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Jazz-Patriarch:Ellis Marsalis

FILE: Jazz Musician Ellis Marsalis Dies Aged 85

Der Pianist Ellis Marsalis beherrschte Tradition und Avantgarde. Und auch wenn seine Söhne Wynton und Brandon berühmter wurden, war er einer der Großen von New Orleans.

(Foto: Bryan Bedder/AFP)

Der Pianist Ellis Marsalis beherrschte den Spagat zwischen Tradition und Avantgarde. Und auch wenn seine Söhne Wynton und Brandon berühmter wurden, war er einer der Großen von New Orleans.

Von Jonathan Fischer

Noch bis letzen Dezember konnte man ihn jeden Freitag in seiner Stammkneipe hören. Das Snug Harbour in New Orleans war für Ellis Marsalis so etwas wie sein erweitertes Wohnzimmer, ein Ort, wo der weißhaarige Pianist in der Großvater-Weste sein eigenes Songbook wie auch Familien-Anekdoten zum Besten gab: Etwa die von Wynton, der als Jugendlicher lieber Basketball spielen wollte, als sich die vom Vater empfohlenen Miles-Davis-Platten anzuhören. Heute gilt Wynton als eine der Jazz-Autoritäten schlechthin, und auch seine Brüder Branford, Delfeayo und Jason Marsalis haben mit ihren Ensembles ein Stück New Orleans in die Welt getragen.

Der Vater dagegen machte nie viel aufhebens von sich, wirkte lieber als Lehrer im Hintergrund. Er war am 14. November 1934, vier Jahre vor Allen Toussaint, dem anderen großen Pianisten seiner Nachbarschaft, in Gert Town zur Welt gekommen, spielte zunächst in einer Rhythm'n Blues Band Saxofon, wechselte dann zum Piano. Es ist ein Treppenwitz der Musikgeschichte, dass Ellis notgedrungen Klassik an der Dillard University in New Orleans studierte - weil Jazz noch nicht als respektables Fach galt. Dizzy Gillespie, Charlie Parker und Bebop waren damals neben Bach seine größten Einflüsse.

1956 reiste er nach Los Angeles, um sich dort der Band von Ornette Coleman anzuschließen. "Den Traditionalisten passte das nicht, mich aber interessierte Coleman, gerade weil ich ihn nicht verstand". Zurück in New Orleans akzentuierte er das Zusammenspiel von Schlagzeug und Piano, überführte die Tradition in die Gegenwart, mit Piano-Shuffles, scharf synkopierten Rhythmen und bluesigen Melodieführungen. Nat und Cannonball Adderley, Eddie Harris oder Courtney Pine engagierten ihn, während Ellis Marsalis unter eigenem Namen knapp zwanzig Alben einspielte. Am meisten profitierten von seinem Wissen allerdings andere: "Alles was ich kann, weiß und über Musikgeschichte lehre, verdanke ich meinem Vater", erklärte Wynton Marsalis einmal. Ellis, der mit seiner Frau Delores sechs Söhne großzog, liebte die Dozenten-Rolle. An den örtlichen Universitäten wie auch am New Orleans Center for Creative Artists formte er Generationen von Jazzstars, darunter Terence Blanchard, Harry Connick Junior, Irvin Mayfield, Donald Harrison und Nicholas Payton.

Nun ist der Patriarch im Alter von 85 Jahren an einer Covid-19-Infektion verstorben. Ellis Marsalis hätte sich sicher gewünscht, dass - wie bei Jazz Funerals üblich - an seinem Grab getanzt wird. Bis das wieder erlaubt ist, wird er sich wohl eine Etage höher mit Allen Toussaint und Dr. John Pianisten-Witze erzählen.

© SZ vom 03.04.2020

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