber nicht, wenn sie darüber vergessen, wer ich bin, was ich tue, und worin der Wert von Musik überhaupt besteht.

Süddeutsche.de: Sie hätten also gerne aufgeklärte Konzertbesucher.

Spalding: Ach was. Aber in unserer Kultur ist das Konzept des Konzerts so abstrakt. Weil es immer um Virtuosität geht. Eigentlich müssten wir uns fragen, warum wir dasitzen und jemandem beim Singen zuhören - anstatt selbst zu singen.

Süddeutsche.de: Sie hatten die Chance, das berühmte Berklee College of Music zu besuchen, obwohl sie nicht aus begüterten Verhältnissen stammen. Denken Sie, dass das System der Talentsichtung funktioniert?

Spalding: Es wird normalerweise nicht nach Talent gesucht. Das ist so selten geworden, weil Begabung nicht das ist, was die Leute anzieht. Es wird nach dem gesucht, was sich verkaufen lässt. Manchmal bekommt jemand eine Förderung aufgrund seines Talents, aber dann wird immer ein Manager kommen, der davon profitieren will. Man muss klar sehen: Wenige Menschen im Musikgeschäft sind daran interessiert, diese Kunstform voranzubringen. Das primäre Ziel ist Gewinn.

Süddeutsche.de: Aber im Jazz steckt doch gar nicht mehr viel Geld. Die großen Labels machen mit einer Ausnahme gar keinen neuen Jazz mehr, die kleinen sind meist das Hobby von Idealisten ...

Was hat der Begriff Jazz mit Rassismus zu tun?

Spalding: Am Ursprung stand der Blues und die schwarzen Spirituals. Da gab es überhaupt keine Wirtschaftsinteressen, man spielte einfach füreinander. Ich glaube, dass es dieses Bedürfnis bis heute gibt. Seit über 60 Jahren aber teilen wir auf in Stars und Musiker, die ihre ganzes Leben lang spielen, ohne womöglich einen Penny damit zu machen. Das künstlerische Streben, die Gemeinschaft, die es stiftet, die Erweiterung des Bewusstseins, die Herausforderung, Probleme schnell zu lösen und es in Kunst zu verwandeln - diese Erfahrungen bringen einen Musizierenden weiter. Aber das ist kein Geschäftsmodell. Man kann nicht quantifizieren, was die Musik den Menschen gibt. Doch leider gibt es so viele - Geschäftsleute und Musiker -, die die Landkarte des Jazz und der Musik nur danach absuchen, wo sie Rohstoffe ausbeuten können. Immerhin wird das - das ist das Gute - nie verhindern können, dass die Kunstform Musik weiter gedeiht.

Süddeutsche.de: Musiker waren doch immer Teil eines ökonomischen Prozesses...

Spalding: ... was zum Beispiel gerade passiert, ist, dass ich - und ein paar andere - ein Image verpasst bekommen, das in die falsche Richtung führt. Ich bin nicht die Repräsentantin des Jazz. Ich bin nur ein hübsches Mädchen, das Musik machen will. Aber da sind dann die Businesspläne, die entscheiden: Welchen Musiker unterstützen wir, wer kriegt die Titelseiten? Wir werden mit Werbung bombardiert und darauf trainiert, was attraktiv ist und was nicht. Ganz oberflächlich. Deshalb gibt es so viele wertvolle Künstler, die keine erfolgreiche Karriere haben. Ich kenne alleine in New York Dutzende von Musikern, die dich umhauen, wenn du sie hörst. Alles was die haben, sind Gigs. Man müsste sich immer wieder den eigentlichen Platz der Kunst in unserer Gesellschaft bewusst machen: Sie ist es, die ins Herz dringt, die uns bewegt. Unabhängig von Popularität oder Wirtschaftlichkeit.

Süddeutsche.de: Aber es ist doch auch für einen Jazzer keine Sünde, das meistverkaufte Album des Jahres zu haben so wie Sie?

Spalding: Nein. Aber das wirklich Bedeutende daran ist, dass ich damit nachhaltige Unterstützung durch Kollegen gewinne. Ich kann mit Musikern anderer Felder und in Richtungen arbeiten, die nicht notwendigerweise finanziellen Nutzen bringen. Es ist wirklich großartig, die Unterstützung zu haben, um mit dieser verrückten Band Radio Chamber Society touren zu können.

Süddeutsche.de: Sie haben sogar Unterstützung von höchster Stelle. Sind die Obamas inzwischen Freunde?

Spalding: Nein.

Süddeutsche.de: Aber Sie haben doch ein paar Mal für den Präsidenten im Weißen Haus gespielt...

Spalding: ... zwei Mal. Und einmal bei der Nobelpreisverleihung.

Süddeutsche.de: In Ihrer Heimat wird gerade diskutiert, ob man nicht den Begriff Jazz, weil er rassistisch sei, durch "Black American Music" ersetzen soll. Was halten Sie davon?

Spalding: Wir nennen Oper auch nicht "Musik italienischer Entstehung". Kommt das Ballett ausschließlich aus Russland? Hoffentlich nicht. Wen interessiert das? Studiere deine Geschichte! Wenn du so besorgt um die Geschichte deines Handwerks bist, dann rede darüber bei deinen Auftritten. Wenn du nicht schwarz bist, heißt das doch nicht, dass du nicht schwarze Musik nachbilden kannst. Und umgekehrt. Ich denke, dass es egal ist, wie wir es nennen. Möglicherweise ist es für manche spannend, darüber zu reden, aber für Musiker? Ehrlich, wen interessiert's? Lasst uns spielen.

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