Jazz-Star Esperanza Spalding "Lasst uns spielen"

Esperanza Spalding schreibt derzeit die prickelndste Geschichte des Jazz. Sie hat bereits zweimal für US-Präsident Obama gespielt und einen Grammy als "Best New Artist" gewonnen. Trotzdem sagt sie: "Ich bin nur ein hübsches Mädchen, das Musik machen will". Ein Gespräch über Kommerz und Parallelen zwischen Musik und den Olympischen Spielen.

Interview: Oliver Hochkeppel

Die 28-jährige Bassistin und Sängerin Esperanza Spalding schreibt derzeit die prickelndste Erfolgsgeschichte im Jazz: Die Frau mit schwarzen, hispanischen und asiatischen Vorfahren, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Problemviertel von Portland aufwuchs, schaffte es dank einer unwiderstehlichen Mischung aus Talent, Fleiß und Charisma bis in die Kaderschmiede des Jazz, das Berklee College of Music in Boston, und wurde dort die jüngste Dozentin aller Zeiten.

Esperanza Spalding bei den Grammy-Awards 2011 in Los Angeles, als sie als erster Jazzmusiker überhaupt in der Kategorie "Best New Artist" gewann.

(Foto: REUTERS)

Nachdem schon ihre stiloffenen Debütalben Aufsehen erregt und ihr die Einladung von Stars wie Pat Metheny, Joe Lovano oder Stevie Wonder eingetragen hatten, bekam sie im vergangenen Jahr für "Chamber Musik Society" den Grammy in der Kategorie "Best New Artist" - als erster Jazzmusiker überhaupt.

Mit ihrem neuen, weit in den Jazzrock und Pop der Siebziger reichenden Programm "Radio Musik Society" kommt Spalding nun für zwei Konzerte nach Deutschland: Am Mittwoch, 11. Juli, zu den Stuttgarter "Jazz Open" im bereits ausverkauften Carl-Benz-Museum und am Donnerstag, 12. Juli, - veranstaltet vom Jazzclub Unterfahrt - in die Alte Kongresshalle auf der Theresienhöhe.

Süddeutsche.de: Erinnern Sie sich noch an ihren bisher einzigen Auftritt in München, im Jazzclub Unterfahrt?

Esperanza Spalding: War das mit dem Quartett oder mit der "Chamber Music Society"?

Süddeutsche.de: Mit dem Quartett.

Spalding: Oh, dann ist es eine ganze Weile her.

Süddeutsche.de: Ja, das war im März 2009, seither ist viel passiert.

Spalding: Ja, dank der Bands und der Fans.

Süddeutsche.de: Kann man sagen, dass der Gewinn des Grammys ihr Durchbruch war?

Spalding: Ich weiß nicht. Worum es geht, ist: Kommen die Leute in dein Konzert oder nicht. Und dieser Grammy hilft definitiv, Tickets und Platten zu verkaufen. Es ist wirklich ein erstaunlicher Preis, die Ehre ist überwältigend, weil es ja die Kollegen sind, die deine Arbeit wertschätzen. Abstimmen dürfen ja nur Leute aus der Musikbranche. In dieser Hinsicht ist es also großartig. Andererseits heißt es wenig für die Hauptdirektive, dass man seine eigene Musik machen muss, die für einen selbst Spaß macht und schön ist.

Süddeutsche.de: Man bleibt also derselbe Musiker wie vorher?

Spalding: Nein, ich bin besser geworden, aber nur, weil ich geübt habe. Mit diesen Awards, denen wir so viel Bedeutung beimessen, ist es wie im Sport. Wer bei den Olympischen Spielen ein paar Sekunden oder gar Sekundenbruchteile langsamer ist als ein anderer, bekommt keine Medaille. Es steckt aber dieselbe unglaubliche Arbeit dahinter. Beide haben ihr ganzes Leben und ihren Körper dieser Sache geweiht. Mehr als über alles andere reden wir in unserer Kultur übers Gewinnen. Aber der Prozess ist ebenso wichtig. Das Ding, das dich wirklich antreibt, ist die Liebe zu dem, was du tust. Kein "Sieg". Ich bringe das nur zur Sprache, weil wir das alle wissen - Leute ihres Kulturkreises noch viel besser als wir Amerikaner -, aber immer wieder vergessen.

Süddeutsche.de: Da spricht auch die Musikpädagogin in Ihnen.

Spalding: Ja, als jemand, der Unterricht geben hat und sich um musikalische Erziehung sorgt, betrifft mich das besonders. Irgendwo in den meisten Hinterköpfen steckt diese Philosophie, dass Musik keinen Wert hat, wenn sich keine Karriere daraus ergibt. Also wenn meine Tochter es nicht zu diesen tollen Musikpreisen schafft, warum soll sie es dann machen? Dabei ist es doch so: Was Musik für mein Leben bedeutet, ist so unglaublich viel mehr, als sich an meinen Erfolgen, an meiner Karriere messen ließe. Man mag sagen, ich hätte leicht reden, weil es bei mit derzeit so gut läuft. Aber es war immer so. Es ist wunderbar, wenn die Leute in meine Konzerte kommen. Aber nicht, wenn sie darüber vergessen, wer ich bin, was ich tue, und worin der Wert von Musik überhaupt besteht.

Süddeutsche.de: Sie hätten also gerne aufgeklärte Konzertbesucher.

Spalding: Ach was. Aber in unserer Kultur ist das Konzept des Konzerts so abstrakt. Weil es immer um Virtuosität geht. Eigentlich müssten wir uns fragen, warum wir dasitzen und jemandem beim Singen zuhören - anstatt selbst zu singen.

Süddeutsche.de: Sie hatten die Chance, das berühmte Berklee College of Music zu besuchen, obwohl sie nicht aus begüterten Verhältnissen stammen. Denken Sie, dass das System der Talentsichtung funktioniert?

Spalding: Es wird normalerweise nicht nach Talent gesucht. Das ist so selten geworden, weil Begabung nicht das ist, was die Leute anzieht. Es wird nach dem gesucht, was sich verkaufen lässt. Manchmal bekommt jemand eine Förderung aufgrund seines Talents, aber dann wird immer ein Manager kommen, der davon profitieren will. Man muss klar sehen: Wenige Menschen im Musikgeschäft sind daran interessiert, diese Kunstform voranzubringen. Das primäre Ziel ist Gewinn.

Süddeutsche.de: Aber im Jazz steckt doch gar nicht mehr viel Geld. Die großen Labels machen mit einer Ausnahme gar keinen neuen Jazz mehr, die kleinen sind meist das Hobby von Idealisten ...