Jazz-Star Esperanza Spalding Was hat der Begriff Jazz mit Rassismus zu tun?

Spalding: Am Ursprung stand der Blues und die schwarzen Spirituals. Da gab es überhaupt keine Wirtschaftsinteressen, man spielte einfach füreinander. Ich glaube, dass es dieses Bedürfnis bis heute gibt. Seit über 60 Jahren aber teilen wir auf in Stars und Musiker, die ihre ganzes Leben lang spielen, ohne womöglich einen Penny damit zu machen. Das künstlerische Streben, die Gemeinschaft, die es stiftet, die Erweiterung des Bewusstseins, die Herausforderung, Probleme schnell zu lösen und es in Kunst zu verwandeln - diese Erfahrungen bringen einen Musizierenden weiter. Aber das ist kein Geschäftsmodell. Man kann nicht quantifizieren, was die Musik den Menschen gibt. Doch leider gibt es so viele - Geschäftsleute und Musiker -, die die Landkarte des Jazz und der Musik nur danach absuchen, wo sie Rohstoffe ausbeuten können. Immerhin wird das - das ist das Gute - nie verhindern können, dass die Kunstform Musik weiter gedeiht.

Süddeutsche.de: Musiker waren doch immer Teil eines ökonomischen Prozesses...

Spalding: ... was zum Beispiel gerade passiert, ist, dass ich - und ein paar andere - ein Image verpasst bekommen, das in die falsche Richtung führt. Ich bin nicht die Repräsentantin des Jazz. Ich bin nur ein hübsches Mädchen, das Musik machen will. Aber da sind dann die Businesspläne, die entscheiden: Welchen Musiker unterstützen wir, wer kriegt die Titelseiten? Wir werden mit Werbung bombardiert und darauf trainiert, was attraktiv ist und was nicht. Ganz oberflächlich. Deshalb gibt es so viele wertvolle Künstler, die keine erfolgreiche Karriere haben. Ich kenne alleine in New York Dutzende von Musikern, die dich umhauen, wenn du sie hörst. Alles was die haben, sind Gigs. Man müsste sich immer wieder den eigentlichen Platz der Kunst in unserer Gesellschaft bewusst machen: Sie ist es, die ins Herz dringt, die uns bewegt. Unabhängig von Popularität oder Wirtschaftlichkeit.

Süddeutsche.de: Aber es ist doch auch für einen Jazzer keine Sünde, das meistverkaufte Album des Jahres zu haben so wie Sie?

Spalding: Nein. Aber das wirklich Bedeutende daran ist, dass ich damit nachhaltige Unterstützung durch Kollegen gewinne. Ich kann mit Musikern anderer Felder und in Richtungen arbeiten, die nicht notwendigerweise finanziellen Nutzen bringen. Es ist wirklich großartig, die Unterstützung zu haben, um mit dieser verrückten Band Radio Chamber Society touren zu können.

Süddeutsche.de: Sie haben sogar Unterstützung von höchster Stelle. Sind die Obamas inzwischen Freunde?

Spalding: Nein.

Süddeutsche.de: Aber Sie haben doch ein paar Mal für den Präsidenten im Weißen Haus gespielt...

Spalding: ... zwei Mal. Und einmal bei der Nobelpreisverleihung.

Süddeutsche.de: In Ihrer Heimat wird gerade diskutiert, ob man nicht den Begriff Jazz, weil er rassistisch sei, durch "Black American Music" ersetzen soll. Was halten Sie davon?

Spalding: Wir nennen Oper auch nicht "Musik italienischer Entstehung". Kommt das Ballett ausschließlich aus Russland? Hoffentlich nicht. Wen interessiert das? Studiere deine Geschichte! Wenn du so besorgt um die Geschichte deines Handwerks bist, dann rede darüber bei deinen Auftritten. Wenn du nicht schwarz bist, heißt das doch nicht, dass du nicht schwarze Musik nachbilden kannst. Und umgekehrt. Ich denke, dass es egal ist, wie wir es nennen. Möglicherweise ist es für manche spannend, darüber zu reden, aber für Musiker? Ehrlich, wen interessiert's? Lasst uns spielen.